Montag, 16. September 2019

Kampf der herbstlichen Traurigkeit

Ausgabe 11/2012
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Für viele werden die kürzeren Tage zu einer wahren Mühsal. Schuld ist chronischer Lichtmangel, dem man allerdings ein Schnippchen schlagen kann!

Foto: Can Stock Photo Inc. edharcanstock - canstockphoto Von Wintertagen hat man meist den Eindruck, sie wären lieber Nacht geblieben. Kaum hat sich der Tag, der diesen Namen nicht verdient, zu einem diffusen Grau in Grau aufgerafft, wird es auch schon wieder dunkel. Am Wochenende schläft man automatisch länger, weil die innere Uhr das Signal „Aufwachen“ glatt versäumt. Und trotzdem fallen einem spätestens abends um zehn die Augen wieder zu. Bisweilen scheint es sogar so, als hätte sich das Licht – zumindest vorübergehend – ganz aus unserem Leben geschlichen.

Natürliche Trägheit. Die Ursache für das sukzessive Ermatten liegt an der Jahreszeit. Im Grunde hat es die Natur nicht anders vorgesehen: Während Zugvögel der Dunkelheit gen Süden entfliehen, verbringen Bären, Igel und Murmeltiere den Winter schlafend. Und sogar Fledermäuse reduzieren ihre Herzfrequenz drastisch, wenn die Tage kürzer werden. Den Menschen geht es ähnlich: Sie sind als ehemaliger Höhlenbewohner so gepolt, in der kalten Jahreszeit Kräfte zu sparen und möglichst viel zu schlafen. Der moderne Mensch versucht hingegen, die lästige Trägheit möglichst zu ignorieren und sein Leben wie gewohnt fortzuführen. Was dem Großteil halbwegs gelingt. Der Rest quält sich mit den Begleiterscheinungen einer eigentlich natürlichen biologischen Reaktion auf die winterliche Unterbelichtung herum: extremes Verlangen nach Kohlenhydraten, zunehmende Tagesmüdigkeit und depressive Verstimmung.

Jeder fünfte spürt den Winterblues. „Man geht davon aus, dass in unseren Breiten vier bis sechs Prozent der Bevölkerung an den typischen Ausprägungen einer Herbst-Winter-Depression und weitere zehn bis 14 Prozent an einer milden Form leiden“, sagt Prof. Edda Winkler-Pjrek, Expertin an der SAD-Ambulanz der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am AKH Wien. SAD bedeutet „Saisonal Affective Disorder“ bzw. „saisonal abhängige Depression“ und steht für den beschriebenen Winterblues, der immerhin jeden fünften Mitteleuropäer mehr oder weniger in seinem Wohlbefinden beeinträchtigt. Wichtig ist, die Winterdepression von einer  ganzjährig auftretenden Depression zu unterscheiden: „Ganz typisch ist die saisonale Gebundenheit. Patienten mit SAD weisen häufiger einen vermehrten Appetit auf Kohlenhydrate mit Gewichtszunahme auf, während nichtsaisonal depressive Menschen häufiger an Appetitlosigkeit leiden und an Gewicht verlieren.“ Warum der zunehmende Lichtmangel gegen Jahresende bei vielen Menschen einen großen Einfluss auf Organismus und Psyche ausübt, erklärt die Medizinerin so: „Durch die frühe Dunkelheit und den damit verbundenen Mangel an Tageslicht wird im Gehirn vermehrt das Hormon Melatonin durch die Zirbeldrüse ausgeschüttet, das unter anderem für ein vermehrtes Schlafbedürfnis zuständig ist.“ Die Winterschlafreaktion des Körpers ist also ganz normal.

Dem Schlafhormon ein Schnippchen schlagen. Wer in der heutigen Leistungsgesellschaft nicht über die nötige Flexibilität der Urmenschen verfügt, um sich dieser natürlichen Trägheit ohne schlechtes Gewissen hinzugeben – und das sind wohl die meisten –, hat dank der wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten 30 Jahre genügend Möglichkeiten, den Melatoninspiegel untertags auf einem erträglichen Niveau zu halten. Das beste Rezept im Kampf gegen das jahreszeitlich bedingte Stimmungstief ist schlicht UV-Licht. „In unserer SAD-Ambulanz bieten wir den Patienten die Möglichkeit, sich für einige Wochen hochwertige Lichttherapiegeräte auszuborgen, um die Wirksamkeit zu testen“, so Winkler-Pjrek. „Funktioniert die vermehrte Lichtzufuhr, kann sich der Patient mithilfe unserer Produkteliste anschließend ein eigenes Gerät anschaffen.“

Moderne Stimmungsaufheller. Bei Bedarf setzen die Ärzte zur Behandlung der Herbst-Winter-Depression auch Antidepressiva ein: „Die Präparate werden immer besser, es treten kaum Nebenwirkungen oder Gewöhnungseffekte auf. Antidepressiva machen also nicht abhängig.“ Was den Einsatz von Johanniskraut – einem natürlichen Stimmungsaufheller – betrifft, ist die Ärztin eher zurückhaltend: „Auch wenn es ein natürliches Mittel ist, sind Nebenwirkungen möglich. Eine Kombination von Johanniskraut mit Lichttherapie ist aufgrund der vermehrten Lichtempfindlichkeit durch die Einnahme nicht anzuraten.“ Entscheidet man sich dennoch für die verschreibungspflichtige pflanzliche Variante, sollte man vorher die genaue Dosierung mit dem Hausarzt abklären. Sowohl für die Lichttherapie als auch für die medikamentöse Therapie gilt: Ob ein prophylaktischer Behandlungsbeginn bereits im Frühherbst sinnvoll ist, ist laut Winkler-Pjrek vor allem vom Schweregrad und der Häufigkeit des Auftretens depressiver Episoden in den vergangenen Jahren abhängig. Zahlreiche Patienten machen eine gezielte Therapie auch vom Auftreten erster Symptome abhängig und warten erst einmal ab: „Es ist nämlich durchaus möglich, dass man auch einmal einen Winter ohne Behandlung auskommt.“

Übersicht zu diesem Artikel:
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Seite 2 Melancholie
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