„Ich brauche die Stille in der Natur“

03. März 2017

Burgtheater-Star  regina fritsch  erzählt, warum sie die Stille, die Natur und einen Bauernhof der Großstadt vorzieht. Und verrät, wie sie durch eine radikale Ernährungsumstellung eine schwere Nervenentzündung besiegt hat.


Foto: ORF Mona Film - Petro Domenigg

Die geborene Niederösterreicherin, die bereits mit 21 Jahren an die „Burg“ kam und zum festen Ensemble des geschichtsträchtigen Theaters gehört, ist bodenständig, ausgeglichen und unkompliziert. Sie bestellt einen Wellness-Oase-Tee, der auch irgendwie zu ihrer Persönlichkeit passen mag: erfrischend und beruhigend zugleich, exotisch und doch geerdet. Schon nach wenigen Minuten entwickelt sich ein Gespräch, das nicht nur an der Oberfläche kratzt, sondern diese selbstreflektierend zerstört. Fritsch ist eloquent, hinterfragend – und vor allem sich selbst gegenüber sehr kritisch. Das ist eine angenehme Abwechslung in der an überlebensgroßen Egos nicht armen Theaterwelt. Vielleicht hat sie auch deshalb eine gesunde Distanz zu ihrem Beruf. Ihr Blick ist manchmal spitzbübisch, ihre Augen strahlen Nachdenklichkeit aus. Und als wir uns von ihr verabschieden, wissen wir: Wir sollten wieder mal ins Theater. Es ist schon viel zu lange her.

Regina Fritsch erleben

Im Burg- und Akademietheater

  • Ludwig II. (nach dem Film von Luchino Visconti): 7., 12., 22. März
  • Mutter Courage (Bert Brecht): 9. März
  • Die Präsidentinnen (Werner Schwab): 23. März
  • Der Talisman (Johann Nestroy): 14. & 30. März
  • Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Straße (Peter Handke): 8. April
  • Liebesgeschichten und Heiratssachen (Johann Nestroy, Premiere!): 13. April

 

Im ORF ist Regina Fritsch in der neuen Stadtkomödie-Reihe zu sehen.
Sie stand dafür mit Joseph Hader vor der Kamera. TV-Ausstrahlungstermine stehen noch nicht fest. Zurzeit dreht Fritsch mit Nicholas Ofczarek und Florian Teichmeister den Film Zauberer für das Kino.

GESÜNDER LEBEN: Was tun Sie, um sich körperlich fit zu halten?
Regina Fritsch: Ich hatte jahrelang einen Hund und habe deswegen jede Strecke zu Fuß zurückgelegt. Ich bin mit ihm sicher 20 Kilometer am Tag gegangen. Seitdem mein Hund vor einem halben Jahr verstorben ist, muss ich zugeben, dass ich keinen unnötigen Schritt mehr zu viel mache. Er hat mich fit gehalten.
 
GL: Sind Sie gerne in der Natur?
Absolut. Die Natur erdet mich – etwas, das besonders in meinem Beruf sehr wichtig ist. Ich komme immer sehr verstand- und gedankenlastig in den Wald hinein und verlasse ihn wieder mit einem leeren Kopf. Meine Gedanken ordnen sich in der Natur, vieles erscheint plötzlich in einem anderen Kontext, wird unwichtig. Im Wald suche ich nach Ruhe, muss ganz alleine sein. Schon wenn ich dort einem anderen Spaziergänger begegne, macht mich das ganz unrund und ich suche mir eine neue Route.
 



GL: Sind Sie generell jemand, der die Ruhe braucht?
Ich gehe sogar noch weiter: Ich brauche nicht Ruhe, sondern Stille. Dann kommen die meisten Antworten von selbst. In der Hektik, in der Großstadt verliert man sich schnell selbst. Ich bin seit 30 Jahren in Wien und bin nach wie vor keine Wienerin, kein Großstadtmensch geworden. Mein Heimatort Hollabrunn im Waldviertel war geprägt von Freiheit, von endlosen Wäldern und von Schilflandschaften. Das alles hat mich sehr geprägt. Zudem führte meine Großmutter einen kleinen Bauernhof, weshalb mein Traumberuf, ja sogar mein Lebensziel auch lange Zeit Bäuerin war.  

GL: Was fasziniert Sie so sehr am Leben auf einem Bauernhof?
Das Leben und die Tätigkeit im Einklang mit den vier Jahreszeiten. In meinem Beruf habe ich viel mit Kunstlicht zu tun und verbringe viel Zeit in dunklen Räumen. Manchmal habe ich das Gefühl, eine Jahreszeit komplett verpasst zu haben, weil ich so sehr auf meine Arbeit fokussiert bin.

