Dienstag, 17. September 2019

Leben nach dem Krebs

Ausgabe 2016.10

Eine akute Krebstherapie erfolgreich überstanden zu haben, ist ein Geschenk. Doch was dann? Da Krebs heute besser behandelbar ist, können und müssen Betroffene verstärkt Wege zurück ins Leben finden. In Österreich bieten onkologische Rehabilitations­einrichtungen effektive Unterstützung.


Foto: © Can Stock Photo - racorn

Die Diagnose Krebs wird von den meisten Menschen mit Verzweiflung, Wut und Angst vor dem Tod assoziiert. Beunruhigend ist für viele zudem die Tatsache, dass einige Krebserkrankungen wie beispielsweise Prostata-, Lungen- oder Bauchspeicheldrüsenkrebs oft lange Zeit symptomlos verlaufen und dann scheinbar aus heiterem Himmel auftauchen. Umso wichtiger ist es, Früherkennungsuntersuchungen bei jenen Krebsarten durchzuführen, bei denen dies möglich ist (z. B. Brust-, Prostata- und Darmkrebs). „Die Zahl der Neuerkrankungen nimmt kontinuierlich zu“, bestätigt Martina Löwe, Geschäftsführerin der Österreichischen Krebshilfe. „Etwa 40.000 Menschen werden jährlich österreichweit mit der Diagnose Krebs konfrontiert. Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen.“ Der Anstieg der Erkrankung lässt sich nicht zuletzt auf die immer höher werdende Lebenserwartung zurückführen: Tatsache ist, dass Krebs mit zunehmendem Alter vermehrt auftritt. „Zu den häufigsten Krebserkrankungen zählen Brust- bzw. Prostata-, Lungen- und Darmkrebs“, so Löwe.

Adressen

Onkologische Rehabilitation

Sie wollen eine onkologische Rehabilitation in Anspruch nehmen? GESÜNDER LEBEN empfiehlt folgende Einrichtungen.

Onkologische Rehabilitation St. Veit:
www.wittlinger-therapiezentrum.com

Wittlinger Therapiezentrum in Walchsee:
www.wittlinger-therapiezentrum.com

Onkologische Rehabilitationsklinik Sonnberghof:
www.dersonnberghof.at

Therapiezentrum Rosalienhof in Bad Tatzmannsdorf:
www.bva.at/rosalienhof

Klinik Judendorf-Straßengel:
www.klinik-judendorf.at

Humanomed Zentrum in Althofen:
www.humanomed.at

Lebens.-Med Zentrum Bad Erlach:
www.lebensmed-baderlach.at

Der Rehabilitationsaufenthalt sollte nach erfolgter Therapie stattfinden. Ein Antrag dazu kann gleich im behandelnden Spital erstellt und dann bei der zuständigen Sozialversicherung eingereicht werden. Weitere Informationen zum Thema onkologische Rehabilitation bietet auch die Österreichische Krebshilfe www.krebshilfe.net

Mit Krebs leben. Krebs hat aber mittlerweile etwas von seinem Schrecken verloren. Vor 40 Jahren etwa galt er oft als akute Erkrankung, die rasch zum Tod geführt hat. „Heute hingegen lassen sich mit modernen Krebsmedikamenten deutlich bessere Prognosen erzielen“, betont Prim. Univ.-Prof. Dr. Alexander Gaiger, Leiter der Abteilung für Onkologische Rehabilitation im Lebens.Med Zentrum Bad Erlach. „Die Überlebenszeit steigt auch bei vielen aggressiven Krebsformen. Einige Experten sprechen hier von ,chronischen Erkrankungen‘. Das bedeutet, dass ein stabiler Status mit bestmöglicher Lebensqualität erreicht wird.“ Erfreulicher Zusatz: Auch die Heilungsraten haben sich verbessert. Einen entscheidenden Beitrag dazu haben sowohl verbesserte Früherkennungs- als auch Behandlungsmethoden geleistet. Und: In den vergangenen Jahren hat auch die Bedeutung von Rehabilitationsmaßnahmen zugenommen. Denn: Ist die akute Behandlung überstanden, ist es Zeit für die Rückkehr in den Alltag. Doch das ist für viele nicht so leicht.

