Montag, 20. Mai 2019

In Würde altern – vital & geistig fit

Ausgabe 2018.09

Alt werden wir alle – stellt sich nur die Frage, wie. GESÜNDER LEBEN hat mit einem weltweit führenden Gehirnforscher gesprochen und zeigt, wie jeder seine Fähigkeiten und Potenziale auch im hohen Alter ausschöpfen kann. Und so der gefürchteten Demenz keine Chance gibt.

 


Foto: © iStock-DrAfter123

 

Schon im Jahr 2050 wird es nach einer Studie der University of Oxford weltweit ebenso viele Menschen über 60 wie Jugendliche unter 15 Jahren geben, schreibt Sarah Harper im Wissenschaftsmagazin „Science“. Das sind jeweils zwei Milliarden Menschen bzw. je ein Fünftel der Weltbevölkerung! Derzeit gibt es 69 Millionen über 80-Jährige, 2050 werden es rund 379 Millionen sein. Nach Schätzungen der WHO sind derzeit weltweit 35 Millionen Menschen an Demenz erkrankt und jedes Jahr kommen rund 7,7 Millionen dazu. Erschreckende Zahlen mit gesellschaftlicher Relevanz, Stichwort Pflegeaufwand mit enormen Kosten. Es  lohnt sich daher für jeden Einzelnen, alles zu tun, damit das Gehirn bis ins hohe Alter fit bleibt.

Älterwerden ist keine Krankheit
DDr. Gerald Hüther ist Neurobiologe und zählt zu den bekanntesten Hirnforschern Deutschlands. Er arbeitet in der neurobiologischen Präventionsforschung mit dem Ziel, durch die Erkenntnisse aus der modernen Hirnforschung günstigere Voraussetzungen für die Entfaltung menschlicher Potenziale zu schaffen. „Demenz ist keine individuelle Erkrankung, sondern die kriegt man, weil man in einer Welt lebt, die nicht so ist, wie sie sein sollte. Und das gilt nicht nur für die Demenz, sondern ebenso für die Freude am Lernen und am gemeinsamen Gestalten“, erklärt Dr. Hüther. „Die Art und Weise, wie wir seit etwa 50 Jahren mit unseren Alten oder mit dem Älterwerden umgehen, ist würdelos. Da bekommt man mit 40 schon mitgeteilt, dass man nun zum alten Eisen gehöre, und Mitarbeiter, die gern noch weiter tätig gewesen wären, werden in den Fünfzigern in Pension geschickt. Da müssen wir uns nicht wundern, wenn am Ende sehr viele Menschen in eine Situation kommen, in der sie fühlen, dass sie nutzlos, ungewollt sind. Wo haben Menschen heute noch das Gefühl, dass das Leben, das sie führen, Sinn verleiht? Das heißt, wir verletzen ständig die Grundlage unserer Gesundheit und müssen uns deshalb nicht wundern, dass die Selbstheilungskräfte, und damit das regenerative Potenzial in unseren Gehirnen, immer mehr versiegen.“

Selbstheilungskräfte des Gehirns aktivieren
Es liegt also nicht an der Physiologie des Gehirns? Nein, weiß der Neurobiologe. „Wer alt wird, kann damit rechnen, dass sein Gehirn Verbindungen und Vernetzungen verliert, dass es von Ablagerungen übersät ist, dass Gefäße verstopfen. Das heißt aber nicht, dass er deswegen eine Demenz entwickeln muss. Wir werden nicht dement, weil unser Gehirn abbaut, sondern weil unsere Art zu leben so viele Menschen daran hindert, die Selbstheilungskräfte ihres Gehirns zu aktivieren. Das können wir ändern. Denn aus der jüngsten Forschung wissen wir: Das menschliche Gehirn ist bis ins hohe Alter umbaufähig. Es kann sogar noch neue Nervenzellen bilden, und natürlich können Nervenzellen auch neue Fortsätze auswachsen und Verbindungen herstellen. Ähnlich wie nach schweren Schädigungen des Gehirns nach Schlaganfällen. All das war im letzten Jahrhundert nicht bekannt.“ Dr. Hüther verweist auf die berühmte Nonnenstudie des US-Epidemiologen Snowdon, der zwischen 1986 und 2001 mehr als 400 Nonnen eines Ordens zwischen 75 und 106 Jahren begleitet und regelmäßig mit Tests zur Messung von Demenz überprüft hat. „Es gab nur verschwindend wenige Fälle. Das allein sagt noch nicht viel, aber: Nachdem die Nonnen verstorben waren, hat er Autopsien von ihren Hirnen gemacht und dabei gesehen, dass genau wie bei der Durchschnittsbevölkerung ein Drittel ein ebenso stark abgebautes Hirn hatte. Und trotzdem war kaum eine Nonne dement geworden. Die Erklärung bietet sich erst jetzt mit dem neuen Wissen der Neurobiologie zur Umbaufähigkeit des Gehirns: Der Abbau war da, aber den Hirnen der Nonnen ist es gelungen, ihn durch regenerative neuroplastische Kompensation auszugleichen, also neue Verbindungen herzustellen.“ Warum gelingt das Millionen anderer Menschen nicht? Gerald Hüther hat die Antwort: „Dazu muss es einem richtig gut gehen. Man muss das Gefühl haben, dass man in einer Welt lebt, in der man sich wohlfühlt. In der man versteht, was da passiert. Wo man merkt, das kannst du mitgestalten. Und dass dieses Leben bis ins hohe Alter bedeutsam und sinnvoll ist. Damit hätten wir die drei sogenannten salutogenetischen Grundregeln: Verstehbarkeit, Gestaltbarkeit, Sinnhaftigkeit. Das sind die drei Faktoren, die es im Leben braucht, damit ein Mensch möglichst lange gesund bleibt, oder wenn er krank ist, möglichst schnell wieder gesund wird und im Hirn sein neuroplastisches Potenzial entfalten kann. All das erlebten die Nonnen in ihrer Gemeinschaft und ihrer intellektuell herausfordernden Arbeit als College-Lehrerinnen – die übrigens die meisten von ihnen bis ins hohe Alter ausüben konnten. Das  Hirn gleicht normalerweise die degenerativen Prozesse von ganz allein aus – bis zu dem Augenblick, wo es daran gehindert wird, weil die Grundvoraussetzungen für die Gesunderhaltung verletzt werden. Und bei den meisten Menschen sind sie verletzt.“

