Mittwoch, 18. September 2019

Lärm macht krank

Ausgabe 07-08/2011
Akustische Umweltverschmutzung lässt Gehörschäden sprunghaft steigen – schon jeder zehnte Österreicher hört schlecht.

Foto: istockphoto.com - Lise Gagne
Lärm ist nicht nur ein Umweltärgernis, sondern auch eine Bedrohung für die öffentliche Gesundheit“, lautet das offizielle Statement der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die im März 2011 neue Daten zu den Gesundheitsfolgen von Lärm präsentierte. Tatsächlich kommt Umweltlärm gleich an zweiter Stelle nach Luftverschmutzung auf der Liste von Umweltfaktoren, die schlicht und einfach krank machen. Allein Verkehrslärm führt pro Jahr zu einem Verlust von über einer Million gesunder Lebensjahre in der EU, errechneten WHO-Experten eine drastische Zahl. Lärm ist eben nicht nur ein „Umweltärgernis“, das die Lebensqualität reduziert, sondern erhöht de facto das Risiko für Herzinfarkte, Lernstörungen und bleibende Hörstörungen. „Jeder Lärm, der eine bestimmte Stärke übersteigt und dem man längere Zeit ausgesetzt ist, gefährdet das Gehör“, sagt HNO-Spezialist Prim. Dr. Heinz Jünger von Landesklinikum Krems. „Früher hat man die Schwellenwerte noch um einiges höher angesetzt, heute weiß man, dass bereits Schallpegel von 85 Dezibel über viele Jahre zu einer Minderung des Hörvermögens führen können. Das entspricht in etwa der Lautstärke einer belebten Straße.“ In Österreich kämpfe mittlerweile etwa jeder Zehnte mit Hörproblemen, so Jünger: „Schwerhörigkeit nimmt zu, schon Kinder und Jugendliche können massive Hörprobleme haben.“

Das Wunder Hören
Das menschliche Ohr ist ein Wunderwerk an Präzision. Mit gesunden Ohren können wir uns auf einer Party trotz Stimmengewirr auf einen Gesprächspartner konzentrieren und aus einem Orchester sogar einzelne Instrumente heraushören. Für das Funktionieren des Präzisionswerks gibt es aber keine Garantie auf Lebenszeit, denn die filigrane „Technik“, die hinter dem Wunder Hören steckt, ist durchaus störungsanfällig. Egal, ob Geflüster, Presslufthammer oder Musik – stets führt der gleiche Vorgang dazu, dass wir etwas hören. Trifft ein Geräusch auf unser Ohr, wird die damit verbundene Schallwelle in einer Art Kettenreaktion weitergeleitet – für diese akustische Großleistung verfügt das Ohr über eine raffinierte Architektonik:
  • Das Außenohr nimmt ankommende Schallwellen auf und leitet sie durch den 3,5 cm langen äußeren Gehörgang, bis sie aufs Trommelfell treffen.
  • Das Mittelohr ist ein mit Luft gefüllter Raum, in dem sich die Gehörknöchelchenkette (Hammer, Amboss, Steigbügel) befindet. Wird das Trommelfell in Schwingung versetzt, bewegen sich die drei winzigen Knochen der Reihe nach mit und leiten die Welle verstärkt an das Innenohr weiter.
  • Das Innenohr: Hier wird die Schallwelle nochmals verstärkt, die Tonhöhe zugeordnet und in ein elektrisches Signal umgewandelt. Das alles schafft ein nur zirka erbsengroßes Organ: die Schnecke. Im mit Flüssigkeit gefüllten Schneckengang wird die Schallwelle zur Wasserwelle, die je nach Tonhöhe unterschiedliche Haarzellen bewegt. Dadurch entstehen elektrische Impulse, die über den Hörnerv  zum Gehirn geleitet und dort verarbeitet werden – wir hören!

TEST: Hören Sie gut?
  • Müssen Sie Gesprächspartner oft bitten, das Gesagte zu wiederholen?
  • Können Sie in lauter Umgebung nur schwer einem Gespräch folgen?
  • Machen andere Sie auf Ihr schlechtes Hören aufmerksam?
  • Fällt es Ihnen schwer, die Richtung anzugeben, aus der ein Geräusch kommt oder aus der Sie angesprochen werden?
  • Hören Sie im Sommer keine Mücken mehr summen?
  • Haben Sie nach Konzerten oder lauten Veranstaltungen ein Pfeifen oder Rauschen im Ohr?
  • Müssen Sie beim gemeinsamen Fernsehabend die Lautstärke höher stellen als die anderen, um der Handlung folgen zu können?

