Montag, 26. Juni 2017

Krebs gezielt bekämpfen

Ausgabe 2017.06

Maßgeschneiderte Therapien kehren zunehmend in den klinischen Alltag ein. Die Onkologie steht dabei ganz im Zeichen dieser personalisierten Medizin und verzeichnet zahlreiche Erfolge. Auch Lungen­krebs-Patienten profitieren von den gezielten Behandlungs­formen. gesünder leben zeigt, welche das sind.


Foto: iStock - Eraxion

Bei zahlreichen Krankheiten und Beschwerden ist es meist einfach: Man konsultiert einen Arzt, wird untersucht, erhält eine Diagnose und danach ein Rezept mit jenen Medikamenten, die zur Unterstützung des Heilungsverlaufs beitragen sollen. Mitunter wird die Dosierung des Präparats dem Geschlecht, dem Alter, den jeweiligen Konstitutionen oder dem Körpergewicht des Patienten angepasst – im Regelfall folgt aber Arzneimittel x auf Beschwerdebild y. – So weit, so bekannt.

Tumor ist nicht gleich Tumor.„Handelt es sich allerdings um eine Krebserkrankung, müssen Behandlungsstrategien differenzierter betrachtet werden“, so Prim. Dr. Sylvia Hartl, Abteilungsvorständin der 2. internen Lungenabteilung am Wiener Otto-Wagner-Spital. „Mittlerweile hat man festgestellt, dass der ,gleiche‘ Tumor bei verschiedenen Menschen ganz unterschiedliche Oberflächeneigenschaften besitzen kann. Schließlich ist jeder Mensch genetisch anders veranlagt und hat daher seine ,eigene‘ Krebserkrankung. Man muss also nicht nur untersuchen, welchem Zelltyp ein Tumor zuzuordnen ist.“ Gehörte die Chemotherapie noch vor kurzer Zeit zur Standardbehandlung bei metastasierenden Krebsformen, versucht man heutzutage, nicht alle Betroffenen über einen Kamm zu scheren. Ganz im Gegenteil: Die Diagnoseformen wurden gezielt verbessert; die dazu notwendigen Tools präzisiert. Nach 13 Jahren Forschung war die Entschlüsselung des menschlichen Genoms im Jahr 2003 ein Durchbruch. Sie hat den Weg für die sogenannte „personalisierte Medizin“, also für maßgeschneiderte Therapien, geebnet – nicht zuletzt im Bereich der Onkologie.  Bestimmte Krebszellen lassen sich heute dank molekularbiologischer Analyseformen kategorisieren. Die sogenannten nichtkleinzelligen Lungenkrebsarten werden im Rahmen von „Reflextests“ – bereits während der Diagnosephase – einer Reihe von Voruntersuchungen routinemäßig zugeführt. Die Untersuchungen dienen dazu, Mutationsmuster zu erkennen oder auf immunologische Phänomene zu stoßen. „Es geht darum, dem jeweiligen Patienten Gewebematerial zu entnehmen, um eine persönliche ,Landkarte‘ seines Tumors zu erstellen“, erläutert Hartl bildhaft. Somit lässt sich mithilfe von umfassenden molekularen Testmethoden der Tumor innerhalb weniger Tage genau charakterisieren. Dadurch können Experten an der Wurzel ansetzen und zielgerichtete Therapien einleiten.

