Leben mit der Diagnose Diabetes

Ausgabe 2013/04

Übersetzt bedeutet Diabetes mellitus „honigsüßer Durchfluss“. So schön dies klingt, so gravierend können die Folgen sein. Doch: Auch Diabetes ist eine Frage des Lebensstils – und wird dieser geändert, besteht Chance auf Besserung.


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Insulin und Glukose gehören zusammen wie Pech und Schwefel. Sowohl das eine als auch das andere ist lebenswichtig, denn ohne sie würden wir verhungern. Glukose ist ein Einfachzucker (Monosaccharid) und gehört zu den Kohlenhydraten. Es ist ein essenzieller, also lebensnotwendiger Nährstoff der Körperzellen, der ohne das energiestoffspeichernde Hormon Insulin nie dorthin gelangen würde. Zucker ist also – freilich in Maßen genossen – durchaus gut für uns. Mehr noch: Wir brauchen ihn als Energielieferanten. Essen wir zuckerhaltige Lebensmittel, gelangt Glukose ins Blut, wodurch der Blutzuckerspiegel ansteigt. Als Reaktion produziert die Bauchspeicheldrüse Insulin, das ebenfalls ins Blut ausgeschüttet wird. Insulin wiederum erfüllt eine Vielzahl von biologischen Aufgaben: Unter anderem ist es für die Glukoseaufnahme im Gehirn und im Muskelgewebe verantwortlich, aber etwa auch für den Auf- und Abbau von Fettgewebe, die Förderung des Zellwachstums und insbesondere für den Transport der Glukose in die Muskel- und Fettzellen. „Insulin wird manchmal als ‚Schlüssel’ bezeichnet, der dem Zucker quasi die Türen zu den Zellen öffnet. Dort wird Glukose in Energie umgewandelt, wodurch der Blutzuckerspiegel wieder sinkt“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Monika Lechleitner, Primarärztin der Inneren Abteilung am Landeskrankenhaus Hochzirl sowie Vorstandsmitglied der Österreichischen Diabetesgesellschaft (ÖDG).

Was passiert bei Diabetes? Bildlich gesprochen, passt beim Diabetiker der Schlüssel nicht zum Schloss, weil entweder zu wenig Insulin ausgeschüttet wird oder weil es nicht so wirkt, wie es sollte. Die Zuckerkrankheit bzw. Diabetes mellitus ist eine chronische Störung des Stoffwechsels. Dabei werden grob zwei Gruppen unterschieden: Typ 1 und Typ 2. Lechleitner: „Dem Typ-1-Diabetiker fehlt Insulin, weil die insulinerzeugende Zelle durch eine chronische Entzündung zerstört wird. Es handelt sich also um eine Autoimmunerkrankung, die oft schon bei Kindern bzw. Jugendlichen auftritt und daher auch als jugendliche Diabetes bezeichnet wird.“ Laut ÖDG, sind fünf bis zehn Prozent aller Diabetes-Patienten vom Typ 1 betroffen, was etwa 50.000 Österreichern entspricht. Typ-2-Diabetes ist auch als Altersdiabetes bekannt, wenngleich die Zahl der daran erkrankten Kinder und Jugendlichen seit einigen Jahren in einem bedenklichen Ausmaß zunimmt. Ob Alt oder Jung, meist handelt es sich beim Typ-2-Diabetiker um übergewichtige Menschen. Und da das Insulin nicht mit dem Körpergewicht mitwächst, kann es passieren, dass die Bauchspeicheldrüse, vereinfacht gesagt, zu wenig Insulin für das zu hohe Körpergewicht produziert. Ärzte sprechen dann von einem gestörten Muster der Insulinsekretion bzw. der Insulinausschüttung. Mitunter kommt es aber auch zu einer Abschwächung der Wirkung des erzeugten Insulins und somit zu einer Insulinresistenz. Übrigens: Abgesehen von Übergewicht und falscher Ernährung, wird Insulin durch Hormone, Medikamente und Bewegungsmangel zusätzlich gedrosselt.