Falls Sie jetzt mehrere Fragen mit „Ja“ beantwortet haben, sollten Sie unbedingt einen Hörtest bei Ihrem HNO-Arzt machen. Das sollten Sie sich und Ihrem Gehör wert sein!

Tipp: Online-Hörtests finden Sie u.a. auf: www.hansaton.at/hoertest, www.hear-the-world.com



Welcher Lärm ist gefährlich?

Letztlich gelangt nur etwa ein Drittel aller Hörninformationen zur Hörrinde, wo sie für uns als Musik, Lärm oder Sprache wahrnehmbar werden. Diese „Zensur“ ist lebensnotwendig, denn das Ohr nimmt rund um die Uhr Signale auf und ist nie ausgeschaltet. Doch die Ohren sind einer Dauerbelastung ausgesetzt und laute Geräusche gehören leider zu unserem Alltag. Der von der WHO empfohlene Lärmpegel sollte tagsüber bei höchstens 55 Dezibel liegen – das entspricht dem Geräuschpegel in einem Büro, wo uns mitunter konzentriertes Arbeiten schon schwerfällt . Dann wird noch das Fenster geöffnet (Verkehrslärm), das Telefon läutet (zusätzlicher Lärmstress), am Nebenschreibtisch diskutieren die Kollegen lautstark (noch höherer Geräuschpegel) …

Lärmbelästigung wird von jedem anders empfunden und beeinträchtig je nach Empfindlichkeit und Gesundheitszustand das Wohlbefinden. Die Schäden, die Lärm im Gehör verursacht, sind allerdings objektiv messbar und haben ganz konkrete Auswirkungen: „Bei starker Lärmeinwirkung werden die Härchen in der Schnecke abgenützt und sie werden nach und nach weniger“, veranschaulicht Jünger. „Kommt es nur einmalig zur Überbelastung, z.B. bei einem Disco- oder Konzertbesuch, dann können sich die Haarzellen erholen und es hält die Schädigung nur ein paar Stunden an. „Besteht aber eine permanente Überbelastung mit Lärmeinwirkungen, weil bei Arbeiten auf einer Baustelle kein Gehörschutz getragen wird oder jeden Tag über den MP3-Player mehrere Stunden laut Musik gehört wird, dann kommt es zu einer chronischen Verschlechterung des Hörvermögens.“

MP3-Player und Musikhandys sind eine oft unterschätzte Gefahr, es kann eine Lautstärke bis 100 Dezibel erreicht werden. Aber auch laute Haushaltsgeräte wie Mixer, Rasentrimmer und Elektrogeräte aller Art, die Wochenend-Heimwerker bei ihrer Arbeit unterstützen, sind Gift für die Ohren. „Wer keine Hörschäden riskieren möchte, sollte bei diesen Tätigkeiten einen Gehörschutz tragen“, rät Jünger. Ebenso wichtig ist es, dem Ohr nach Lärmbelastungen Pausen zu gönnen oder diese zeitlich möglichst zu limitieren.

Wie erkennt man Hörschäden?
Werden die Ohren überbeansprucht, kommt es zunächst zu einer Schwerhörigkeit im hohen Frequenzbereich, gerade dieser ist aber für das Sprachverständnis wichtig. „Erstes Anzeichen einer Schädigung kann also sein, dass man in lauter Umgebung, z.B. in einem Lokal, Gesprächen schwer folgen kann“, erklärt der HNO-Arzt.

Auch das berühmt-berüchtigte Pfeifen, Klopfen, Rauschen oder Sausen im Ohr ist ein Alarmzeichen, denn Tinnitus kann ebenfalls durch Lärmschäden verursacht werden. Jünger: „Lärm kann bei sehr großer Intensität aber auch innerhalb von Sekundenbruchteilen Schäden anrichten, wie beim Knalltrauma. Diese Schäden äußern sich in einem teilweisen Verlust des Hörvermögens und sind ebenfalls häufig von Ohrgeräuschen begleitet. Klassisches Beispiel sind die Silvesterkracher oder Schusstraumata.“

Überbelastungen der Ohren zu meiden, ist auf Lebenszeit eine lohnende Strategie. Jünger: „Wir wissen, dass sowohl die altersbedingten Hörschäden als auch das schlechte Hören im Alter auf die Summe der Hörschäden zurückgehen, die wir im Lauf des Lebens erleiden.“