GL: Viele träumen von einem Leben am Bauernhof, schrecken aber vor der harten Arbeit zurück ...
Das wäre für mich gar kein Problem. Ich überlege sogar, im Sommer auf eine Alm zu gehen und dort tatkräftig mitzuhelfen, diese zu bewirtschaften, mit Kühen und allem Drum und Dran. Selbstbestimmtes Arbeiten ist für mich sehr wichtig.
 
GL: Und wie sieht es bei Ihnen mit gesunder Ernährung aus?
Ein wichtiger Motor in meinem Leben ist gesunde Ernährung. Ich habe schon mit 13 Jahren begonnen, Brot zu backen, und hatte auch ein eigenes kleines Feld zu Hause, auf dem ich verschiedenste Obst- und Gemüsearten angepflanzt habe. Biodynamischer Anbau war mir sehr wichtig. Als eingefleischter Hippie habe ich mich auch sehr im Bereich des Fair-Trade-Handels engagiert. Ich kam durch Zufall an Willi Dungl und war eine der Ersten, die in seinem damaligen Hotel in Gars am Kamp seine Kochkurse besuchte. Bei Dungl habe ich Kochen von der Pike auf gelernt – und war sehr schnell ein Fanatiker! (lacht) Ich habe mir eine Gefriertruhe gekauft und oftmals bis 2 Uhr nachts gekocht. Ich war begeistert und koche nach wie vor nach seinem Konzept. Industriell hergestellte Nahrung kommt bei mir nicht auf den Tisch, zudem bin ich schon seit langer Zeit überzeugte Vegetarierin. Ich hatte es sogar mit einer veganen Lebensweise versucht, was ich allerdings nicht in meinen Alltag integrieren konnte. Ich habe nie aufgehört, mich um Lebensmittel zu kümmern, die auch ethisch vertretbar sind. Artgerechte Tierhaltung ist kein Luxus, sondern ein Grundrecht der Tiere. Es wäre für mich beispielsweise unmöglich, Eier aus Bodenhaltung zu kaufen.
 
GL: Sie litten mit 19 Jahren an einem Nervenleiden ...
Es handelte sich dabei um eine plötzlich aufgetretene Nervenentzündung, eine genaue Diagnose konnte allerdings nie gestellt werden. Eine Körperhälfte war stark schmerzempfindlich, oft habe ich im Bett vor Schmerzen geweint. Ich habe auf keine Behandlung angesprochen – erst als ich mich intensiv mit meiner Ernährung beschäftigte und diese nach den Regeln von Dungl umstellte, haben sich die Beschwerden gelegt. Ich aß keinen Zucker, kein Fleisch mehr – und ich war nach einem Jahr Schmerzen endlich wieder gesund.
 
GL: Inwiefern hat Sie dieses Jahr voller Schmerzen geprägt?
Ich bin ein Pippi-Langstrumpf-Typ: Ich denke, ich kann alles! Ich vergesse sehr schnell, wie schmerzhaft manche Dinge sind – was zugleich ein Segen als auch ein Fluch ist, denn man läuft so Gefahr, dieselben Fehler immer wieder zu machen. Ein Problem ist nach wie vor, dass ich dazu tendiere, mich zu überfordern und meine Grenzen nicht zu erkennen – wie das Duracell-Häschen, das läuft und läuft und läuft. Aber ich habe in den letzten Jahren und mit dem Alter gelernt, mich besser wahrzunehmen. Mein Körper meldet sich von selbst, wenn es ihm zu viel wird. Mein Körper ist oft klüger als mein Verstand.
 
GL: Auf welche Art und Weise meldet sich Ihr Körper bei Überforderung?
Ich habe ein großes Schlafbedürfnis, das ich früher stets ignoriert habe. Heute lege ich mich einfach hin, wenn ich erschöpft bin!
 
GL: Themenwechsel: Sie sind seit bereits 30 Jahren am Burgtheater. Sind Sie jemand, der Gefallen am Gewohnten und an der Routine findet?
Schaut so aus! (lacht) Aber eigentlich ist das langjährige Verweilen am Burgtheater meinen beiden Töchtern geschuldet: Ich wusste immer, dass ich meinen Kindern auf gar keinen Fall ein instabiles Leben bieten möchte. Aufgrund so mancher persönlicher Querelen hat das zwar nicht so ganz geklappt, aber sie hatten zumindest ein fixes Zuhause, ein Heim, mussten nicht stets umziehen. Ich habe einige Job-angebote wegen meiner Töchter nicht angenommen. Das empfinde ich allerdings nicht als Opfer. Meine Kinder haben den höchsten Stellenwert in meinem Leben!
 
GL: „Ein Heim bieten zu können“ – ist das ein Gefühl, das vielen Kindern und Jugendlichen heutzutage fehlt?
Ich denke schon. Es ist eine Tatsache, dass Müttern heute sehr viel aufgebürdet wird und sie deswegen überlastet sind. Aber auch der modernste Computer kann ein persönliches Gespräch nicht ersetzen. Zum anderen hat sich das Verständnis für Kinder gewandelt: Früher hieß es, Kinder solle man sehen, aber nicht hören. Dieses Bewusstsein ist heute Gott sei Dank ein anderes.
 