Geheilt. Und danach? „Menschen, die den Krebs besiegen konnten, haben eine enorme körperliche Leistung vollbracht, die mit Aktivitäten von Spitzensportlern zu vergleichen ist“, ist Gaiger überzeugt. Die leeren Krafttanks gilt es daher, sinnvoll und gezielt wieder zu füllen. Viele Menschen fangen spätestens in dieser Phase an zu überlegen, was sie alles in ihrem Leben gerne verändern möchten, wählen einen gesünderen Lebensstil mit Bewegung im Alltag und vitaminreicher Kost, verreisen oder wenden mehr Zeit für sich selbst und/oder mit Familie und Freunden auf. Doch überfordern Sie sich dabei nicht! Es müssen nicht alle Veränderungen von heute auf morgen geschehen. Der Weg zurück in den Alltag kann ganz unterschiedlich gelingen. Je nach vorrangigen Beschwerden gehören dazu die Behandlung bzw. Reduktion von Nebenwirkungen der Krebsbehandlung. Dazu zählen u. a. das chronische Erschöpfungssyndrom, Depressionen, Nerven-, Muskel- und Konzentrationsstörungen, beeinträchtigte Sexualität oder eine geschwächte Immunabwehr. „Darüber hinaus geht es um einen besseren Umgang mit dem veränderten Körperbild sowie die Stärkung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit und Gesundheit“, ist sich Priv.-Doz. Dr. Marlene Troch, stellv. Leiterin der Abteilung für Onkologische Rehabilitation im Lebens.Med Zentrum Bad Erlach, sicher. Im Sinne eines integrativen Konzepts erfahren Patienten, die ihre primäre Krebsbehandlung (z. B. Chemo- oder Strahlentherapie) bereits abgeschlossen haben, eine maßgeschneiderte körperliche, psychische und soziale Behandlung. Im Regelfall dauert eine solche multimodale Therapie entweder sechs Wochen ambulant oder drei Wochen stationär und kann auch wiederholt in Anspruch genommen werden. Inhalte einer modernen Krebsrehabilitation sind u. a. Bewegungs- und Ergotherapie, psychologische und psychoonkologische Betreuung, Entspannungs­training, Ernährungsberatung und Sozialarbeit. Eine wichtige Säule der onkologischen Rehabilitation stellt zweifelsohne Bewegung dar. Experten sind sich sicher, dass sie nicht nur die körperliche Leistungsfähigkeit sowie die Lebensqualität verbessert und Nebenwirkungen der Krebserkrankung minimiert, sondern auch das Rückfallrisiko reduziert. „Belege dafür liefern größere Studien, die zu Dickdarm-, Brust- und Prostatakrebs durchgeführt wurden. Viele weitere Untersuchungen laufen und bestätigen die beträchtliche Wirkung“, so Troch. Und Gaiger ergänzt: „Die Wirkung der Bewegungstherapie bei äußerst günstigem Nebenwirkungsprofil wurde bis vor Kurzem noch weit unterschätzt.“ Und was bedeutet das für die Rehabilitationspatienten? Sie erhalten abhängig von individuellen Faktoren einen von Medizinern und Therapeuten erstellten Plan, der u. a. Heilgymnastik, Kraft-, Ausdauer- und Koordinationstraining umfasst. Etwa drei Stunden in der Woche sollten es sein, um sicht- und spürbare Ergebnisse zu erzielen.

Gibt es eine Krebsdiät? „Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse und Fisch sowie wenig tierischem Fett sollte fixer Bestandteil des Therapiekonzepts sein“, betont Gaiger. „Entgegen oftmals propagierter Meinung gibt es allerdings keine wissenschaftliche Evidenz dafür, dass der Verzicht auf bestimmte Lebensmittel oder gar das Aushungern die Krebsheilung fördert oder das Rückfallsrisiko senkt.“ Ganz im Gegenteil: Extreme Diäten führen oft zu Mangelerscheinungen sowie Gewichtsverlust und schwächen den Organismus. Aber Achtung: Im Rahmen von modernen Krebstherapien gibt es auch Interaktionen mit gewissen Nahrungsmitteln. „Das bedeutet, dass die Wirkung der Therapie herabgesetzt oder Nebenwirkungen verstärkt werden können. Hier sollte man Rücksprache mit den Krebsspezialisten halten“, erläutert Troch.

Die Seele stärken. Immer wieder ist zu beobachten, dass Menschen ihre Operation und die nachfolgende Therapie mit Elan, Optimismus und Tapferkeit bestreiten. Und danach, wenn alles überstanden ist, „fallen“. Depressionen können spät und heftig auftreten. In vielen Fällen ist es die Furcht vor Rezidiven, also Rückfällen, die sich verselbständigt. „Es ist völlig normal, dass geheilte Patienten Angst vor Rückfällen haben“, so Gaiger. „Diese Angst zuzulassen, ist in Ordnung, sich von ihr beherrschen zu lassen, aber nicht.“ Manchmal gesellen sich auch Schlafstörungen und quälende Erinnerungen an die Erkrankung dazu. In diesem Fall ist eine psychotherapeutische bzw. psychoonkologische Unterstützung empfehlenswert. Auch für Angehörige ist es oftmals ratsam, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, da auch Partner, Eltern und Kinder lernen müssen, mit der neuen Lebenssituation zurechtzukommen.

