Freitag, 13. Dezember 2019

Ich bin alles! Du bist nichts!

Ausgabe 2019.10
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Trump, Erdoğan, Johnson, Ronaldo: Es scheint, als würde die halbe Menschheit Narzissten verehren und sie zu Helden stilisieren. Wieso sind wir fasziniert von Personen, die von sich selbst besessen sind – aber eigentlich eine Störung aufweisen? Experten analysieren.


Foto: iStock-CatLane

Seit mittlerweile gut zwei Jahren ist Donald Trump Präsident der USA – und damit offiziell der mächtigste Mann der Welt. Dass Politiker mit ihren Entscheidungen anecken und polarisieren, bringt die Berufsbeschreibung mit sich – aber bei Trump, 73, ist alles etwas anders: Er bringt seine Wut auf dem Social-Media-Kanal Twitter zum Ausdruck, macht sich über einen behinderten Journalisten lustig und betont öffentlich, einen viel größeren Atomknopf zu haben als Nordkoreas Diktator Kim Jong Un. Alles ohne Scham, dafür mit unbeirrbarem Glauben an sich selbst. Dass der alternde Playboy und ehemalige TV-Star überhaupt auf den Gedanken kam, für den Job des US-Präsidenten zu kandidieren, passt perfekt ins (selbstverherrlichende) Bild. Aber: Trump befindet sich in guter Gesellschaft: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan, der britische Premierminister Boris Johnson, der ehemalige italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi, aber auch Fußball-Star Cristiano Ronaldo, Apple-Gründer Steve Jobs, US-Rapper Kanye West, TV-Sternchen Kim Kardashian oder FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß weisen allesamt einen Hang zum grandiosem Selbstbild, zu übersteigerter Eitelkeit sowie einer Sucht nach Anerkennung auf. Anders ausgedrückt: Narzissmus in seiner ausgeprägtesten Form.

Buchtipps

buch1Raphael Bonelli
Männlicher Narzissmus.
Das Drama der Liebe, die um sich selbst kreist
272 Seiten, Kösel-Verlag, 19,99 Euro

Joachim Bauer
Wie wir werden, wer wir sind: Die Entstehung des menschlichen Selbst durch Resonanz
256 Seiten, Karl Blessing Verlag, 22 Euro

Meister der Selbstdarstellung
Klingt nicht sympathisch, oder? Wie lässt sich aber der Erfolg von Menschen erklären, mit denen wir im Grunde nichts zu tun haben wollen? „Narzissten sind viel geschmäht und heiß gleichzeitig begehrt“, analysiert Dr. Raphael Bonelli, Facharzt für Psychiatrie und Österreichs führender Narzissmus-Experte. „Sie sind schillernde Persönlichkeiten, die eine faszinierende Aura der Selbstsicherheit verbreiten. Das Brennen für sich selbst steckt an und macht ihr Charisma aus.“ Bonelli spricht gar vom „Charme des Psychopathen“: „Der Narzisst ist ein Meister der Selbstdarstellung. Er tritt selbstbewusst auf, ist extrovertiert, charmant und liefert, wenn es ihm nutzt, hohe Leistungen.“ Narzissten sind überzeugt davon, der Nabel der Welt zu sein – und besitzen „so viel manipulative Kraft, um die Wirklichkeit effizient und glaubhaft umzudeuten.“ Für den Erfolg offensichtlich von Vorteil: „Er fürchtet überhaupt nicht, blamiert, überführt oder durchschaut zu werden – jeder darf an seiner Größe teilhaben.“ Kurz: Begeisterungs- und Durchsetzungsfähigkeit fördern die Karriere.

Helden und Erlöser
Um die Faszination von Narzissten in ihrer ganzen Dimension verstehen zu können, darf man auch die andere Seite der Medaille nicht vernachlässigen: Wer sind diejenigen, die narzisstischen Persönlichkeiten überhaupt erst zur Macht verhelfen? „Narzissten blasen ihr Selbst auf, entsprechend gebärden sie sich, wenn sie in der Politik aktiv werden, als Helden, Retter und Erlöser“, erklärt der deutsche Neurowissenschafter und Psychotherapeut Dr. Joachim Bauer. „Um diese Rolle effizient spielen zu können, schüren sie bei empfänglichen Teilen der Bevölkerung zunächst die allgemeine Unzufriedenheit und machen Stimmung gegen bestimmte andere, die zu Schuldigen erklärt werden. Menschen, die sich nicht anerkannt oder irgendwie benachteiligt wähnen, fühlen sich von narzisstischen Populisten besonders angesprochen.“ Teil der narzisstischen Grandiosität, so der Experte weiter, seien Versprechungen, die nicht einzulösen sind – „außer durch den Bruch von bisher gültigen Regeln oder durch Krieg. Man könnte also sagen, dass es Menschen mit einem nur kleinen gefühlten Selbst sind, die in einem populistischen Narzissten mit aufgeblasenem Selbst ihre Rettung suchen.“

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Ich bin alles! Du bist nichts!
Seite 2 Kult ums eigene Ich

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