Dienstag, 17. September 2019

„Jedes Glücksgefühl geht verloren!“

Ausgabe 2015.11
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Wer Joesi Prokopetz  ist, weiß man. Was man allerdings nicht weiß: Der Entertainer leidet seit Jahren an schweren Depressionen. Ein etwas anderes Gespräch über die Dunkelheit in der Seele, Ängste und die Pistole in der Schreibtischlade.


Foto: Monika Löff

Joesi Prokopetz ist „ein Charakter“. Er nimmt sich kein Blatt vor den Mund, regt sich gern über Dinge auf, ärgert auf liebevolle Weise seine Mitmenschen, zitiert leidenschaftlich Nietzsche, Schopenhauer und sonstige Philosophen, die ihm gerade einfallen, und zum aktuellen Tagesgeschehen hat er sowieso eine fundierte Meinung. Auf der Bühne punktet er mit humoristischer Sozialkritik: Er möchte zum Lachen und zum Nachdenken anregen. Bekannt ist der 63-Jährige vor allem als Texter für Wolfang Ambros („Da Hofa“, „Es lebe der Zentralfriedhof“), aber auch als Solokünstler („Sind Sie Single?“, „Na guat, daun net“). Seit 2015 ist er zudem Intendant des Kabarettfestivals „Ybbsiade“. Sein aktuelles Kabarett trägt den Titel „Vorletzte Worte“ (www.prokopetz.at).

Verprügelte Seele. Da gibt es aber noch eine andere Seite von Prokopetz. Eine Seite, die ihm beinahe das Leben gekostet hätte. Prokopetz leidet an Depressionen, jedoch gepaart mit Hypochondrie und Panikattacken. Die Depressionen, die kommen und gehen, hinterlassen aber bleibende Flecken auf Prokopetz‘ Seele. Während sich andere Leidensgenossen zurückziehen und den Schmerz in der Einsamkeit immer weiter- wachsen lassen, wählt der Kabarettist den gegenteiligen Weg und spricht öffentlich über seine psychischen Erkrankung(en).

Volkskrankheit. Vielleicht weil er damit das Thema Depression gesellschaftsfähig machen, Vorurteile abbauen, anderen Mut machen möchte. Denn die Depression ist eine Volkskrankheit geworden: Im Laufe ihres Lebens entwickeln etwa 16 bis 20 von 100 Menschen eine Depression. Man geht davon aus, dass bis zu ein Viertel der Patienten, die einen praktischen Arzt aufsuchen, an einer Depression leidet. Nur bei der Hälfte von ihnen wird die Erkrankung aber auch erkannt und wiederum nur bei einem Viertel davon zureichend behandelt. International sehen die Zahlen nicht besser aus: Bis 2020 werden laut Prognose Depressionen in Europa die Hauptursache für Krankenstände sein. Laut Weltgesundheitsorganisation leiden weltweit mehr als 121 Millionen Menschen an dieser Erkrankung.

Offen und ehrlich wie nie gewährt Joesi Prokopetz im Gespräch mit GESÜNDER LEBEN tiefe Einblicke in sein Seelenleben – und diese sind nicht immer politisch korrekt …

GESÜNDER LEBEN: Die erste Depression hatten Sie 1999. Kann bei so einem Thema Humor helfen?
Joesi Prokopetz: Nein, sicher nicht. Mir half und hilft allerdings, dass ich mich fast jeden Abend für zwei Stunden auf der Bühne von mir entferne. Das heißt, ich bin dann nicht ich selbst. Laut meinem Psychiater ist meine Art der Depression nämlich, gepaart mit Angst, Panik und Hypochondrie, das permanente pathologische Beschäftigen mit sich selbst. Das ist auch der Auslöser für diese Erkrankungen: Man konzentriert sich zu stark auf sich selbst. Jedes Wehwehchen wird zum Weltuntergang. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Im Alltag ist Humor bei Depressionen nutzlos, weil er ja gar nicht aufkommt. Wenn, dann ist es Sarkasmus oder Zynismus.

GL: Sind Sie in dieser Verfassung auf fröhliche Menschen wütend?
Sie stimmen mich eher todtraurig. Man will eigentlich einen Massenmord begehen, weil man solch einen Zorn verspürt – was man natürlich nicht tut, weil man dafür wiederum zu traurig ist. Es ist nicht Neid, den man empfindet, sondern der Zorn, dass es Menschen gibt, die so ausgelassen sein können und nicht wissen, welches andere Spektrum an Gefühlen es da noch gibt. Der Zorn wird natürlich noch mehr durch Aussagen wie „Reiß dich zamm!“ oder „Trink doch noch a Achterl!“ verstärkt. Natürlich könnte ich als Darsteller all diese Dinge überspielen – aber das tue ich schon lang nicht mehr.

GL: Und trotzdem konnten Sie auf der Bühne stehen …
Das hat mich letztendlich gerettet – auch wenn ich in jeder Garderobe, in der ich war, geschaut habe, wo und wie ich mich aufhängen kann. Suizidgedanken waren bei mir immer sehr stark vorhanden, aber es ist ein großer Unterschied zwischen Suizidwunsch und Ausführung der Tat.

GL: Und aktuell?
Aktuell hab ich’s ganz gut im Griff, ich bin medikamentös gut eingestellt und besuche regelmäßig meinen Psychiater. Die Medikamentendosis werde ich, wie eigentlich geplant, in den nächsten Monaten jedoch nicht reduzieren. Ich weiß, dass mir das nicht guttun würde. Vielleicht im nächsten Frühjahr.

GL: Hatten Sie 1999 sofort den Verdacht, depressiv zu sein?
Geh bitte! Der Grund für meine Angst, die Panik, die Trauer war ja der Glaube, ich sei an Aids erkrankt. Dass man da Angst hat, war für mich nicht außergewöhnlich – schließlich hatte ich auch alle Symptome, die auf diese Erkrankung hinweisen! Und es ist immer ärger geworden. Dass diese Symptome großteils psychosomatisch sind – daran denkt man in solch einer Verfassung natürlich nicht! Ich habe mir sogar über Schleichwege eine Schusswaffe besorgt und in der Schreibtischlade versteckt, weil ich so verzweifelt war. Unter dem Vorwand einer Gesundenuntersuchung habe ich mich bei meinem Hausarzt komplett durchchecken und, quasi so nebenbei, auch meinen HIV-Status abchecken lassen. Das Ergebnis war negativ, der Stein, der vom Herzen fiel, war groß. Ich wusste aber auch, da ist was in mir, da komm ich alleine nicht raus. Also habe ich ein Jahr lang eine Gesprächstherapie gemacht und ein Antidepressivum genommen. Ich habe mich sogar zusätzlich freiwillig einer Hypnotherapie unterzogen – fragens’ mich nicht, ob das was gebracht hat! Angenehm war’s …

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