Sonntag, 17. Februar 2019

Leben bis zuletzt

Ausgabe 2017.04
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In Geborgenheit und Würde zu sterben, körperlich und seelisch liebevoll und fachkundig betreut, wünscht sich wohl jeder Mensch. GESÜNDER LEBEN hat einen Blick auf die letzte Zeit des Lebens geworfen und mit Menschen gesprochen, die sich der Betreuung von Schwerstkranken und Sterbenden widmen.


Foto: Can Stock Photo - obencem

Die Zeit des Sterbens ist eine besonders intensive und vielleicht auch eine sehr wichtige Phase in unserem Leben. Sterbende Menschen sind sehr verletzlich und in besonderer Weise auf die Fürsorge anderer angewiesen“, lesen wir im Ratgeber von „Hospiz Österreich“ für Angehörige von schwer kranken Menschen. Wer sie begleitet, sollte bereit sein, die Art und Weise zu akzeptieren, die der Sterbende für sich wählt, denn es ist ein individueller Prozess. Ziel ist es nicht, das Sterben hinauszuzögern, sondern für ein möglichst hohes Maß an Wohlbefinden zu sorgen – ganz nach den momentanen Bedürfnissen des Patienten.

Hospiz – Zeit schenken

„Unser Ziel ist es, Menschen Zuwendung und ganzheitliche Betreuung in ihrer letzten Lebenszeit zu ermöglichen. Der Patient in seiner Gesamtheit, als Mensch mit seinen Bedürfnissen und Wünschen, steht im Zentrum aller unserer Bemühungen. Wichtig ist es, den Wunsch nach Selbstbestimmung zu respektieren. Körperliche und psychische Belastungen sollen gelindert werden. Und wir bieten den Angehörigen Hilfe, Entlastung und Betreuung über den Tod hinaus“, erklärt Sigrid Kügerl, Koordinatorin des Mobilen Hospizteams im niederösterreichischen Bezirk Baden. Mit ihren 36 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen – aus allen Alters- und Berufsgruppen – begleitet sie schwer kranke und sterbende Menschen zu Hause und in stationären Einrichtungen. Und das, solange es gewünscht wird und ungeachtet ihrer Herkunft und Religion. Alle Mitarbeiter haben eine mehrwöchige Ausbildung in Lebens-, Sterbe- und Trauerbegleitung, bilden sich laufend weiter und stehen unter Supervision. „Hospizbegleiter sind in der Zeit einer schweren Erkrankung als Ansprechpartner für die gesamte Familie da“, sagt sie. Für die Patienten selbst bedeutet der Besuch eine willkommene Abwechslung im Krankenalltag. „Die Ehrenamtlichen schenken Zeit, um über Ängste und Sorgen zu sprechen, um spazieren zu gehen, zu singen, um vorzulesen, miteinander zu schweigen, kleine Besorgungen zu erledigen, Briefe zu schreiben, um Sitzwache zu halten und um miteinander zu lachen – um einige Augenblicke Unbeschwertheit zu erleben.“ Pflegeleistungen und medizinische Betreuung fallen nicht in das Aufgabengebiet des Hospizteams, dafür sind mobile Hauskrankenpflegedienste zuständig. Pflegende Angehörige haben durch Hospizbegleiter die Möglichkeit, das Haus zu verlassen und den Patienten gut betreut zu wissen. Und sie werden in der Zeit des Abschiednehmens seelisch unterstützt und in ihrer Trauer auch über den Tod hinaus begleitet. Kügerl: „Trauer ist eine ganz normale Reaktion auf einen bedeutenden Verlust, der den Menschen in seiner Ganzheit betrifft, ein aktiver Anpassungsprozess an eine neue Lebenssituation. Dabei kann und soll man sich unterstützen lassen. Leider ist das heutzutage oft ein Tabuthema.“

