Dienstag, 19. November 2019

Licht macht glücklich!

Ausgabe 2019.11

Sie fühlen sich im Herbst und Winter antriebslos, schlafen schlecht und sind untertags unkonzentriert? Dann könnte es sich um eine klassische Herbst-Winter-Depression handeln. Die gute Nachricht: Mit einer ganz natürlichen Lichttherapie tanken Sie neue Energie – und Lust aufs Leben.

 


Foto: iStock-baona

Nach den gleißend hellen, warmen Sommertagen, die unseren Körper und unsere Seele gleichermaßen gestreichelt haben, ist es unvermeidlich: Die Tage werden immer kürzer und die Temperaturen sinken. Viele Menschen kommen in der Früh nur schwer aus dem Bett und fühlen sich auch tagsüber müde und erschöpft. Immer mehr Menschen leiden unter dieser saisonal abhängigen Depression – besser bekannt als Herbst-Winter-Depression. Diagnostiziert wurde sie erstmals in den 1980er-Jahren von Norman E. Rosenthal, einem südafrikanischen Psychiater und Wissenschafter, der über saisonale affektive Störungen (SAD) berichtete und als Pionier der Lichttherapie zu ihrer Behandlung gilt. Denn eine Lichttherapie kann in den dunklen Monaten helfen, die Symptome zu lindern. Licht beeinflusst nämlich unsere innere Uhr, die für wichtige Körperfunktionen verantwortlich ist: Wann wir Hunger haben, welche Hormone produziert werden und wie wir uns fühlen. Professor Dr. Edda Winkler-Pjrek ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin am Wiener AKH und Leitende Oberärztin der Spezialambulanz für Herbst-Winter-Depression: „Unser Bedürfnis nach Licht hat nicht nur psychiatrische Gründe. Viele Organe im menschlichen Körper brauchen Licht. Beispielsweise kann der Körper Vitamin D nur über die Haut durch die Bestrahlung mit Sonnenlicht erzeugen. In der Psychiatrie ist Licht unser Zeitgeber. Hormone wie Melatonin, das normalerweise tagsüber niedrig ist und nachts ansteigt, werden durch unseren Schlaf-wachrhythmus reguliert. Dadurch können wir gut schlafen. Ist Melatonin aber tagsüber hoch, sind wir müde und antriebslos.“

Antidepressivum Licht
Licht wirkt aber auch auf den Serotoninspiegel, unser Glückshormon. Es kann ihn erhöhen und hat daher eine antidepressive Wirkung. „Viele Studien zeigen eine deutlich antidepressive Wirkung von Licht. Es senkt den Melatoninspiegel und erhöht das Serotonin“, weiß Dr. Winkler-Pjrek. „Im Unterschied zur ,normalen’ melancholischen Depression, die mit Schlaf- und Appetitlosigkeit sowie Gewichtsabnahme einhergeht, schlafen Patienten mit einer Herbst-Winter-Depression viel, aber sehr oberflächlich, mit wenigen Tiefschlafphasen und wachen oft auf. Sie haben Heißhunger, essen viel, haben das Bedürfnis nach Kohlehydraten und nehmen an Gewicht zu. Das liegt daran, dass ihr Melatoninspiegel am Tag zu hoch ist.“ Dieses Hormon wird in der Zirbeldrüse im Zwischenhirn produziert. Auch Antriebslosigkeit, Vernachlässigung sozialer Kontakte und Konzentrationsstörungen zählen zu den Symptomen einer Herbst-Winter-Depression. Mittlerweile ist hierzulande jeder 40. bis 50. Mensch von einer Herbst-Winter-Depression betroffen. Frauen leiden häufiger daran als Männer. Man vermutet hormonelle sowie konstitutionelle Unterschiede in bestimmten Botenstoffsystemen.

