Freitag, 29. Mai 2020

In Gesundheit und Würde altern

Ausgabe 2020.04
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Ist man so alt, wie man sich fühlt? Was passiert während des Alterns mit unserem Körper? Und: Wie wird man möglichst gesund alt? GESÜNDER LEBEN sprach mit dem Leiter der Akademie für Altersforschung am Haus der Barmherzigkeit und Professor für Geriatrie an der Donau-Universität Krems Univ.-Prof. Dr. Christoph Gisinger.


Foto: © iStock - filadendron

Altern ist ein Vorgang, der schon ab der Geburt beginnt und unterschiedlich schnell abläuft. Dieser sehr komplexe Prozess wird von Lebensbedingungen, Umweltfaktoren, von den Erbanlagen, vom individuellen Lebensschicksal und den persönlichen Lebensgewohnheiten beeinflusst. So können gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung oder Nichtrauchen dazu beitragen, Gesundheit, Wohlbefinden und körperliche Leistungsfähigkeit zu erhalten. Gestoppt werden kann der Alterungsprozess aber nicht. Warum Lebewesen altern, ist wissenschaftlich umstritten. Eine mögliche Erklärung ist, dass Organismen darauf ausgerichtet sind, sich früh maximal zu vermehren, und nicht, möglichst lange zu leben.

Altern – medizinisch betrachtet
„Altern ist eine gesetzmäßige Veränderung mit Phasen wie Wachstum, Pubertät oder der Menopause bei Frauen“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Christoph Gisinger vom Haus der Barmherzigkeit Wien. „Der Höhepunkt der körperlichen Fähigkeiten liegt beim Menschen zwischen 20 und 30 Jahren.

Daher sind auch die meisten Spitzensportler nicht älter als 30. Im Alltag verwenden wir etwa 20 Prozent der Leistungsfähigkeit von Herz, Lunge und Gehirn. Im höheren Lebensalter verlieren die Organe ihre Reservekapazitäten. Auch die kognitive Leistungsfähigkeit nimmt ab und das ist keine Krankheit, sondern ganz normal aufgrund der Zellalterung.“ Denn Zellen können sich nur in einer beschränkten Anzahl teilen. Je älter der Mensch wird, umso häufiger kommt es zu Fehlern bei der Zellteilung und es entstehen nicht mehr ganz funktionsfähige, seneszente Zellen, die ihr Wachstum einstellen. Gisinger: „So nimmt beispielsweise die Muskelmasse eines gesunden Menschen, auch wenn er trainiert, im Alter ab. Die einzelnen Zellen funktionieren nicht mehr so gut, sie werden weniger oder in Binde- und Fettgewebe umgewandelt. Durch dieses physiologische Altern unterscheidet sich der Muskel eines 80-Jährigen von dem eines 20-Jährigen.“

Veränderte Körperprozesse
Viele Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes, Arthrosen und andere Skeletterkrankungen, Krebs, Herzerkrankungen sowie alle chronischen Krankheiten nehmen in ihrer Häufigkeit im Alter zu. Denn: „Aufgrund von genetischen Faktoren und vielfältigen Belastungen kommt es bei der Zellteilung im Alter zu einer höheren Fehlerquote als in der Jugend“, weiß der Geriater. „Abgesehen von altersunabhängigen Risikofaktoren wie Rauchen oder Übergewicht, ist deswegen Krebs im Alter wesentlich häufiger. Im gesunden, jungen Körper werden diese Krebszellen zumeist viel besser ausgeschaltet und vernichtet. Daher sind Krebserkrankungen bei jüngeren Menschen vergleichsweise seltener. Selbst wenn ein Mensch gesund alt wird, sind die Reservekapazitäten aller Organe im Alter verringert. Kommt dann noch Stress durch eine Infektion wie Influenza oder auch anderer physischer und psychischer Stress dazu, ist weniger Anpassungs- und Widerstandsfähigkeit vorhanden. Daher ist eine Grippeerkrankung bei einem 90-Jährigen gefährlicher als für einen 25-Jährigen.“

Gegenmittel gegen Altern: LLLLL
Gesund leben, nicht rauchen, maßvoll essen und ausreichend Bewegung – damit kann man dem Altern entgegenwirken. Altersforscher Dr. Gisinger fasst es prägnant in den „fünf L“ zusammen: „Laufen, das heißt körperliche Bewegung jeder Art. Lernen: Unter dem Motto ,Wer rastet, der rostet’ müssen die geistigen Fähigkeiten lebenslang benutzt werden. Lieben, also soziale Interaktion und eine positive Grundeinstellung, ist extrem wichtig. Menschen, die in einer Familie eingebettet sind und länger arbeiten, sind nachgewiesenermaßen gesünder und leben länger. Lachen bedeutet heitere Gelassenheit. Hochbetagte mit fröhlichem Gemüt haben eine bessere subjektive Lebensqualität und manche Studien deuten auch auf eine höhere Lebenserwartung hin. Leicht essen, damit ist vernünftige, gesunde Ernährung gemeint und das Vermeiden von schwerem Übergewicht.“ Ganz wichtig ist es auch, eine Aufgabe im Alter zu haben. „Früher hat es geheißen, wenn man alt ist und krank, sollte man sich schonen. Heute wird auch nach schweren Erkrankungen frühzeitig mobilisiert. Ebenso falsch ist es, mit 60 in Pension zu gehen, wenn man gesund ist. Denn der Mensch braucht eine Aufgabe. Sinnerfüllende Arbeit – zum Beispiel auch im Ehrenamt – bringt Interaktion und Wertschätzung.“

Das Leben verlängern
Statistisch gesehen ist die Lebenserwartung in den Industrieländern in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen und steigt alle drei bis vier Jahre um ein weiteres Jahr an. Daraus ergibt sich die wesentliche Frage, ob die Lebenserwartung deshalb steigt, weil Menschen länger in Pflegebedürftigkeit leben oder ob sich die gesunde Lebenszeit ausweitet. „Dabei geht es um die subjektive Gesundheit, wie sich der Mensch fühlt, und nicht darum, ob er Tabletten einnehmen muss“, erklärt Gisinger. „80 Prozent der Studien zeigen, dass in den Industrieländern durch medizinische Fortschritte die gesunde Lebensspanne steigt. So werden etwa Herzerkrankungen oder Krebs erfolgreich behandelt, aber auch im orthopädischen Bereich beispielsweise Knieprothesen eingesetzt. Das alles hängt aber vom Entwicklungsstand des Landes ab. In den USA sehen wir den gegenteiligen Effekt durch die Übergewichtsepidemie und die schlechte Gesundheitsversorgung vieler ärmerer, nicht versicherter Menschen.“

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 In Gesundheit und Würde altern
Seite 2 Altersgerecht leben

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