Dienstag, 19. Februar 2019

Kuscheldecke für die Seele

Ausgabe 05.2015

Die Liebsten umarmen, mit der besten Freundin kichern, sich nach einem ausgefüllten Tag aufs Sofa knotzen – solche Wohlfühl-Rituale sind das Fundament unseres Glücks, geben Halt und Sicherheit.


Foto: © Can Stock Photo Inc. - Subbotina

Intuitiv oder ganz bewusst haben die meisten von uns Strategien und Tricks, um Momente der Geborgenheit zu schaffen. Die eine Freundin kuschelt sich abends gern mit ihrer Katze auf das Sofa. Die andere besteht auf dem wöchentliche Sonntagsessen mit der Familie, bei dem gemeinsam gelacht wird und Alltagssorgen schnell verschwinden. „Geborgenheit erlebt jeder sehr verschieden“, sagt die Psychologin Petra Elsinger. „Aber die Sehnsucht nach Sicherheit und Wärme gibt es überall, sie ist universell.“ Gleichzeitig zählt Geborgenheit zu den komplexesten Gefühlen überhaupt: Schutz, Behaglichkeit, Nähe, Vertrauen, Akzeptanz, Ruhe, Entspannung, Verständnis, Zuwendung, Liebe, Glück – eine Fülle von positiven Bedürfnissen sind damit verbunden. Kein Wunder, dass in uns der Wunsch nach einem Platz, der uns die Seele wärmt, manchmal ins Unermessliche wächst.

Geborgenheit macht glücklich. „Gelingende Beziehungen und somit Geborgenheit sind das unbewusste Ziel allen menschlichen Bemühens. Denn dieser Zustand enthält alles, was unser Dasein positiv färbt. Es ist das Fundament für die Entwicklung eines gesunden und glücklichen Lebens. Wir sind von Geburt an auf Zuwendung eingestellt. Erfahren wir einen Mangel an Zuwendung in den ersten Entwicklungsstadien des Menschen, beeinträchtigt das unsere Bindungs- und Beziehungsfähigkeit,“ so Elsinger. In der Psychoanalyse gibt es die These, dass wir uns alle instinktiv danach sehnen, in den Mutterleib zurückzukehren. „Dorthin, wo wir sicher, warm aufgehoben und perfekt versorgt waren. Die Neurobiologie weiß heute, dass elterliche Zuwendung auf das Gehirn von Neugeborenen wirkt, welches in Folge Glücksbotenstoffe ausschüttet. Neugeborene brauchen somit nicht nur Muttermilch und frische Windeln, sie wollen vor allem Nähe, Hautkontakt, Aufmerksamkeit – einfach Geborgenheit spüren. Werden Kleinkinder häufig gestreichelt, schreien sie weniger. Trägt man Frühchen am Körper, entwickeln sie sich besser. Elsinger: „Für jedes Alter gilt, dass durch Hautkontakt, Zärtlichkeit, Streicheln etc. die Produktion des Glückshormons Oxytocin stimuliert wird. Abgesehen von wohligen Gefühlen sorgt dieser Stoff auch für körperliche und psychische Entspannung, senkt den Blutdruck sowie den Angst- und Stresspegel.“

Ihr Wohlfühlmoment

PETRA ELSINGER,
M. Sc. Psychologin im Wiener Gesundheitszentrum an der Oper

„Es gibt eine lange Liste an Aktivitäten, die in den meisten Situationen helfen, in denen man Geborgenheit braucht.“

  • In der Natur spazieren gehen
  • Eine Kirche besuchen
  • Ein Tier streicheln
  • Eine Tasse Tee oder Kakao trinken
  • Ein warmes Bad nehmen
  • Düfte aus der Kindheit schnuppern
  • Sich mit den besten Freunden treffen
  • Eltern oder Geschwister besuchen
  • Sich eine(n) Wellnesstag/Massage/neue Frisur gönnen
  • Mitten in der Woche einen Kinofilm ansehen
  • In der Sonne liegen
  • Daran denken, dass es einem eigentlich viel besser geht als vielen anderen
  • In einen Tierpark gehen
  • Etwas „Verbotenes“ essen
  • Sich selbst loben

Die Sehnsucht nach Wohlgefühl setzt Trends. Noch heute erinnert sich der Körper instinktiv an diese Erfahrungen aus der Kindheit: Menschen mit warmen Getränken in der Hand bauen mehr Vertrauen zu ihrem Gegenüber auf. Versinkt man in weichen Fauteuils, geht man liebevoller mit anderen um als beim Sitzen auf harten Sesseln. Beides sind wohl Erinnerungen an frühkindliche Empfindungen der Geborgenheit. Intuitiv oder auch sehr bewusst haben wir unsere Strategien, Tricks und Rituale, um uns Momente des großen Wohlgefühls zu verschaffen. Man kann sich ein Feuer im Kamin anzünden, einen alten Liebesfilm ansehen, im Schrebergarten vor sich hin träumen. Gesellschaftstrends wie Cocooning, Heimatverbundenheit und Nostalgie sind ebenso Ausdruck dieser Sehnsucht, wie die Psychologin erklärt: „Die Verunsicherung in unserer Welt ist allgegenwärtig, damit wächst der Wunsch nach Einkehr und Vertrautheit.“

Strategie gegen Einsamkeit und Depression. Die aktive Suche nach Geborgenheit ist eine der erfolgreichsten Bewältigungsstrategien gegen eine immer komplexer werdende Welt. Wer sich mutig und neugierig den Herausforderungen des modernen Lebens stellt, die tollen Möglichkeiten nützt, die sich uns bieten, der muss auch bisweilen die vertraute Umgebung verlassen. Oder das Scheitern einer Beziehung erleben, weil die Lebensvorstellungen nicht mehr passen. Und sich verloren fühlen, wenn man angesichts der vielen Möglichkeiten die Orientierung beim Handykauf verliert. „Das Gefühl, ein Opfer zu sein, vielleicht nicht genügend Zuwendung zu bekommen und an sich zu zweifeln, führt dazu, dass wir uns zeitweise einsam und verloren fühlen,“ so Elsinger. „Und das kann uns in der Folge sogar depressiv und psychisch krank machen.“ Dementsprechend ist die Suche nach der seelischen Kuscheldecke nicht nur ein Schutz vor der Dunkelheit der Nacht oder eine Flucht zurück in die Kindheit. Andere mögen das Kuscheln mit der Katze albern finden und das Sonntagsessen spießig, die Spaziergänge mit der Schwester langweilig. Aber für denjenigen, der dabei zufrieden und mit Wohlgefühl entspannt, sind diese Rituale unersetzlich und absolut wichtige Energiequellen. Und damit außerhalb jeglicher Geschmacksdiskussion, wie die Expertin betont: „Jeder sollte ein vergleichbares Repertoire besitzen, um sich Geborgenheit zu verschaffen. Am besten aus sich selbst heraus, von anderen unabhängig.“ Eigentlich sollte das ja nicht so schwer sein: Wir wissen doch alle, was uns guttut. Vielleicht müssen wir ja nur achtsamer mit den Momenten umgehen, in denen wir uns „wie zu Hause“ fühlen? Oder neue Wohfühlrituale entwerfen. Beginnen Sie noch heute damit!

 

 

 

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