GL: In einem früheren Interview sagten Sie, Sie könnten auch ohne Ihren Beruf leben ...
Absolut. Vielleicht mache ich mir ja auch was vor, denn ich habe ja keinen Gegenbeweis, aber mir wird nie langweilig im Leben. Ich finde immer etwas Neues, Spannendes. Ich liebe meinen Beruf, aber identifiziere mich nicht mit ihm.
 
GL: Sie sind Trägerin des Alma-Seidler-Ringes und tragen somit offiziell den Titel als „würdigste Bühnenkünstlerin des deutschsprachigen Theaters“ ...
Das ist natürlich absurd. Man wäre verrückt, würde man das tatsächlich glauben. Einer muss den Ring bekommen, ich habe ihn gekriegt – so sehe ich das. Eigentlich müsste ich die Auszeichnung mit vielen anderen Schauspielerinnen teilen. Worum es mir in meinem Beruf geht, ist Authentizität und Wahrhaftigkeit, darum kämpfe ich. Um mehr Inhalt und um weniger Kunst. Ich würde mir größere inhaltliche Herausforderungen wünschen.
 
GL: Welchen gesellschaftlichen Stellenwert hat das Theater im Zeitalter der Medienüberflutung?
Ich glaube, das Theater wird niemals ersetzbar sein, weil die Unmittelbarkeit, die Lebendigkeit auf diese Weise nur im Theater vorzufinden ist. Jede Vorstellung ist ein Unikat. Durch den Kontakt mit dem Publikum entsteht eine große und ganz besondere Magie. Ich bin wahnsinnig dankbar, einen Beruf, der mir solche Freude bereitet, schon so lange ausüben zu dürfen. Natürlich ärgere ich mich über vieles, aber mein Job langweilt mich nie und ich lerne nie aus. Ich entwickle mich stets weiter.
 
GL: Was hat Sie die Schauspielerei gelehrt?
Auf mich zu hören und mich genau zu durchleuchten. Selbsterforschung ist eine große Kraft im künstlerischen Prozess, aber auch im Leben selbst. Ich war immer ein sehr kritischer Mensch – vor allem mir selbst gegenüber. Diese hohen Erwartungen an mich selbst haben früher zu großen Versagensängsten geführt. Mit dem Alter haben sich diese Angst und der Perfektionismus zumindest gemildert. Perfektion ist doch eigentlich unmenschlich.   
 
GL: Was sehen Sie in unserer Gesellschaft am kritischsten?
Es macht mich irrsinnig traurig, wie verantwortungslos wir mit der Natur, der Umwelt umgehen. Wir sind im Begriff, unsere Welt zu vernichten, bevor wir sie überhaupt ganz kennengelernt haben. Über Milliarden von Jahren hat sich diese Welt entwickelt und innerhalb von hundert Jahren bringen wir es fertig, sie schwer aus dem Gleichgewicht zu bringen. Das tut weh. Alles in der Natur hängt zusammen und bedingt sich. Ich sehe auch die Sonderstellung des Menschen im großen Gefüge nicht. Das kleinste Tier hat dieselbe Lebensberechtigung wie wir.
 
GL: Das sehen viele Menschen wohl etwas anders …
Am 1. Februar wird seit vielen Jahren der Europäische Theatertag der Toleranz begangen. Es wird vor der Theatervorstellung ein Memorandum vorgelesen, in dem es unter anderem darum geht, dass wir Theaterleute uns für die Schwächeren einsetzen. Als ich es dieses Jahr vorgelesen habe, waren im Publikum vereinzelt Buhrufe zu hören. Ich war fassungslos und mir haben die Knie geschlottert.
 
GL: Was sagen Sie zur Flüchtlingsproblematik?
Das ist ein sehr schwieriges Thema und man hat nicht alle Antworten parat – wie könnte man auch? Aber ich begreife nicht, dass wir, denen es gut geht, nicht versuchen, zusammenzuhalten und einander zu helfen.
 
GL: Wie sieht Ihr privates soziales Engagement aus?
Im Rahmen der Flüchtlingshilfe im Burgtheater unterstütze ich eine Familie
finanziell. Wir haben den Flüchtlingen auch bei der Wohnungssuche geholfen und sie dabei unterstützt, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Der persönliche Kontakt hat mich sehr berührt. Wie schlimm es sein muss, wirklich alles zu verlieren, sogar die eigene Heimat, das kann ich mir sehr gut vorstellen – nicht weil ich Schauspielerin bin, sondern weil ich ein Mensch bin.
 
GL: Ist die gesellschaftliche Nächstenliebe weniger geworden?
Die Menschen haben sich vervielfacht im Verhältnis zu früher – aber der Wunsch, wegzuschauen und nichts damit zu tun haben zu wollen, war immer schon vorhanden.

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