Sonntag, 15. September 2019

„Ich habe wieder gehen gelernt“

Ausgabe 2015.06
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Aus heiterem Himmel bricht  Edith Gloor eines Morgens zusammen. Diagnose: Querschnittlähmung. Man gibt ihr eine Heilungschance von knapp 5 Prozent. Nur ein Jahr später steht sie dennoch wieder selbstständig auf den Beinen. Eine eindrucksvolle Geschichte.


Foto: Miriam Höhne

Edith Gloor, Jahrgang 1942, ist Autorin von Hörspielen, Theaterstücken und Filmdrehbüchern. In ihrem Leben hat die gebürtige Schweizerin schon einiges gesehen. Wohnte eine Zeit lang in Indien und Südamerika, beschloss im Alter von 40 Jahren, Dramaturgin zu werden, und eroberte danach die Schweizer Theaterszene. Seit 52 Jahren ist sie mit jenem Mann verheiratet, den sie heute noch als „Mann meiner Träume“ bezeichnet, auch oder gerade weil sie in verschiedenen Städten wohnen und sich dabei trotzdem näherstehen als so manche Eheleute unter demselben Dach. Sie hat zwei „wilde, großartige Kinder“, eine Tochter und einen Sohn, heute 40 und 45 Jahre alt. „Ich hatte nie das Gefühl, ich hätte etwas verpasst oder sei am falschen Ort. Ich bin nie zu kurz gekommen.“ Sie war stets „eine Funktionierende“, wie Gloor sagt, hatte ein reges Sozialleben in Zürich und Wien und „liebte es, für alle um mich rum aufzukochen“. Die Kindheit war nicht immer ganz einfach, schon die kleine Edith musste stets funktionieren. Vielleicht hatte sie deshalb als Erwachsene „immer das Gefühl, ich tue den anderen unrecht, wenn ich nicht funktioniere.“  

Ein brennend heißer Schmerz. Irgendwann aber, genauer: am 30. Juli 2010, war Gloor nicht mehr funktionsfähig. Eines Morgens, ganz plötzlich. An Verstopfung habe sie die Tage zuvor gelitten, erzählt Gloor, ansonsten ging es ihr gut. Sogar eine Wanderung rund um den Fuschlsee (Salzburg) habe sie am Vortag noch unternommen. Auf der WC-Schüssel hockend, fängt Gloor an zu pressen. „Nichts ging. Ich beugte mich weiter nach vorne, legte die Nasenspitze auf die Oberschenkel und drückte. Nichts. Also drückte ich noch mehr und hielt den Atem an. Zusätzlich presste ich meine Fäuste in die Leiste. Vier verschiedene Vektoren auf einen Punkt multipliziert: Atem, Druck in die Leiste, Auspressen des Mastdarms und Zusammenklappen der Wirbelsäule.“ Eigentlich ein Vorgang, über den man nicht weiter nachdenkt, etwas Alltägliches, beinahe Tabuisiertes. Gloor aber wusste, dass etwas ganz und gar nicht alltäglich war: „Plötzlich durchzuckte mich ein Krampf und drückte meine 163 Zentimeter zusammen, als ob ich mit einem Strick von Kopf bis Fuß zu einem Knäuel zusammengezurrt würde. Ich kippte nicht um, ich implodierte förmlich. Gleichzeitig durchfuhr mich von oben bis unten ein brennend heißer Schmerz.“ Gloor spürte ihre Beine nicht mehr. „Mein erster Gedanke: Querschnittlähmung.“ Sie schaffte es, zum Telefon zu robben und die Rettung zu rufen – blutige und wundgeschürfte Ellbogen und Unterarme sollten noch später von ihrem Kampf gegen die Funktionslosigkeit ihres Körpers zeugen. „Kurz davor habe ich genau von diesem Vorfall geträumt, jedes einzelne Detail davon. Zusätzlich wurden mir im Traum alle Visitenkarten gestohlen, alles, was meine Identität ausmacht.“

