Ich durchschaue dich!

Ausgabe 2019.04

Hochgezogene Augenbrauen, verschränkte Arme, wilde Gesten, aufrechte Sitzhaltung: Unser Körper spricht auch dann, wenn wir schweigen. Experte Stefan Verra verrät in GESÜNDER LEBEN die wichtigsten Körpersprachensignale. Damit bleibt Ihnen so manches Geheimnis Ihres Gegenübers nicht verborgen …


Foto: ©SeverinSchweiger

Es kommt nicht (nur) darauf an, WAS man sagt, sondern auch, WIE man es sagt. Was für die verbale Kommunikation, also die gesprochenen Worte, gilt, gilt für die nonverbale Kommunikation mindestens ebenso: Denn unser Körper sendet permanent unbewusst Signale und gibt mitunter mehr über unser tatsächliches Seelenleben preis, als es uns lieb ist. Kurz: Unser Körper spricht selbst dann, wenn wir schweigen.

Buchtipp

buch3Leithammel sind auch nur Menschen: Die Körpersprache der Mächtigen

Stefan Verra, Ariston Verlag, 22 Euro

Stefan Verra live:
09.04.2019: Wien, Globe Wien/Marx Halle
10.04.2019: Linz, Neues Rathaus, Festsaal
08.05.2019: Graz, Orpheum
09.05.2019: Klagenfurt, Alpe-Adria-Universität
10.05.2019: Lienz, Aula des Gymnasiums
27.09.2019: Stift Admont, Admont

Die allererste Information
„Die nonverbale Kommunikation zwischen Menschen ist nach wie vor der erste und grundlegendste Faktor zur Einschätzung eines Individuums“, erklärt Stefan Verra. „Sie liefert uns die allererste Information über unser Gegenüber.“ Verra weiß, wovon er spricht: Er ist der bekannteste Körpersprachen-Experte im deutschsprachigen Raum, hält nicht nur Vorträge und unterhält mit lehrreich-witzigen Liveshows, sondern ist gern gesehener Gastvortragender auf Ärztekongressen und Universitäten. Seine Bücher finden sich regelmäßig auf den Bestseller-Listen. „Körpersprache ist älter als die Menschheit“, fährt Verra im GESÜNDER LEBEN-Interview fort. „Ob jemand beispielsweise ängstlich oder aggressiv ist, kann lebensrettend sein. Hätten wir vor Tausenden von Jahren darauf gewartet, ob unser Gegenüber mit uns spricht oder nicht, hätte uns der Säbelzahntiger schon längst aufgefressen.“

Emotionale Bilder im Kopf
Heute mögen wir zwar in der Regel nicht mehr vor bedrohlichen Tieren flüchten, aber wir wollen immer noch, vielleicht mehr denn je, gehört werden – und genau dafür ist, es mag ironisch klingen, die nonverbale Kommunikation unerlässlich: „Natürlich ist der Inhalt des Gesagten sehr wichtig, aber ob einem die Leute überhaupt zuhören oder nicht, entscheidet sich schon vorab an der Körpersprache des Redners. Menschen sind visuelle Tiere, unser Gehirn kann ohne Bilder nicht arbeiten.“ Zudem glauben wir der Körpersprache mehr als dem Gesagten, denn: „Worte mögen präzise sein, drücken aber keine Emotionen aus.“ Die verbale Sprache ist unvollständig ohne ihren nonverbalen Anteil – und umgekehrt! „Das eine geht nicht ohne das andere.“

Nicht eindeutig
Obwohl – oder gerade weil – Körpersprache seit jeher unverzichtbarer Teil der zwischenmenschlichen Kommunikation ist, ranken sich um sie viele Mythen. Zum Beispiel, dass sie eindeutig sei, betont Verra: „Keiner kann in einen Menschen hineinsehen – abgesehen vom Chirurgen und dem HNO-Arzt. Dass jemand zum Beispiel in eine bestimmte Richtung schaut, wenn er lügt, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Die nachgewiesene Quote, an der man Lügner anhand der Körpersprache erkennen kann, liegt nur bei 50 Prozent.“ Auch beispielsweise das Verschränken der Arme kann vielerlei bedeuten, von Ablehnung bis hin zu Kälte. „Das Problem dabei: Wir wissen nicht, aus welchen Gedanken diese Körpersprache ausgelöst wurde.“ Deshalb, so Verra nachdrücklich: „Hüten Sie sich vor leichtfertigen Interpretationen und behalten Sie auch stets andere Deutungsmöglichkeiten im Hinterkopf.“ Ein weiterer häufiger Fehler, wenn man Körpersprache zu dechiffrieren versucht: Einzelne Körperregionen werden unabhängig vom Rest des Körpers analysiert. „Gestik, Mimik, Körperhaltung und Stimme sind eine Einheit und gehen ineinander über.“

(Fast) ehrlich
Anhand der Körpersprache mag man zwar keine Lüge mit Sicherheit entlarven, aber wenigstens die Körpersprache selbst ist ehrlich – zumindest meistens. „Mit Körpersprache lässt sich das Gegenüber zwar täuschen, jedoch nur sehr kurzfristig“, meint Verra. „Es ist wichtig, bei nonverbaler Kommunikation genau hinzuschauen. Tut man das, lässt sich eine unehrliche Körpersprache – und zugleich ein unehrlicher Inhalt – sehr leicht durchschauen.“ Folgerichtig spielt die Körpersprache eine wesentliche Rolle, wenn es darum geht, Authentizität auszustrahlen. „Nur wenn die Körpersprache deckungsgleich mit der gesprochenen Sprache ist, erzeugen wir ein stimmiges Bild und somit Glaubhaftigkeit.“ Noch wichtiger aber, hebt der Experte hervor, ist die Übereinstimmung der inneren Einstellung mit dem Gesagten und Gezeigten. „Ich bin nur dann authentisch, wenn ich mich glücklich fühle und es auch ausspreche und es zeige.“


