Montag, 18. März 2019

Komm mit in den Garten!

Ausgabe 2019.03
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Gartenarbeit ist heilsam, Gartenarbeit macht glücklich. Das wissen alle, die sich schon auf die neue Saison im Grünen freuen. Aber auch immer mehr Sozial- und Krankeneinrichtungen bieten die sogenannte Gartentherapie an, um das psychische und physische Wohl der Patienten zu stärken.


Foto: © iStock_ FilippoBacci

Am meisten macht mir Spaß, die Erde aufzulockern und umzugraben!“, erzählt uns Mario. Dann muss er überlegen. „Mit meinem Freund Lorenz habe ich Apfelscheiben getrocknet, das waren dann tolle Apfelchips!“ Später fällt ihm noch ein, dass er manchmal eine halbe Stunde draußen sitzt, im Garten, und Blätter zupft – von den Paradeisern zum Beispiel, vom Thymian oder anderen Kräutern und Pflanzen. „Das hat beinahe etwas Meditatives für ihn“, wirft Christine ein, die Mario begleitet. Mario spricht gerne über das Gärtnern, die Arbeit unter der Sonne und zwischen den Beeten. Er blüht regelrecht auf dabei. Wie übrigens seine Melisse im vergangenen Jahr: „Ich habe die Melisse geerntet, gewaschen und dann zum Trocknen aufgelegt.“ Für einen Tee nämlich, „der hat gut geschmeckt“. Wir führen das Gespräch mit Mario im kalten Februar, draußen fallen vereinzelt Schneeflocken. Als wir Mario fragen, was er speziell im Sommer gern im Garten macht, stutzt er. Weiß die Antwort nicht zu formulieren. Christine springt helfend ein: „Bei schlechtem Wetter ist es schwierig, sich die schöne Jahreszeit vorzustellen.“

Bio-Gärtnerei für Leib und Seele
Mario ist 17 Jahre alt und Klient der Caritas-Einrichtung Am Himmel, an der Grenze des 19. Wiener Bezirks, in unmittelbarer Nähe des Cobenzls. Am Himmel ist ein Arbeitsplatz für geistig behinderte Menschen, von 15 Jahren bis ins höhere Alter. Insgesamt gibt es in der Einrichtung drei Gruppen: die Gartengruppe, die Arealfpflegegruppe (u. a. Holzarbeiten) sowie die Einkochgruppe, die für das kulinarische Wohl sorgt. Christine Kropf ist landwirtschaftliche Facharbeiterin und Leiterin des Bio-Gartens des Hauses. Ihre Gruppe besteht aus acht Klienten, Mario ist einer davon. „Sein Ziel des vergangenen Jahres, sich um die Melisse zu kümmern, hat er toll und sehr selbstständig hinbekommen!“, ist Kropf stolz. Der Bio-Garten von Am Himmel ist circa einen halben Hektar groß und beinhaltet ein Glashaus, Beete, Hochbeete, eine Schaukel und eine Schattenlaube. Geerntet und angebaut wird alles, was das Gärtner- und das Kulinarikherz erfreut: Kürbis, Paradeiser, Paprika, Knoblauch, Zwiebel, Salate, Äpfel, Sellerie, Schnittlauch, Chili, verschiedenste Kräuter und, und, und. „Karotten!“, wirft Mario ein. Auch Blumentröge und Schnittblumen gibt es. Das Geerntete wird (von der Einkochgruppe) weiterverarbeitet und auch verkauft, zum Beispiel an Wiener Lokale. Im Vordergrund steht beim Gärtnern im Am Himmel aber vor allem die körperliche und geistige Therapie der Klienten. Weshalb es sich bei dieser Bio-Gärtnerei um einen sogenannten Therapiegarten handelt.

Gartentherapie
Der Begriff und die Wurzeln der modernen Gartentherapie stammen aus den USA der 1950er-Jahre und definiert sich laut Birgit Steininger, Leiterin des Lehrgangs Gartentherapie der Hochschule für Agrar- und Umweltpädogik, folgendermaßen: „Es handelt sich um einen zielgerichteten, patientenzentrierten Einsatz von gärtnerischen Aktivitäten aller Art zur Steigerung des psychischen und physischen Wohlbefindens. Die Verbindung zwischen Mensch und Natur steht im Mittelpunkt. Die Therapie wird stets von einem Experten geleitet.“ Das Berufsbild des Gartentherapeuten ist kein selbstständiges, sondern ein interdisziplinäres, sprich: Es baut auf einen Grundberuf auf und kann als ergänzende Methode in die Basistherapie miteingebaut werden. Genau diese Vielschichtigkeit, betont Steininger, mache auch die Stärke einer Gartentherapie aus: „Die thematische Bandbreite ist riesig, zudem kann Gartentherapie an die individuellen Bedürfnisse und Möglichkeiten des Klienten angepasst werden.“ Eingesetzt wird die Gartentherapie in vielen Bereichen, unter anderem in der Geriatrie, Ergotherapie, Physiotherapie, Rehabilitation, Arbeit mit Suchterkrankten, Psychiatrie bzw. Psychotherapie, Heilpädagogik bei Kindern und Jugendlichen – sowie eben in der Arbeit mit behinderten Menschen. Nach und nach etabliert sich die Gartentherapie auch in Österreich, zeigt sich Steininger erfreut: „Immer mehr Einrichtungen, allen voran Seniorenheime, bieten einen Therapiegarten an.“ Viele Ärzte, erzählt Steininger weiter, befürworten mittlerweile die Gartentherapie und empfehlen sie als Komplementärtherapie.

Vielschichtige Effekte
Die Wirkungen und Effekte einer Gartentherapie sind genauso vielschichtig wie die Bereiche, in denen sie Einsatz findet. „Auf physiologischer Ebene steht die Bewegung in der frischen Luft, die Aufnahme von Vitamin D sowie die Verbesserung von motorischen Fähigkeiten und Bewegungsabläufen im Vorderfrund“, erklärt Steininger und ergänzt: „Man lernt sich selbst bei der Auseinandersetzung mit der Natur besser kennen. Man nimmt nicht nur die Umwelt wahr, sondern auch sich selbst als Teil des großen Ganzen.“ Der Klient wird zum Pflegenden, ist nicht mehr länger der Gepflegte. Er lernt, sich selbst besser einzuschätzen, flexibel, aber auch geduldig zu sein sowie Aufgaben verantwortungsbewusst zu übernehmen. Eine Linderung von Angst und Depressionen ist möglich. Auch Rhythmus, Orientierung, Routine und Struktur werden den Klienten durch das Arbeiten im Garten wieder nähergebracht. Gärtnerin Christine Kropf von Am Himmel betont als gartentherapeutische Effekte allen voran die Förderung der Kommunikation und des Zusammengehörigkeitsgefühls. „Es haben sich schon viele Freundschaften entwickelt, auch die Hilfsbereitschaft steigt an. Ich bin immer wieder überrascht, wie sehr sich die Klienten unaufgefordert gegenseitig unter die Arme greifen.“ Auch die Steigerung des Selbstbewusstseins durch das eigene Erschaffene spielt eine große Rolle, so Kropf. Zudem beobachte sie während des Gärtnerns eine entspannende Wirkung bei den Klienten.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Komm mit in den Garten!
Seite 2 Gartentherapie für Senioren

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