Traum wird Realität. Der Traum wurde binnen kürzester Zeit zur Realität. Im Wiener AKH war die – richtige – Diagnose schnell gestellt: Paraplegie, also Querschnittslähmung. Gloors erster Verdacht hatte sich bestätigt. Die Ursache herauszufinden gestaltete sich schwieriger. „Am Ende spielten drei Komponenten zusammen“, erklärt Gloor. „Das Pressen, die Körperhaltung sowie ein minimaler Bandscheibenvorfall, den ich Jahrzehnte zuvor hatte, der mir aber nie Probleme bereitete.“ Eine Bandscheibe durchtrennte einen Bündel Nervenstrang im Inneren des Wirbelsäulenkanals. Die Rückenmarksverletzung lag bei Gloor entlang von drei Wirbel-Etagen, nämlich von den untersten zwei Brustwirbeln und dem obersten Lendenwirbel. „Ab hier war bei mir sozusagen Nervenmus. Schmerz, Berührung, Temperaturen oder Lage der Gliedmaßen waren nicht mehr wahrnehmbar. Aber man sagte mir, dass meine Nierenfunktion nicht geschädigt ist. Das war ja schon viel.“ Im Rahmen einer sehr schnell angesetzten Operation wurden drei Wirbel abgeschliffen, damit der Druck auf den Nervenstrang genommen wird. Danach versuchte der behandelnde Neurologe, die Nervenfasern neu zu programmieren. „Nervenverbindungen müssen in den verschiedenen Hirnarealen für vegetative oder muskuläre Funktionen in neue Konstellationen gebracht werden, damit sie neue Aufgaben übernehmen können“, erklärt Gloor. „Die verlorengegangene Erinnerung muss ersetzt werden durch eine Neuorganisation und Neubildung der Synapsen, also den Verbindungszellen zwischen den Nervenzellen.“ Heißt: Manche Aufgaben, wie zum Beispiel die richtige willkürliche Bewegung oder auch das richtige Schwitzen, muss vom Körper komplett neu erlernt werden. „Manche Schweißdrüsen waren bei mir vollkommen verkehrt: Ich schwitzte zum Beispiel über die linke Pobacke bis in die Kniekehle.“ Edith Gloor lacht laut, wenn sie das erzählt. Heute kann sie das.

Mit sich Eins werden. Zu Gloors Krankheitsbild gehörte zudem der „spinale Schock“, also der Ausfall der Rückenmarksfunktionen, der nur wenige Stunden, aber auch lebenslänglich anhalten kann. „Natürlich habe ich auch geweint.“ Nach der OP  begann die lange Zeit der anstrengenden Physiotherapien – die ersten 17 Wochen im Krankenhaus, danach zwei Monate Reha, und auch, als Gloor wieder daheim war, nahm sie weiterhin mehrere Physiotherapien in Anspruch. In den ersten sechs Wochen galt es vor allem, die Wirbelsäule zu stabilisieren. Medikamente nahm sie, abgesehen von Schmerzmitteln nach der OP, niemals zu sich. Und, klar: Die Frage, ob Gloor jemals wieder gehen würde können, stand  von Beginn an im Raum. Die Antwort der Ärzte und der Therapeuten war stets dieselbe: Zu diesem Zeitpunkt könne man noch nichts Näheres sagen, aber: Alles sei möglich. „Genau daran habe ich mich festgehalten“, erinnert sich die 73-Jährige heute, gibt aber auch zu: „Als ich die Diagnose Paraplegie Schwarz auf Weiß vor mir sah, überkam mich eine tiefe Trauer. Eine sehr dunkle Trauer, die um so viel größer war als ich. Ich erinnere mich an drei Tage, an denen ich nicht unter meiner Decke hervorkam.“ Trotzdem: Aufgeben kam Gloor nie in den Sinn, im Gegenteil: „Ja, ich hatte Angst. Aber ich habe nie gehadert. Denn das schwächt. Das ist die Arbeit eines jeden Patienten, egal, um welche Krankheit es sich handelt: Mit sich selbst Eins zu werden, seine Mitte zu finden, Neues aufnehmen zu können. Und vor allem alle Möglichkeiten anzunehmen.“ So beschloss Gloor, sollte sie für immer auf einen Rollstuhl angewiesen sein, „wenigstens eine Senioren-Paralympics-Gruppe zu gründen. Ich habe diese Möglichkeit akzeptiert, gleichzeitig aber alles getan, damit ich wieder gehen kann. Mehr lag nicht mehr in meinen Händen.“

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 „Ich habe wieder gehen gelernt“
Seite 2 Visualisierung und Licht-Kräfte

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