 

Mut zur Authentizität
Womit wir bei der Frage wären: Kann man Körpersprache erlernen? „Es geht nicht ums (Dazu-)Lernen oder um Schauspielerei, sondern um Mut zum Selbstbewusstsein und zur Authentizität“, stellt Verra klar. „Wer sich in seiner Körpersprache zu sehr zurückhält, erzeugt zu wenig Emotionalität. Wir müssen uns trauen, unseren Gefühlen Ausdruck zu verleihen – abseits jeglicher Geschlechterrollen.“ Denn das Einüben von sogenannten „weiblichen“ und „männlichen“ Körpersignalen beginnt bereits im Kindesalter und raubt uns die Hälfte unserer Körpersprache-Möglichkeiten, ist Verra überzeugt. Schlussendlich liegt es an uns selbst, ob uns unsere Gefühle (zum Beispiel empfundene Lebensfreude) geglaubt werden oder nicht: „Zeigt man nach außen hin ein falsches Signal, darf man sich nicht wundern, falsch eingeschätzt zu werden.

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Bild 1: Ich bin verschlossen und passiv
Wenn du Vertrauen erwecken willst, dann achte auf die gleichzeitige Sichtbarkeit von drei Körperteilen: Augen, Mund und Hände. Ist nur eines von diesen verdeckt, wirkst du nicht sehr offen. Dieses Körpersignal bedeutet aber auch: Ich möchte jetzt gerade nicht aktiv werden, ich bleibe lieber passiv.

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Bild 2: Ich bin zurückhaltend, aber freundlich
Ein Lächeln ist vor allem dann freundlich, wenn die Augenbrauen nach oben gehen. Die zusammengekniffenen Lippen signalisieren ein unterdrücktes Lächeln: zurückhaltend, aber freundlich. Vielleicht fühle ich mich aber auch gerade bei etwas Peinlich-Lustigem ertappt?

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Bild 3: Ich bin entspannt und friedlich
Unsere Augen sind der aufnahmestärkste Sinneskanal. Mit geschlossenen Augen nehme ich die Umwelt nicht wahr, schotte mich ab. Das angedeutete Lächeln vermittelt Entspanntheit und die Bereitschaft einer friedlichen Kommunikation. Möglich wäre auch: das Genießen des Moments, das Leben im Hier und Jetzt.

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Bild 4: Ich bin interessiert und nicht aggressiv
Ein geneigter Kopf und der Blick von der Seite deutet in der Regel auf Skepsis und Ablehnung hin, zusammen mit dem freundlichen Blick und dem Lächeln signalisiert er aber Interesse und Freundlichkeit.

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Bild 5: Ich bin offen und überrascht
Nehmen wir etwas Interessantes oder Überraschendes in unserer Umwelt wahr, öffnen sich all unsere fünf Sinnesorgane. Damit zeigen wir Offenheit der Aufnahme allen Informationen gegenüber.

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Bild 6: Ich zeige erstes Interesse an meinem Gegenüber
Obwohl ich im Weggehen bin, ist etwas derart spannend und faszinierend, dass ich mich umdrehe und erste Anzeichen von Interesse zeige. Hier geht es um die NN-Regel: Steigt das Interesse, wendet man sich dem Gegenüber mit seinem ersten N zu: der Nase. Wird’s noch spannender, wendet man ihm auch noch sein zweites N zu: den Nabel.

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Bild 7: Ich lächle, bin aber nicht ehrlich
Wie Donald Trump ziehe ich beim Lächeln die Mundwinkel ganz stark nach hinten. Es ist übertrieben und unehrlich. Es erinnert mehr an ein Zähnefletschen als an ein Lächeln. Zugleich wird der Mythos widerlegt, dass nur bei einem ‚ehrlichen’ Lächeln Lachfalten um die Augen entstehen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

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Bild 8: Ich lächle und bin ehrlich dabei
Ich lächle und meine es auch so! Die Augenbrauen sind hochgezogen, meine Augen sind offen, mein Mund ebenso, zudem sind meine Handflächen zu sehen. Diese Körpersprache zeigt sich oft, wenn wir Kinder begrüßen.

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Bild 9: Ich bin überheblich
Wer sein Kinn ein wenig hebt, der hebt sich über die anderen und wirkt damit überheblich. Im Zusammenspiel mit den gesenkten Augenlidern, dem ernsten Gesichtsausdruck und dem weggedrehten Oberkörper signalisieren die verschränkten Arme Verschlossenheit und Ablehnung.

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Bild 10: Ich bin skeptisch und zynisch
Die Asymmetrie der Augen (eine Augenbraue ist höher als die andere) sind hier sehr zentral. Symmetrie verbinden wir mit Harmonie, Asymmetrie hingegen mit Missstimmung, Skepsis und Zynismus.

© Gesünder Leben Verlags GsmbH.