Mittwoch, 20. November 2019

Licht & Schatten von Antibiotika

Ausgabe 02/2012
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Vor 60 Jahren begann der Siegeszug der Antibiotika. Sie können Krankheiten heilen und Leben retten, werden aber oft auch unnötig verschrieben. GESÜNDER LEBEN hat daher ein kritisches Auge auf dieses (All-)Heilmittel geworfen.

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Bereits Ende des 19. Jahrhunderts beobachtete der italienische Arzt Bartolomeo Gosio, dass ein Schimmelpilz der Gattung Penicillium Mycophenolsäure das Wachstum des Milzbranderregers behindern kann. Auch Ernest Duchesne, Paul Ehrlich und Gerhard Domagk fanden bereits viele Jahre vor Sir Alexander Fleming Bakterien abtötende Wirkstoffe. Trotzdem gilt bis heute der schottische Bakteriologe Fleming als der, wenn man so will, offizielle Entdecker des Penicillins, wofür er 1945 auch mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde.

Antibiotika sind hilfreiche Mittel gegen bakterielle Infektionen – davon ist auch Florian Thalhammer, Facharzt für Innere Medizin sowie für Infektionen und Tropenmedizin an der Klinischen Abteilung für Infektionen und Tropenmedizin in Wien sowie Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin, überzeugt: „Bei klaren Indikationen, wie Lungenentzündung, Rotlauf (Anm.: eine plötzlich auftretende, oberflächliche Entzündung der Haut) oder akuter Harnwegsinfektion, ist die Notwendigkeit einer Antibiotikatherapie zweifelsfrei gegeben. Bei den meisten lebensmittelbedingten, in Österreich erworbenen Durchfallserkrankungen oder einer positiven Borrelienserologie ohne entsprechendes klinisches Bild bzw. entsprechende Symptome sind Antibiotika jedoch nicht zielführend.“ Auch bei einem grippalen Infekt bzw. bei Erkältungskrankheiten mit Husten, Schnupfen, Hals- und Kopfschmerzen und genauso bei der „echten“ Grippe macht eine Behandlung mittels Antibiotika keinen Sinn. Der Grund: Es handelt sich um Viruserkrankungen und dagegen kommen Penicillin und Co. nicht an. Nichtsdestotrotz gibt es Fälle, bei denen der behandelnde Arzt zu Antibiotika greift, obwohl es sich „lediglich“ um eine virale Infektion handelt. Dann nämlich, wenn etwa schwere Folgekrankheiten zu befürchten sind.

Was ist ein Antibiotikum?
Unter dem Begriff Antibiotika werden verschiedene Substanzen mit Bakterien abtötender bzw. das Bakterienwachstum verhindernder Wirkung zusammengefasst. Neben Penicillin, dem wahrscheinlich bekanntesten Wirkstoff, gehören unter anderem auch Cephalosporin, Chinolone oder Makrolide dazu. Jede Substanz ist gegen spezifische Erregerarten bzw. Bakterien wirksam.

Zu viel des Guten. Trotzdem werden Antibiotika mitunter zu oft und auch fälschlich verschrieben. Das ist beispielsweise bei Kinderärzten in Italien der Fall, wie eine Studie unter der Leitung von Maria Luisa Moro von der Gesundheitsbehörde der Region Emilia-Romagna zeigt: Obwohl den Medizinern sehr wohl bewusst ist, dass die meisten Infektionen
der oberen Atemwege bei Kindern viraler, nicht bakterieller Natur sind und die Behandlung durch Antibiotika daher keinen Sinn macht, entscheiden sie sich für eine antibiotische Behandlung. Die Gründe sind erschreckend: 56 % der 633 befragten Kinderärzte waren sich ihrer Diagnose nicht sicher. In vielen Fällen lag es, so die Studie, aber auch daran, dass Erziehungsberechtigte regelrecht nach einem Antibiotikum verlangten. Diese Ergebnisse sollten zu Denken geben, auch weil  es Untersuchungen gibt, denen zufolge die Chance, an einem Reizdarmsyndrom zu erkranken, steigt, je öfter man im Kindesalter mittels Antibiotika behandelt wurde. Abgesehen davon: „Unnötige Verschreibungen von Antibiotika sind nicht nur gefährlich und teuer, sondern erhöhen die Antibiotikaresistenzen“, sagt Moro.