Doch: Was heißt das überhaupt? „Maßgeschneiderte Therapien erfolgen heute entweder mit ,targeted therapies‘, das sind zielgerichtete moderne Krebsmedikamente, die bei bestimmten Mutationsformen wirken, oder neuen Formen der Krebsimmuntherapie“, weiß Hartl. Sie greifen ganz gezielt bestimmte molekulare Strukturen von Tumorzellen oder des durch den Tumor veränderten Umgebungsgewebes an. Damit unterscheiden sie sich von herkömmlichen Krebstherapien wie beispielsweise der Chemotherapie, die relativ unspezifisch sich teilende Zellen attackiert. Die ersten Erfolge machen sich im klinischen Alltag bereits bemerkbar. Vor allem bei der Behandlung von Brust-, Magen, Haut- oder Blasenkrebs konnten Fortschritte verzeichnet werden. „Rund 20 Prozent aller von diesen Krebsarten betroffenen Patienten profitieren bereits von den zielgerichteten Therapien, denn bei ihnen wurde ein bestimmtes Mutationsmuster* definiert“, so Hartl.  Mehrere Studien haben gezeigt, dass eine Behandlung mit den Wirkstoffen Erlotinib, Gefitinib, Afatinib bzw. mit Crizotinib und Ceritinib bei bestimmten Patienten effizienter und verträglicher als eine Chemotherapie ist.  „Aktuell befindet sich auch ein neuer Wirkstoff namens Alectinib am Markt, der Betroffenen mit einem sogenannten ALK-positiven Tumor, das sind rund fünf Prozent aller Adenokarzinome, große Hoffnung macht“, betont Hartl. Wie im Rahmen der japanischen ,J-ALEX‘-Studie gezeigt wurde, kann der ALK-Hemmer Alectinib – im Vergleich zum Wirkstoff Crizotinib – das Risiko für ein Fortschreiten der Erkrankung oder den Tod um 66 Prozent reduzieren. „Da ALK-positive Tumore oftmals auch zu Metastasen im Gehirn neigen, ist eine Behandlung mit Alectinib heute die Behandlung der ersten Wahl. Denn: Der Wirkstoff kann vor allem im Hirn gut aufgenommen und verteilt werden, um den Tumor schrumpfen oder gar verschwinden zu lassen“, erklärt Hartl. Diese Behandlung ist nicht nur erfolgreicher bei Hirnmetastasen, sondern auch wesentlich nebenwirkungsärmer als z. B. die Ganzhirnbestrahlung. Jeder Nicht-kleinzellige-Lungenkrebs-Patient sollte daher heute gezielt nach ALK-positiven Tumoren untersucht werden.“ Auch etwa 25 bis 30 Prozent aller Patienten mit nicht kleinzelligem, metastasierendem Lungenkrebs (NSCLC), so Hartl, können ihre Erkrankung mit einer immunstimulierenden Tumortherapie, die den Tumorzelltod durch das eigene Immunsystem ermöglicht, in Schach halten.

Eigenes Immunsystem aktivieren. Auch die neuen Formen der Krebsimmuntherapie, bei der das körpereigene Abwehrsystem dazu angeregt wird, den Tumor selbst zu bekämpfen, zeigen bei Lungenkrebs-Patienten – wie auch bei anderen Krebsarten – erste Erfolge. „Mithilfe von Antikörpern, sogenannten Immun-Checkpoint-Inhibitoren, wird der Tumor daran gehindert, das Immunsystem zu überlisten; er wird quasi enttarnt und von aktiven Killerzellen zerstört“, erklärt Hartl. Vor Kurzem wurden auf einem Expertenkongress Daten präsentiert, die die Zuverlässigkeit einer Immuntherapie bei bestimmten Lungenkrebs-Formen  bereits in der ersten Therapielinie bestätigen. Bis dato standen immunonkologische Wirkstoffe für die Lungenkrebs-Therapie ausschließlich in der zweiten Behandlungslinie, also nach einer Chemotherapie, zur Verfügung. Diese Form der Krebsimmuntherapie kommt für etwa 30 Prozent aller Patienten mit nicht kleinzelligem Lungenkrebs infrage. Sie wird als Infusion verabreicht.

Nebenwirkungen sind selten. Wie bei vielen anderen Therapieformen muss auch bei der zielgerichteten Krebstherapie individuell abgeschätzt werden, wann Therapiepausen eingelegt werden müssen. „Das hängt einerseits von den Ergebnissen der engmaschigen Kontrollen, aber natürlich auch von möglichen Nebenwirkungen ab“, gibt Hartl zu bedenken. Denn: Im Einzelfall ist auch bei diesen Therapieformen mit unerwünschten Begleiterscheinungen, wie Durchfällen, Hautausschlägen, Lungenentzündungen, Schilddrüsenhormonwirkungen oder anderen immunvermittelten Nebenwirkungen, zu rechnen. Werden diese jedoch rasch erkannt, sind sie in den meisten Fällen gut behandelbar.