Palliativ – Lebensqualität sichern

„Im Idealfall arbeiten Hospiz- und Palliativmitarbeiter zusammen und ergänzen einander“, erklärt Hilde Kössler. Sie ist Koordinatorin des Mobilen Palliativteams Baden und hat als ausgebildete Krankenschwester einen Master in Palliative Care und Advanced Nursing Education und leitet ein multiprofessionelles Team von speziell ausgebildeten Ärzten und Krankenschwestern, einer Psychotherapeutin und einer Sozialarbeiterin. „In Zusammenarbeit mit Hausärzten, Hauskrankenpflege, stationären Einrichtungen und den mobilen Hospizteams der Region bieten wir Beratung zur Erhaltung der höchstmöglichen Lebensqualität“, erklärt Kössler. Es geht in erster Linie um die Linderung von physischen Symptomen wie Schmerzen, Erbrechen und Übelkeit, Atemnot und Schwindel, aber auch um die Einschulung von Hausärzten, Krankenpflegern und Angehörigen auf pflegerische und therapeutische Techniken durch die hoch spezialisierten Fachleute der Palliative Care. Das Palliativteam steht Ärzten, Pflegern und Angehörigen unterstützend zur Seite. Dazu gehört auch die Erstellung von Krisenplänen, also die vorausschauende Planung für einen kompetenten Umgang mit Verschlechterungen. „Wenn der Patient plötzlich nicht mehr schlucken kann, sollen die Pflegenden rechtzeitig gelernt haben, spezielle Schmerztabletten in die Wangenschleimhaut einzubringen oder Injektionen zu geben oder eine Schmerzpumpe zu betätigen. Die Angehörigen sollen nach dem Tod des Patienten sagen können, wir haben es in Eigenverantwortung gemeinsam mit dem Verstorbenen geschafft.“ Es geht in ihrer Arbeit nicht nur um Sterbende, sondern um unheilbar kranke Menschen, die vom Palliativteam in schwierigen Phasen der Krankheit betreut werden, wobei dazwischen oft monatelange gute Phasen ohne Betreuungsbedarf liegen können. Wichtig ist der richtige Zeitpunkt für den Beginn einer Palliativbetreuung: „Je früher, desto besser, denn Palliativbetreuung heißt, das Leben mit Therapien, die zwar keine Heilung bringen können, sinnvoll zu verbessern.“ Schwerstkranke und ihre Angehörigen werden auch psychosozial betreut, denn „oftmals geht es nicht um den normalen Sterbeprozess alter Menschen, sondern um Junge, die Kinder zurücklassen, oder um Kinder, die vor ihren Eltern sterben, um Familien in prekären finanziellen Situationen oder auch um die spirituelle Dimension der Lebensrückschau und des Sinnfindens“, erzählt die Palliativkoordinatorin. „Ein Großteil unserer Arbeit ist die Betreuung der Angehörigen. Da kocht beispielsweise die Familie das Lieblingsessen und ist enttäuscht, dass der Patient nicht mehr essen will. Dabei ist es ganz normal, dass man im Sterbeprozess keinen Hunger und Durst verspürt. Oder Kindern wird nach dem Tod eines Angehörigen gesagt, er sei friedlich eingeschlafen, und später entwickeln sie selber große Ängste vor dem Einschlafen.“ Und wie erhält man eine Palliativbetreuung? Kössler: „In jedem Krankenhaus in Niederösterreich gibt es entweder eine Palliativstation oder einen Palliativkonsiliardienst. Dabei wird auch Hospiz- und Palliativbetreuung für zu Hause vermittelt. Und: Ärzte, Pflegedienste, Angehörige oder Patienten selbst können palliative Betreuung anfordern.“ Für Menschen, die aufgrund ihrer schwierigen Symptomatik oder psychosozialen Situation zu Hause nicht entsprechend versorgt werden können, gibt es die Möglichkeit, in ein stationäres Hospiz zu gehen. Nicht zuständig ist das Palliativteam für den normalen Sterbeprozess alter Menschen, die dabei von ihrem Hausarzt, Pflegeorganisationen oder in Pflegeheimen betreut werden.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Leben bis zuletzt
Seite 2 Kostenlosee Betreuung am Lebensende

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