Tückische Krankheit. Während die Krankheit bei Typ-1-Diabetikern in den überwiegenden Fällen recht schnell diagnostiziert werde, nehme Typ-2-Diabetes meist einen schleichenden Verlauf, so die Expertin: „Häufig kommt es erst nach jahrelanger Krankheit zu einer Erschöpfung, denn die gestörte Insulinwirkung wird anfangs oft durch eine Mehrwirkung der Bauchspeicheldrüse kompensiert.“ Das Heimtückische an Diabetes ist also, dass die Betroffenen lange beschwerdefrei sind – zumindest vermeintlich beschwerdefrei. Im Grunde gibt es nämlich einige Symptome, die schon frühzeitig auf eine Erkrankung hinweisen: zum Beispiel großer Durst, häufiges Wasserlassen, wobei auch die Harnmenge zunimmt, Abgeschlagenheit und Leistungsabfall, da im Körper Zucker und somit Energie fehlt, Appetitlosigkeit, Gewichtsabnahme oder Heißhunger, Sehverschlechterungen, zunehmende Infektanfälligkeit sowie Libidostörungen bei Männern und unregelmäßige Regelblutungen bei Frauen.

Spätfolgen. Da Diabetes also zuweilen jahrelang unentdeckt in einem schlummern kann, entsteht ein weiteres Problem: Abgesehen davon, dass die Zellen ohne ihren „Treibstoff“ Glukose auskommen müssen, bleibt auch eine große Menge davon im Blut zurück, was zu weitreichenden Schäden an Gefäßen, Nerven und Organen führen kann. Diese Schäden bleiben ebenso vorerst unbemerkt, wodurch die Gefahr der Spätfolgen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenversagen (in Folge Dialyse) und Erblindung einmal mehr ansteigt. Im schlimmsten Fall kann eine unbehandelte Diabetes tödlich enden – doch daran möchten wir gar nicht erst denken. Daher gilt: frühzeitig vorsorgen!

Eine Frage des Lebensstils. Bewegungsmangel, hyperkalorische Ernährung, Übergewicht und Rauchen zählen zu den absoluten „No-Gos“, insbesondere wenn Diabetes in der Familie liegt. „Die Anlage, an Typ 2-Diabetes zu erkranken, wird von den Eltern vererbt. Meist bricht die Krankheit in der vierten oder fünften Lebensdekade aus, bei Frauen unter Umständen früher, etwa im Rahmen einer Schwangerschaftsdiabetes“, so Lechleitner. Was bei Typ 1 nicht möglich ist, kann bei Typ 2 dazu führen, die Manifestation der Krankheit hinauszuzögern: So haben mehrere weltweit durchgeführte Studien gezeigt, dass Bewegung und leichte Gewichtsabnahme das Risiko um bis zu 30 Prozent vermindern können.

„Smarte“ Diabetes- Unterstützung

Im Zeitalter der Smartphones können Diabetiker-Apps große Dienste leisten!

Zwei Beispiele:
DiabetesPlus: Mithilfe dieser „Tagebuch-App“ können z. B. Blutzuckerwerte, Angaben zu Basis- und Bolus-Insulin, Broteinheiten (BE), aber auch Sporteinheiten und Notizen verwaltet werden.
Broteinheiten-App: Nutzer können das entsprechende Nahrungsmittel entweder über die Produktgruppe, den Hersteller oder über Volltextsuche ermitteln. Das Mitführen eines BE-Buches ist dadurch nicht mehr erforderlich.

Diabetes bei Kindern und Jugendlichen. Nicht zuletzt weil, wie bereits erwähnt, immer mehr Jugendliche an Diabetes erkranken, kann mit der Prävention nicht früh genug begonnen werden. Allein: Bei Kindern und Jugendlichen spielt der Spaßfaktor natürlich eine entscheidende Rolle. Dass also Bewegung die Insulinwirkung erhöht, ist gut und richtig, interessiert die Kids aber weniger. Umso besser, dass Bewegung auch Spaß macht. Allerdings sollten wir ihnen das nicht nur so früh wie möglich beibringen, sondern es ihnen vor allem vorleben.