Lungenkrebs: Das muss ich wissen!

Lungenkrebs entsteht durch unkontrolliertes Wachstum anormaler Zellen in der Lunge.

Mit der Diagnose werden jährlich weltweit rund 1,8 Millionen und österreichweit etwa 4.573 Menschen, durchschnittlich im Alter zwischen 58 und 65 Jahren, konfrontiert – Männer (noch) häufiger als Frauen.

Lungenkrebs lässt sich in zwei Hauptarten unterteilen:

1. Der kleinzellige, hoch aggressive Lungenkrebs, wird vorwiegend durch Rauchen entfacht bzw. verursacht und macht etwa 15 Prozent aller Fälle aus.

2. Häufiger anzutreffen ist der nicht kleinzellige Lungenkrebs, der verschiedene Formen (Plattenepithelkarzinom, Adenokarzinom bzw. großzelliges, undifferenziertes Karzinom) umfasst – und wesentlich langsamer als das kleinzellige Pendant wächst.

Ursachen: Zu der größten Risikogruppe zählen zweifelsohne Raucher. Daneben spielen das Passivrauchen, der Kontakt mit Asbest, Radongas und Arsen eine Rolle. Eher selten sind genetische Faktoren ver­antwortlich.

Warnsignale: Anhaltender Husten oder Verschlimmerung eines chronischen Hustens, Kurzatmigkeit, Heiserkeit, Brustschmerz, Bluthusten, Gewichtsverlust, Müdigkeit und Abgeschlagenheit. Bei entsprechenden Symptomen ist ein Arztbesuch empfehlenswert. Nach einem Lungenröntgen folgen Computertomografie des Brustkorbs und Bronchoskopie/Lungenspiegelung (Inspektion der Bronchien mithilfe eines schlauchförmigen Instruments). Während der Bronchoskopie können Gewebeproben (Biopsien) entnommen werden, die Auskunft über die Gut- bzw. Bösartigkeit von Wucherungen geben. Eine anschließende Genanalyse ist ratsam, um möglichen Mutationen aufzulauern.

 

Kann Krebs geheilt werden? „Dank der neuen zielgerichteten Therapien ist die Erfolgsquote in der Behandlung deutlich gestiegen. Die Lebensqualität der Betroffenen kann deutlich gesteigert werden. Sie entwickeln weniger Symptome, sind weniger erschöpft und können ihrer Berufstätigkeit länger nachgehen. Erste Ansätze belegen auch die Verlängerung der Lebenserwartung. – „Aufgrund des zunehmenden Verständnisses über die Erkrankung kann Krebs somit zukünftig zu einer chronischen Erkrankung werden“, ist Hartl überzeugt. „Natürlich“, so ihr Nachsatz „ist das erst der Beginn einer neuen Entwicklung – aber ein sehr ermutigender“, wie sie findet. In den nächsten 20 Jahren – davon gehen Experten aus – sollen neue Kombinationen der vorhandenen Medikamente erprobt, aber auch weitere Mutationsmuster gesucht und entdeckt werden, um neue Formen der Immuntherapie und innovative Wirkstoffe zu entwickeln. Sie können zu erhöhten Ansprechraten und verbesserten Heilungschancen führen. Zum Teil besteht sogar die Hoffnung, Krebs mit- hilfe der Immuntherapie langfristig zu besiegen. – Bis dahin wird es allerdings noch länger dauern. „Es bleibt somit ein spannendes Jahrhundert, in dem sich noch sehr viel verändern wird“, so Hartl hoffnungsvoll. 

Weitere Informationen zum Thema Lungenkrebs finden Sie unter
www.krebshilfe-net Betroffene können sich auch an die Selbsthilfegruppe Lungenkrebs Forum Austria www.lungenkrebsforum-austria.at wenden.

Unser E-Paper

cover 2017-05 130x173

Heft 05/2017

Die nächste Ausgabe erscheint am 6. Juli

Aktuelle Online Umfrage

Wie sieht es mit Ihrer Rückengesundheit aus?

Kontakt

  • Gesünder Leben Verlags GmbH
  • Johann Strauss Gasse 7/2/5
  • 1040 Wien, Österreich

Information

SERVICE