Lebendig mit 82
Anna ist ein gutes Beispiel für die Forderungen des Neurophysiologen Hüther. Sie ist 82, lebt mit ihrem Mann im gemeinsamen großen Haus, geht einkaufen und kocht täglich, sie betreut ihre Blumen- und Kräuterbeete, erntet im Sommer ihre Brombeeren und kocht Marillenmarmelade ein. Jeden Donnerstag kommen Töchter, Enkel und Urenkel zum Mittagessen, dann sitzen schon mal 12 Leute am Esstisch. „Da koche ich eben etwas, das man gut vorbereiten kann“, sagt sie. „Schinkenfleckerl oder Obstknödel.“ Natürlich ist das alles selbst gemacht, Fertigprodukte kommen nicht auf den Tisch. Immer Dienstagvormittag geht sie in die Volkshochschule zum Englischkurs. Montagabends wird die Hausübung dafür gemacht. Dienstagabends steht dann Wirbelsäulengymnastik am Programm. Und am Freitagabend ist Kirchenchorprobe für die Sonntagsmesse. Darüber hinaus hat sie Konzert- und Opern-abonnements in Wien, wo sie selber mit dem Auto hinfährt, und besucht verwitwete, alleinstehende Freundinnen. Wenn sie nicht gerade die Enkel und Urenkel betreut. Wie Sie das schafft? „Am wichtigsten ist mein täglicher Mittagsschlaf. Und ich werde einfach gebraucht.“ Ob sie vergesslich ist? „Natürlich, manchmal wundere ich mich, was ich alles erlebt haben soll, wo ich gewesen sein soll, wenn mir die Kinder von gemeinsamen Reisen erzählen, und ich erinnere mich an gar nichts. Aber es ist schön, dass ich das alles offenbar erlebt habe.“

Ganzheitliches Gehirntraining
Alleine zu Hause Kreuzworträtsel lösen oder Gedichte auswendig lernen, ist nicht die Lösung. Das weiß auch Ursula Oppolzer in ihrem Ratgeber „Aktivierung durch ganzheitliches Gehirntraining." Ziel ist die Förderung der geistigen Fitness ergänzt durch die Anregung der körperlichen Fähigkeiten. Mit einem Auswendiglernen langer Zahlen- oder sinnloser Wortreihen hat das  ganzheitliche Gehirntraining wenig zu tun. „Beim ganzheitlichen Gehirntraining geht es um den ganzen Menschen, um die Anregung und Förderung seiner geistigen und körperlichen Fähig- und Fertigkeiten, um das Wecken von positiven Gefühlen und Interessen und um die Aktivierung des Körpers", erklärt Ursula Oppolzer. Die Übungen aktivieren und trainieren möglichst viele Gehirnfunktionen und werden durch verschiedene Bewegungsübungen ergänzt. Denn bei gleichzeitiger körperlicher und geistiger Aktivität ist die geistige Leistungsfähigkeit viel höher als bei körperlicher Ruhe. „Bewegung verlangsamt den Alterungsprozess des Gehirns", bekräftigt die Autorin. Das bestätigt auch Gehirnforscher Hüther: „Sehr interessant ist die beobachtete Verringerung des Erkrankungsrisikos für Demenz durch Bewegung, gesunde Ernährung, Tanzen, Singen oder Musizieren und vor allem durch ein erfüllendes Zusammenleben mit anderen.

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