Spannungen lösen. Auch der Faktor Entspannung spielt im Rahmen von onkologischer Rehabilitation eine wichtige Rolle. „Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, autogenes Training oder Imaginationen können zur Verringerung von körperlicher und psychischer Anspannung beitragen“, weiß Gaiger. Onkologische Rehabilitationsmaßnahmen unterstützen den Behandlungserfolg der primären Antitumortherapie und verbessern die Lebensqualität. „Es handelt sich um ein sehr junges Konzept, das sich erst flächendeckend etablieren muss. Derzeit nehmen nur drei bis zehn Prozent der Betroffenen das Angebot in Anspruch“, gibt Gaiger zu bedenken. „Ich gehe aber davon aus, dass die Zahl von Jahr zu Jahr wachsen wird.“ 

Interview

Völlig überraschend erkrankte die mittlerweile 30-jährige Katharina letztes Jahr an Brustkrebs (GESÜNDER LEBEN hat berichtet). Bis Februar 2016 unterzog sich die Mutter einer mittlerweile 16 Monate alten Tochter einer Chemotherapie. Im März erfolgte eine Brust-Amputation, da ein Test das Wiederauftreten der Erkrankung – Katharina litt unter Triple-negativ-Brustkrebs, einer besonders aggressiven Brustkrebsart – zu 90 Prozent bestätigt hat. Es waren harte Monate für Katharina, die sie mit viel Kraft und Optimismus überstanden hat. Heute ist sie wieder gesund. Sie konnte den Krebs besiegen.

Wir haben gefragt, wie sie die Strapazen meisterte und wie sich ihr Alltag verändert hat.

Wie geht es Ihnen?
Katharina: Danke, ganz gut. Meine Tochter liegt im Bett und schläft. Jetzt habe ich etwas Zeit für mich
(schmunzelt).

Sie haben sich nach der Chemotherapie die Brüste entfernen und durch Implantate ersetzen lassen. Wie fühlt sich das heute an?
Besser als gedacht. Die ersten beiden Wochen nach der OP, die insgesamt sechs Stunden gedauert hat, waren sehr anstrengend. Ich durfte nichts heben und habe selbst für die einfachsten Dinge wie Reißverschluss öffnen Hilfe benötigt. Wie Sie sich sicherlich vorstellen können, war es mit einem kleinen Kind doppelt so schwer. Für Wickeln, Füttern etc. habe ich Unterstützung gebraucht. Aber dank der Hilfe meiner Familie habe ich es irgendwie geschafft. Zwei Wochen nach der OP war ich schmerzfrei, drei Monate später hatte ich ein Körpergefühl wie früher. Dass meine Brüste „nicht echt“ sind, bemerke ich heute kaum. Sie gehören zu mir wie jeder andere Körperteil.
 
Wie hat sich der Alltag nach der OP gestaltet?
Ich verbringe viel Zeit mit meiner Tochter. Wir spielen, lesen, gehen spazieren und treffen Freunde. Ohne sie hätte ich es vermutlich nicht so schnell geschafft, wieder Struktur in meinen Alltag zu bringen. Sie braucht, fordert und motiviert mich – ganz abgesehen davon, dass sie mir sehr viel Freude bereitet. In den beruflichen Alltag bin ich auch zurückgekehrt. Seit Mai arbeite ich 20 Stunden in der Woche.

Was hat sich verändert?
Vor allem das Denken. Dinge relativieren sich. Worüber ich mich früher oft aufgeregt habe, belächle ich heute. Oder versuche es zumindest. Ganz unbeschwert geht es eben leider nicht – auch wenn ich ein „harter Knochen“ bin. Die Angst, wieder krank zu werden, sitzt einem doch im Nacken. Kleine Beschwerden wie Kopf- und Bauchweh werden gleich überinterpretiert. Kurz vor Kontrolluntersuchungen schlafe ich schlecht. Aber ich hoffe, dass das mit der Zeit besser wird. Ansonsten läuft der Alltag fast wie
bisher.

Fast?
Na ja, wenn mich z. B. Menschen, die mich länger nicht gesehen haben, auf meine kurzen Haare – ich hatte früher eine lange Mähne – ansprechen, taucht der Krebs wieder verstärkt in mein  Bewusstsein.

Inwiefern sorgen Sie für seelischen Ausgleich?
Mittlerweile bewege ich mich wieder gerne, bin körperlich fit und betreibe Zumba und Bauchtanzen. Außerdem liebe ich es, auswärts essen zu gehen, egal ob ins Café zum Frühstücken oder mit Freunden und/oder meinem Mann zum Heurigen. Ich bin ein Genussmensch und brauche diese kleinen Auszeiten im Alltag.

Nehmen Sie psychologische Betreuung in Anspruch?
Mittlerweile nicht mehr. Ich tausche mich eher mit Freunden und der Familie aus. Aber während der Chemotherapie hat mir die psychologische Unterstützung sehr gutgetan.

Wie sieht es mit onkologischer Rehabilitation aus?
Davon halte ich sehr viel! Ich möchte dieses tolle Angebot sehr gerne nutzen, werde aber noch ein wenig warten – bis meine Tochter ein bisschen größer ist. Jetzt möchte ich erst einmal ganz viel Zeit mit ihr verbringen.

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