Richtig essen. Ebenso zentral ist gesunde Ernährung – präventiv sowie wenn die Krankheit bereits diagnostiziert wurde, denn, laut Lechleitner, ist „Ernährung in der Behandlung eine im Lebensstilinterventionsbereich angesiedelte therapeutische Maßnahme“. Auch bei der ersten gemeinsamen Tagung der ÖDG und der Schweizerischen Gesellschaft für Endokrinologie und Diabetologie Anfang März in Bregenz wurde die Wichtigkeit der Ernährung für die Stoffwechselkontrolle bei Diabetes betont. Einig war man sich jedoch, dass eine früher oft empfohlene, strenge Diät nicht mehr erforderlich sei. Vielmehr sei es maßgeblich, die individuellen Gegebenheiten bei der Ernährung zu berücksichtigen. Wichtig ist vor allem, dass die Ernährung bei Übergewicht nicht zu kalorienreich ist, denn nur so kann eine Reduktion des Körpergewichts erreicht werden. Was aber ist gesund? Eine ausgewogene Mischkost, und zwar dauerhaft (ca. 50 % Kohlenhydrate, 10 bis 15 % Proteine, ca. 30 % Fett). Gerade bei den Fetten sollte man den „guten“ den Vorzug geben, stellen Fette doch die stärkste konzentrierte Speicherungsform von Energie dar. Außerdem sind sie unerlässlich für die Funktion von Hormonen sowie Enzymen und können Schwankungen im Blutzuckerspiegel verringern. Zudem deuten Studienergebnisse darauf hin, dass speziell bei Diabetikern gilt: je niedriger der Cholesterinspiegel bzw. je weniger „böses“ LDL-Cholesterin, desto besser.


 

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Insulintherapie für Typ-1-Diabetiker. Gewiss ist auch Typ-1-Diabetikern anzuraten, auf ausreichend Bewegung und gesunde Ernährung zu setzen, wobei zusätzlich die Beurteilung der Broteinheiten (BE) entscheidend ist. Lechleitner: „Der Insulinmangel bleibt ein Leben lang bestehen und muss durch eine funktionelle Insulintherapie, die der Betroffene selbst durchführt, ersetzt werden. Dabei wird das benötigte Insulin nach der Menge der zu sich genommenen BE und dem Korrekturfaktor Zucker bemessen.“

Sind Sie „glyklich“? Von großer Bedeutung sei überdies der Blick auf den glykämischen Index (GI), immerhin ist dieser dafür verantwortlich, wie rasch der Blutzucker nach einer Mahlzeit ansteigt. Generell werden Lebensmittel mit einem GI unter 50 (z. B. Buchweizen, Roggenvollkornbrot, Vollkornnudeln, Kichererbsen, Linsen, Soja, Wildreis, die meisten Obst- und Gemüsesorten) empfohlen, während solche mit einem GI ab 70 (z. B. weißes Toastbrot, weißer Reis, Zucker, gezuckerte Zerealien, Chips, Cola) gemieden gehören. Alles dazwischen (z. B. Bananen, Pellkartoffeln, Basmati-, Naturreis, Bulgur) darf hin und wieder auf dem Speiseplan stehen. Der GI hängt allerdings auch von der Kombination und Zubereitung ab. „Komplexe Kohlenhydrate werden langsamer abgebaut und erhöhen den Blutzuckerspiegel nicht so stark und nicht so rasch. Man sollte also zum Beispiel lieber zu Vollkornbrot und -nudeln greifen als zur Weißmehlvariante“, erklärt Lechleitner. Was die Zubereitung anbelangt, sind etwa Pellkartoffeln dem Erdäpfelpüree vorzuziehen und Nudeln gehören al dente serviert. In Bezug auf die Zusammensetzung sei erwähnt, dass es vom GI her ungünstig ist, wenn beispielsweise Erdäpfel mit Milch oder Karotten mit einer Rahmsauce kombiniert werden.

Mehr Lebensqualität: Sie haben es in der Hand! Und noch eine gute Nachricht zum Schluss: Für den Typ-2-Diabetiker besteht sehr wohl Chance auf Besserung. Allerdings nur wenn die Behandlung in Kombination mit einer Änderung des Lebensstils einhergeht. So können eine ausgewogene, gesunde Ernährung, Gewichtsabnahme, Fettabbau und ausreichend Bewegung mitunter wahre Wunder bewirken.

 

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