Dienstag, 11. Dezember 2018

Lass die Schuhe zu Hause!

Ausgabe 2018.06

Obwohl die Barfußsaison schon im Mai begonnen hat, gehen nur die wenigsten ohne Schuhe aus dem Haus. Das ist mehr als nur schade, denn Barfußgehen tut dem Körper und der Seele gut.


Foto: iStock-Image Source-72420718

Nachdem der Sommer dieses Jahr schon im April Einzug gehalten hat, durften wir bereits vor Wochen dicke Kleidung gegen kurze Hosen, Röcke und Tops tauschen und die warmen Stiefel im Kasten verstauen. Und seit Mai „dürfen“ wir ja auch wieder ohne Schuhe über Stock und Stein und durch Wiesen und Wälder spazieren – zumindest wenn man einer alten Bauernregel Glauben schenkt. Diese nämlich besagt, dass man nur in jenen Monaten barfuß gehen sollte, die kein „r“ im Namen tragen.

Sensible Füße. Fakt ist: Barfußgehen tut gut, und zwar dem ganzen Körper. Umso bedauerlicher ist es, dass wir nur mehr selten auf die Schuhe verzichten. Waren wir als Kinder ständig barfuß unterwegs, stecken wir unsere Füße heute meist in (zu) enge Schuhe. Dass wir mittlerweile vom Barfußläufer zum Schuhträger geworden sind, sei freilich in Ordnung, betont Dr. Florian Dirisamer, Facharzt für Orthopädie und Sportchirurgie in Linz: „Entwicklungsgeschichtlich betrachtet, ist das Barfußgehen jedoch etwas sehr Natürliches. Auf unserer Fußsohle befinden sich eine Vielzahl von Rezeptoren und Muskeln. Diese melden dem Gehirn, auf welchem Boden man läuft.“ So ist es nahezu unmöglich, barfuß umzuknicken, weil ein falsches bzw. schiefes Auftreten schon frühzeitig bemerkt und ausgeglichen werden kann. Der Grund: Durch die Sensorik in unseren Fußsohlen wird eine Befehlskette ausgelöst, die schlussendlich in unserem Gehirn abruft, welche Bewegungsmuster ausgeführt und welche Muskeln angesteuert werden müssen. Die Rezeptoren in unseren Füßen sind somit das erste Glied einer langen Kette. Allein: Im Laufe der Jahrhunderte, in denen wir zum Schuhträger wurden, haben wir gewissermaßen verlernt, unseren Füßen zu vertrauen. Mit anderen Worten: Die Sensorik unserer Fußsohlen ist, wenn man so will, heute nicht mehr so feinfühlig wie früher.

Barfußtraining. Soll das heißen, dass wir ab sofort nur mehr barfuß gehen sollen? „Nein“, sagt Dirisamer. „In unserem Alltag ist es gar nicht vorstellbar, würden wir uns zum Barfußgeher zurückentwickeln. Jedoch kann und sollte das bewusste Barfußgehen sehr wohl als Trainingstool eingesetzt werden.“ Das hat auch aus medizinischer Sicht Sinn: Einerseits um Fußfehlbildungen vorzubeugen, andererseits als Begleitmaßnahmen zu operativen Korrekturen oder Einlagen. Immer öfter geben Orthopäden ihren Fußpatienten verschiedenste Aufgaben und Übungen. Beispielsweise sollen sie barfuß gehen und dabei mit geschlossenen Augen herausfinden, auf welcher Art von Untergrund sie gehen. Um die Fußmuskulatur zu stärken, empfehlen sich vor allem Greifübungen, bei denen etwa Legosteine farblich sortiert werden sollen. „Das machen wir oft bei Kindern mit einem sogenannten Knicksenkfuß“, so Dirisamer. Bei dieser leichten Fußfehlstellung weichen bzw. „knicken“ die Fersen im Stand nach außen und das Längsgewölbe, sprich die Fußsohle, ist deutlich abgeflacht bzw. abgesenkt. Bei einem Plattfuß – in gewisser Weise die Extremform des Knicksenkfußes – sollte man allerdings vom Barfußgehen absehen. Genauso ist das Barfußgehen für Menschen, die Gefühlsstörungen in den Beinen aufweisen, absolut ungeeignet. Das betrifft insbesondere Diabetiker, die unter einer sogenannten Polyneuropathie leiden und aufgrund dieser Folgeerkrankung nicht spüren würden, wenn sie sich beim Barfußgehen etwas eintreten.

Barfuß vorbeugen. Wer nicht erst warten möchte, bis er das Barfußgehen von seinem Orthopäden aufgrund einer Erkrankung sozusagen verschrieben bekommt, zieht am besten gleich die Schuhe aus und dreht eine Runde barfuß. Doch aufgepasst! Wenngleich es die natürlichste Form der menschlichen Fortbewegung ist, gilt es, die Füße langsam (wieder) daran zu gewöhnen. „Man muss das Barfußgehen als Trainingsmittel verstehen“, betont Dirisamer. „Denn obwohl wir kein Equipment dazu benötigen, sind wir durch das Tragen von Schuhen die mechanische Krafteinwirkung nicht mehr gewohnt.“ Und noch ein Wort zur Hornhaut: Sogar bei untrainierten Füßen ist die Haut an den Fußsohlen dicker als an irgendeiner anderen Stelle des Körpers. Durch kontinuierliches Barfußgehen verstärkt sich die Hornschwiele zusätzlich, wodurch die Polsterung verbessert und das Verletzungsrisiko minimiert wird. Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal bei der Pediküre sind und sich die Hornhaut entfernen lassen. 

ExpertenTipps

Die Welt mit bloßen Füßen erlaufen

Versuchen Sie doch, auf Ihr Schuhwerk zu verzichten – und genießen Sie es, ein paar Stunden auf diese Weise die Welt und den Sommer zu erkunden.

  • Gewöhnen Sie Ihre Füße wieder daran. Zu Beginn sollte man es nicht übertreiben und erst einmal in der Wohnung, dann auf dem Rasen oder im Sand barfuß gehen. Je angenehmer sich der Untergrund anfühlt, desto besser.
  • Keine Angst vor „Stolpersteinen“! Kleine Unebenheiten fördern die natürliche Ausgleichsbewegung – ein tolles ganzheitliches Training.
  • Anfangs nicht zu lange. Die ersten Barfuß-Touren sollten nicht zu lang ausfallen: Einmal in der Woche 15 Minuten reicht – danach langsam steigern. Um keine bösen Überraschungen zu erleben, sollte man auf jeden Fall festes Schuhwerk dabeihaben.
  • Weicher Untergrund: Ja, aber ...! Weicher Boden fühlt sich gut an, sollte jedoch anfangs für längere Strecken gemieden werden, denn für Füße und Beinmuskulatur kann das Gehen im Sand recht schnell zu viel des Guten sein.
  • Natur statt Stadt. Sanfte Wald- und Wiesenwege tun den Füßen und der Seele gut. Abgesehen davon läuft man in der Stadt Gefahr, sich die Füße zu verbrennen, denn Asphalt, Kanaldeckel und Schienen können sehr heiß werden. Wer trotzdem barfuß durch die Straßen gehen möchte, sollte immer Schuhe oder Socken bei sich tragen.
  • Pflege für die Füße. Nach dem Barfuß-Ausflug ist Fußpflege angesagt: Gönnen Sie sich ein Fußbad. Bürsten oder „bimsen“ Sie ihre Füße und cremen Sie diese danach ein, damit die Haut nicht rissig wird.

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