Mittwoch, 23. Oktober 2019

Komm, süßer Schlaf!

Ausgabe 2019.10
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Sie gilt weltweit als eine der renommiertesten Schlafforscherinnen, leitet seit 20 Jahren das Schlaflabor der Uni-Klinik Innsbruck und ist die neue Präsidentin der Weltschlafgesellschaft. In GESÜNDER LEBEN erklärt Univ.-Prof. Dr. Birgit Högl, warum gesunder Schlaf so wichtig ist, weshalb dennoch rund ein Drittel aller Österreicher an Schlafproblemen leidet, wie diese behandelbar sind und wie sie weltweit für besseren Schlaf sorgen will.


Foto: © iStock_Nomad

Knapp 25 Jahre unseres Lebens verbringen wir durchschnittlich mit Schlafen. Dass bei einer Lebenserwartung von rund 80 Jahren fast ein Vierteljahrhundert für süßes Schlummern vorgesehen ist, hat durchaus seinen Grund. Schließlich ist Schlafen viel mehr als nur eine Ruhephase. Wie zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen, handelt es sich um eine lebensnotwendige Regenerationsphase für den gesamten Körper, allen voran für unser Gehirn. Bis zu 16 Stunden täglich arbeitet dieses auf Hochtouren, bis es an seine Grenzen stößt. Spätestens dann ist Schlaf angesagt, damit sich die Nervenzellen erholen und gesammelte Eindrücke und Informationen verarbeitet, sortiert und vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis übertragen werden können. Auch der Stoffwechsel profitiert von ausreichendem Schlaf. Dessen Abbauprodukte sammeln sich im Wachzustand im Gehirn und werden während der Tiefschlafphase über die Erweiterung der Zellzwischenräume ausgeschieden. „Schlaf ist aber auch essenziell für unser Herz-Kreislauf- und das Immunsystem“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Birgit Högl. Die gebürtige Bayerin, die seit 1999 das Schlaflabor an der Neurologie der Universitätsklinik Innsbruck leitet und Anfang dieses Jahres dort zur Professorin für Neurologie berufen wurde, zählt international zu den renommiertesten Schlafforschern und ist seit Kurzem die neue Präsidentin der Weltschlafgesellschaft.

90 verschiedene Schlafstörungen
„Die Schlafmedizin ist ein faszinierender Bereich“, so Högl, die mit ihrem Team im Innsbrucker Schlaflabor jährlich rund 4.000 Patienten behandelt. Für diese ist das Thema Schlafen mit Problemen behaftet und damit sind sie nicht alleine. Rund ein Drittel aller Österreicher leidet laut einer Untersuchung der Österreichischen Gesellschaft für Schlafmedizin und Schlafforschung an Schlafstörungen. Die Liste der Leiden ist lang, schließlich sind mittlerweile rund 90 verschiedene Schlafstörungen bekannt, eingeteilt werden sie in sechs Hauptkategorien: „In die Gruppe der Insomnien fällt alles, was mit schlecht einschlafen oder durchschlafen zu tun hat. Das Gegenstück dazu sind Hypersomnien, also Störungen, die vermehrte Schläfrigkeit untertags und erhöhten Schlafbedarf zur Folge haben“, erklärt die Neurologin. Auch schlafbezogene Atemstörungen machen vielen die nächtliche Ruhe zur Qual. Alleine in dieser Kategorie gebe es 14 unterschiedliche Diagnosen wie etwa das Schlafapnoesyndrom, so Högl. „Schließlich gibt es noch die Parasomnien, eine Kategorie, die abnormes nächtliches Verhalten wie nächtliches Aufschrecken, Schlafwandeln, violentes Verhalten oder Albträume umfasst, und die Störungen der inneren Uhr als weitere eigene Gruppe.“ An dieser auch als circadiane Störungen bezeichneten Klassifizierung leiden beispielsweise Schichtarbeiter, auch Jetlag zählt zu dieser Kategorie. „In die Klasse der schlafbezogenen Bewegungsstörungen fällt eines meiner Hauptforschungsgebiete, das Restless-Legs-Syndrom“, erläutert die Schlafmedizinerin. Rund zehn Prozent aller Österreicher leiden an diesem unangenehmen Unruhegefühl in den Beinen. Birgit Högl arbeitet mit anderen Forschern derzeit daran, die Ursachen zu entschlüsseln. Ihr zweiter Wissenschaftsschwerpunkt sind neurologische Erkrankungen, die den REM-Schlaf stören. REM steht dabei für Rapid Eye Movement und bezeichnet jene Schlafphase, in der der Körper wie gelähmt ist, da die Muskeln aktiv gehemmt werden. „Das ist durchaus sinnvoll, denn dadurch werden wir daran gehindert, dass wir im Schlaf ausführen, was wir träumen“, so Högl. Ist dieser automatische Prozess gestört, führen Betroffene im Schlaf Bewegungen durch oder gestikulieren.

Vorbote für neurodegenerative Erkrankungen
Die auch als RBD (REM sleep behavior disorder; dt: REM-Schlaf-Verhaltensstörung) bezeichnete Schlafstörung kann ein früher Hinweis auf eine spätere neurodegenerative Erkrankung sein. „In der Forschung befassen wir uns mit Biomarkern, die helfen sollen, früh vorauszusagen, ob diese Erkrankungen wie zum Beispiel Parkinson oder eine bestimmte Form von Demenz in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten möglicherweise ausbrechen werden.“ Dies sei vor allem deswegen bedeutsam, da derzeit intensiv beforscht wird, wie man in der Frühphase das Auftreten verzögern oder den Verlauf eventuell verlangsamen kann. Außerdem ist es möglich und notwendig, die Symptome wirksam zu behandeln, so die Forscherin.

Schlafmangel macht krank
Lange litt das Thema Schlafen an einem schlechten Image, mit wenig Schlaf auszukommen, galt als cool. Mittlerweile lässt sich in der westlichen Kultur aber eine gesellschaftliche Trendwende feststellen. „Das lässt sich auch daran festmachen, dass heute Menschen schneller ihren Schlafproblemen auf den Grund gehen als noch vor 20 Jahren. Heute informieren sich Betroffene im Internet, suchen einen Hausarzt oder das Schlaflabor auf, während man früher Schlafstörungen häufig als belanglos abgetan und mittels Selbstmedikation gelöst hat“, so die Neurologin. Schlafstörungen auf den Grund zu gehen, hat durchaus Sinn – da die Behandlung je nach Art der Schlafstörung ganz unterschiedlich ist. Wer über lange Zeiten jede Nacht zu kurz schläft, schädigt das körperliche und seelische Wohlbefinden, schwächt seine Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit und steigert das Risiko von Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen. Chronischer Schlafmangel führt auch zu hormonellen Auswirkungen und schwächt das Immunsystem. „Schon nach einer Nacht mit zu wenig Schlaf wächst die Gefahr, sich eine Erkältung einzufangen“, so Högl. Ausreichend Schlaf gilt mittlerweile neben Ernährung und Bewegung als dritte wesentliche Säule, um gesund zu altern.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Komm, süßer Schlaf!
Seite 2 Ein Fenster ins Gehirn

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