Wenn Antibiotika nicht mehr wirken. In Österreich wird erfreulicherweise  verantwortungsvoller mit der Gabe von Antibiotika umgegangen. Dennoch liest und hört man auch hierzulande immer öfter von Antibiotikaresistenzen. Dabei sind diese schon seit Einführung des Penicillins ein bekanntes Problem. Immerhin sind Bakterien „Kämpfer“ und entwickeln daher stets neue Strategien, um sich gegen ihre Vernichtung zu wehren. Freilich können sich Resistenzen nur dann entwickeln, wenn Bakterien relativ häufig mit antibiotischen Wirkstoffen in Kontakt kommen – sei das durch einen unkritischen oder übermäßigen Einsatz von Arzneimitteln, sei es durch die Nahrung. Antibiotika werden in der (Massen-)Tierhaltung eingesetzt, einerseits zur Eindämmung von Infektionsgefahren in Ställen, andererseits als Wachstumsförderer. Wenngleich zwischen der letzten Antibiotikagabe und dem Schlachttag eine bestimmte Wartezeit zu verstreichen hat, lassen sich vor allem im Schweinefleisch und bei Geflügel oft Spuren von Antibiotika nachweisen. In Deutschland sei, so eine neuen Studie, die antibiotikafreie Hähnchenmast nur noch die Ausnahme.

Als Folge der Resistenzen müssen stets neue Antibiotika entwickelt werden. Laut Thalhammer habe jedoch die Vergangenheit leider schon oft gezeigt, dass auch nach Einführung eines neuen Antibiotikums in kurzer Zeit die ersten Fallberichte mit neu aufgetretenen Resistenzen beschrieben wurden. „Dank des Resistenzberichts Österreich AURES 2010, der die Resistenzrate für die klinisch wichtigsten Bakterien in Österreich beschreibt, wissen wir, wie oft man bei einem bestimmten Bakterium mit einer Resistenz gegen ein bestimmtes Antibiotikum rechnen muss und können daher eine maßgeschneiderte Therapie verordnen“, erklärt Thalhammer. Nichtsdestotrotz ist eine rationale und kritische Antibiotikaverschreibung wesentlich, um die Wirksamkeit dieser wichtigen Heilmittel auch in Zukunft zu sichern.

Unnötige Antibiotika-verschreibungen sind nicht nur gefährlich und teuer, sondern erhöhen die Antibiotikaresistenzen.

Wie eine Flutwelle. Resistenzen sind sicherlich ein Thema, wenn es um Antibiotika geht. Ein Problem hat aber vor allem unser Darm. Man kann sich das in etwa folgendermaßen vorstellen: Wie eine Flutwelle spülen Antibiotika die Bewohner des Darms – die Darmbakterien, freilich nicht zu verwechseln mit den krankheitsauslösenden Bakterien – aber auch Land und Häuser – also die Darmschleimhaut – weg. Naheliegend, dass Irritationen des Verdauungstraktes, die sich etwa durch Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall zeigen, bekannte Nebenwirkungen von Antibiotika sind. Die Regeneration der Darmflora dauert bis zu sechs Monate, kann allerdings durch Probiotika beschleunigt werden. Noch besser ist es, wenn Probiotika schon während der Antibiotikabehandlung eingenommen werden, weil dadurch die Schleimhaut erst gar nicht weggeschwemmt wird – zumindest nicht in allzu großem Ausmaß.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Licht & Schatten von Antibiotika
Seite 2 Infektionen vorbeugen

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