OhrFoto: fotolia.com - ooz

So schützen Sie Ihre Ohren
In jedem Fall und jedem Alter lohnt der frühzeitige Gang zum HNO-Arzt. Spezialist Jünger rät zumindest zu einem zweimaligen Pflichttermin: Einmal im Vorschulalter und dann – so dazwischen keine Probleme auftreten – nochmals ab 50 Jahren. „Patienten merken häufig über Jahre gar nicht, dass sie bereits schlecht hören und kommen viel zu spät zum Arzt.“ Oft kann das Hörvermögen durch Medikamente verbessert werden oder falls die Verschlechterung schon weiter fortgeschritten ist, hilft ein Hörgerät oder auch ein operativer Eingriff. „Die heutigen Hörgeräte sind bereits wesentlich weiter entwickelt und um vieles besser, was das Sprachverständnis betrifft.“

„Nicht sehen trennt von den Dingen. Nicht hören von den Menschen“, ist HNO-Spezialist Jünger überzeugt. Das Zitat von Immanuel Kant veranschaulicht für ihn, wie wichtig es ist, die Ohren zu schützen, denn ein einmal geschädigtes Gehör lässt sich leider nicht vollkommen wiederherstellen. Was den Ohren gut tut, ist gar nicht so schwer umzusetzen, weiß Jünger und gibt ein paar ganz einfache Tipps:
  • Gönnen Sie Ihrem Gehör ab und zu Erholung. Es freut sich gerade nach Anstrengungen über leise Töne und eine Pause.
  • Achten Sie ganz bewusst auf leise Töne – genießen Sie das Blätterrauschen oder das Plätschern eines Baches.
  • Schützen Sie sich in Arbeit und Freizeit gegen zu hohe Lautstärken mit einem Gehörschutz.
  • Machen Sie regelmäßig bei Ihrem HNO-Arzt einen Gehörtest.
  • Tragen Sie – wenn nötig – ein Hörgerät. Je früher Sie bei einer Hörschädigung damit anfangen, desto besser.

Was passiert beim HNO-Arzt?
Hörtests gibt es für jede Altersstufe. Je früher Sie bei Verdacht auf Schwer­hörigkeit zum Arzt gehen, desto besser kann er Ihnen helfen.

Hören Sie tatsächlich schlecht? Wenn ja, wo? Auf einem Ohr, auf beiden? Handelt es sich um eine Hörstörung im äußeren Ohr oder im Mittelohr oder im Innenohr, oder gar um eine Kombination aus beidem? Damit der HNO-Arzt diese Fragen beantworten kann, führt er zunächst mit Ihnen ein ausführliches Gespräch, wo er z.B. fragt, wann und wie die Hörstörung begonnen hat. Dann folgen eine Reihe von Tests, von denen viele direkt in der Ordination durchgeführt werden können oder für die Sie – falls notwendig – eine Überweisung an eine Fachklinik bekommen:

1. Subjektive Hörtests  –  hier ist Ihre Mitarbeit gefragt
  • Stimmgabel-Prüfung: Eine Stimmgabel, wie Sie auch Musiker verwenden – sie schwingt mit dem Kammerton A mit 440 Hz – wird an den Kopf aufgesetzt bzw. vor das Ohr gehalten. Es gibt verschiedene Testvarianten. Erste Orientierung, ob es ein Problem bei der Schallleitung (äußeres Ohr oder Mittelohr) oder bei der Schallempfindung (Innenohr) gibt.
  • Tonschwellenaudiogramm: EDV-gesteuerte Erstellung des Hörbereichs des Patienten. Verschieden hohe Töne werden in ansteigender Lautstärke über Kopfhörer angeboten. Wird für jedes Ohr extra durchgeführt, der Patient gibt an, ab welcher Lautstärke der Ton zu hören ist.
  • Sprachaudiogramm: Statt Tönen werden Zahlen und Wörter angeboten. Hier wird das Sprachverständnis untersucht, wichtig für Patienten mit Hörgeräten.

2. Objektive Hörtests  –  für Kinder bzw. wenn Mitarbeit nicht möglich ist
  • Typmanometrie: Überprüft wird die Schwingfähigkeit des Trommelfells mittels eines leichten Luftstoßes. Diese zeigt binnen Sekunden an, ob das Mittelohr gut belüftet und der Druck normal ist – eine Voraussetzung, dass das Kind gut hört.
  • Neugeborenen-Screening: Hightech für die Allerkleinsten – mittels Ohrsonde werden mit einem Mini-Lautsprecher Töne angeboten. Ein gesundes Innenohr produziert auf jeden Ton ebenfalls tonähnliche Reaktionen, diese können computerunterstützt dargestellt werden.

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