Winterschlaf
Die Herbst-Winter-Depression scheint eine Krankheit zu sein, die erst durch unsere Zivilisation entstanden ist. Denn entwicklungsgeschichtlich dürfte der Lichtmangel in der kalten Jahreszeit eine Art Winterschlaf eingeleitet haben. Nur so, durch Reduktion aller Körperfunktionen, konnten die Menschen überleben, als es noch keine geheizten Räume gab und wenig zu essen. „Die Menschen wären im Winter verhungert, wären sie genauso aktiv gewesen wie in der warmen Jahreszeit. Selbst vor hundert Jahren noch war das Essen im Winter fett und kohlehydratreich“, erklärt die Ärztin. „Heute sind die Anforderungen an unser Leben ganzjährig gleich. Wir müssen das ganze Jahr über funktionieren und arbeiten gegen dieses urgeschichtliche Überbleibsel an. Lebt man aber ständig gegen die innere Uhr und bekommt nicht genügend Schlaf, kann das sogar zu psychotischen Episoden wie Panikattacken oder manisch-depressiven Erscheinungen führen.“ Besonders betroffen von der Herbst-Winter-Depression sind Menschen im Alter zwischen 30 und 60 Jahren. Junge Leute und Menschen über 65 leiden darunter interessanterweise nur sehr selten. Woher das kommt, fragen sich auch die Fachleute. „Ich bin gerade dabei, die Diagnosestabilität zu untersuchen, und stelle mir auch die Frage, ob die Herbst-Winter-Depression bei den meisten Patienten im Alter ausheilt bzw. in eine andere psychiatrische Erkrankung übergeht“, berichtet die Leiterin der Lichtambulanz am Wiener AKH. „Allerdings können Menschen in der Pension oftmals einfacher nach ihrem individuellen Schlaf-wach-Rhythmus leben.“ Auch Kinder haben einen zu Erwachsenen unterschiedlichen Schlaf-wach-Rhythmus, besonders in der Adoleszenz. Da sind sie nämlich nachtaktiv und schlafen bis Mittag – und das nicht nur durch Disco und Partys, sondern aufgrund ihrer Gehirnentwicklung.

Chance Lichttherapie
Die antidepressive Wirkung von Licht wird heute zur Behandlung von saisonabhängigen Depressionen eingesetzt. Denn man sollte sie nicht verharmlosen: „Herbst-Winter-Depressionen sind oft sehr beeinträchtigend für die Patienten. Es gibt auch bei der saisonalen Depression schwere Episoden mit Suizidalität. Wichtig sind die frühzeitige Diagnose und Behandlung. Man sollte der Lichttherapie jedenfalls eine Chance geben. Durch die Erhöhung des Serotoninspiegels ist die Lichttherapie eine wirksame nichtmedikamentöse Therapieform. Eine Untersuchung, die wir an der SAD-Ambulanz im AKH Wien durchgeführt haben, ergab, dass etwa die Hälfte unserer Patienten mit Lichttherapie alleine auskommt. Die anderen Patienten benötigen zusätzlich eine medikamentöse Therapie.“ Farben spielen bei der Lichttherapie übrigens eine untergeordnete Rolle. Das weiße Licht ist das beste. „Lichttherapie kann aber auch bei einer nicht saisonalen Depression als Zusatz zur antidepressiven Medikation helfen“, so Dr. Winkler-Pjrek. Für Patienten mit Herbst-Winter-Depression ist die alljährliche Zeitumstellung von Sommerzeit auf Winterzeit im Herbst eine besondere Belastung. „Viele Patienten bekommen Panik und fürchten sich schon zu Sommerende davor, weil sie dann morgens im Finsteren aufstehen müssen und auch abends erst in der Dunkelheit ihren Arbeitsplatz verlassen und gar kein Tageslicht bekommen“, sagt die Psychiaterin. „Die Beibehaltung der Sommerzeit wäre ein Bonus für alle Patienten. Nachmittags wäre dadurch noch vermehrte Bewegung im Freien möglich, die einen nachgewiesenen antidepressiven Effekt hat.“

Es werde Licht!
In der Lichttherapieambulanz am Wiener AKH haben die Patienten mit Herbst-Winter-Depression nach entsprechender Diagnosestellung die Möglichkeit, sich für einen Monat ein Lichttherapiegerät gratis auszuborgen. Da die Wirkung der Lichttherapie bereits nach etwa drei Tagen eintritt, können die Patienten den Effekt eines solchen Gerätes erproben und sich, wenn sie darauf ansprechen, selbst eine Lampe kaufen. „Die Lichttherapie sollten Sie täglich durchführen. Am besten lassen Sie sich in der Früh oder vormittags bei einem Abstand von 55 Zentimetern mindestens eine halbe Stunde von der Lampe mit 10.000 Lux bestrahlen“, so Winkler-Pjrek. „Will man ein brauchbares Gerät im Handel erwerben, kostet es ab ca. 400 Euro. Alle Geräte, die bei einem Abstand von mindestens 50 Zentimetern 10.000 Lux erreichen, sind zu empfehlen. Bei schwächeren Lampen mit beispielsweise 5.000 Lux muss man näher am Gerät sitzen und längere Zeit verweilen, um die geringere Lichtstärke wettzumachen.“ Achtung: Bestrahlen Sie sich niemals abends! Das führt zu Einschlafstörungen, denn abends ist ein hoher Melatoninspiegel im Blut für einen guten Schlaf erwünscht.

 

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