Hunger bis zur Magersucht

Ausgabe 2013/05

Christian Frommert ist magersüchtig, wog bei einer Körpergröße von 1,84 Metern nur noch 39 Kilogramm. In GESÜNDER LEBEN erzählt er vom Kampf gegen Kalorien und für soziale Anerkennung.


Foto: CHR.FROMMERT

Als ich Christian Frommert anrufe, bin ich etwas nervös. Dann die Erleichterung: Am Telefon meldet sich eine überraschend kräftige Stimme. Sie strahlt Freundlichkeit, aber auch Bestimmtheit aus. Also alles okay, schießt es mir durch den Kopf. Als Frommert aber erwähnt, dass er heute in aller Herrgottsfrühe bereits drei Stunden Sport betrieben hat, weiß ich: Es ist nicht alles okay. Was und ob er heute schon gegessen habe, traue ich mich nicht zu fragen. Ich kann mir die Antwort aber denken: nichts. Oder, vielleicht: ein bisserl was. Denn Frommert ist magersüchtig.

Damenjeans. Frommert ist 46 Jahre alt, ehemaliger Telekom-Manager, heute selbstständiger Kommunikationsberater. Über seine Krankheit hat der erfolgsverwöhnte Ex-Journalist das aufwühlende Buch „Dann iss halt was!“ (mosaik Verlag) geschrieben, das gerade für Furore sorgt. Frommert hat gekämpft und überlebt, irgendwie. Der Tiefpunkt: Weihnachten 2009 wog er bei einer Größe von 1,84 Metern nur noch 39 Kilogramm, stand kurz vor einem Organversagen. Heute geht es ihm besser, aber nicht gut. Slim-Fit-Damenjeans, die von einem eng geschnallten Gürtel gehalten werden, trägt Frommert heute noch. Auch dass er ständig friert und er nachts bis zu 20-mal auf die Toilette muss, hat sich nicht geändert. Aber: Er hat zugenommen. Was man aber nicht aussprechen darf, schon gar nicht er selbst, denn seine Welt würde zusammenbrechen. Auch dass er „besser aussieht“, hört er nicht gern. Denn für ihn bedeutet das: „Du bist dick!“ Also wiegt sich Frommert seit Jahren nicht mehr. Er will nicht wissen, wie viel er wiegt, will die gefürchtete Fünf am Beginn der Zahl nicht sehen. Wie er sein Gewicht trotzdem kontrolliert? Indem er überprüft, ob er mit seiner Hand seinen Oberarm umschließen kann. Er kann es. Mühelos.

Zwischen Leben und Tod. Als Jugendlicher war Frommert übergewichtig, wog 140 Kilogramm. Für seine erste Freundin wollte er abnehmen  – und konnte nicht mehr aufhören. Die Gesellschaft trug ihr Übriges bei, denn plötzlich wurde ihm das Gefühl entgegengebracht, attraktiv zu sein. „Pervertierter Körperkult“ nennt Frommert das. Frauen sahen endlich mehr als den „besten Freund“ in ihm. Natürlich, das gefällt. Aufmerksamkeit und Anerkennung auf allen Ebenen, aber auch Selbstaufopferung und Hingabe – etwas, von dem Frommert seit Jugendtagen nicht genug bekommen kann. Immer mehr, immer öfter verzichtete er auf Kohlenhydrate und Fette. Einkaufen im Supermarkt geriet zum zwanghaften Zusammenrechnen der in den Regalen lauernden Kalorien. Als die Waage das erste Mal ein Körpergewicht unter 50 Kilogramm anzeigte, war das ein Gefühl, das Frommert als besser als jeden Orgasmus beschreibt. „Ich spürte, dass ich alles schaffen konnte“, beschreibt Frommert emotionsgeladen die emotionale Stärke, die er aus dem Abnehmen bis heute gewinnt. „Wenn ich das Essen unter Kontrolle habe, habe ich auch alles andere unter Kontrolle.“ Auch das heroische Gefühl, den Körper bis an seine Grenzen zu bringen und trotzdem zu überleben; das „Jonglieren auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod“ kann er nicht abstreiten. „Essen ist für mich Lust und Last.“

Essstörungen

Fakten und Erste Hilfe bei Essstörungen.

Rund 300.000 Österreicher leiden an einer Essstörung; die Zahl ist in den letzten Jahren gestiegen. Etwa jede 15. Frau in Österreich ist betroffen.
Zu Essstörungen zählen:


Esssucht, Bulimia nervosa („Bulimie“; Fressattacken, gefolgt von Erbrechen), Anorexia nervosa („Magersucht“; krankhafte Angst vor Gewichtszunahme), Binge Eating (unkontrollierte Fressattacken), Pica-Syndrom (Essen von außergewöhnlichen Dingen wie Erde, Papier etc.), Orthorexia nervosa (krankhaftes „Gesund“-Essen) und Anorexia athletica (zwanghafter Kalorienverbrauch durch übermäßigen Sport). Rund
90 % der Betroffenen sind Frauen.

Hilfe finden Sie unter:
www.s-o-ess.at
www.essstoerungshotline.at
www.oeges.or.at
www.ess-stoerung.eu
www.sowhat.at
www.intakt.at

Auflösung von Körper und Geist. Die vergangenen Jahre war Frommert dem Tod näher als dem Leben. Der Bademantel wurde zur kiloschweren Last, die Haare fielen aus, die Haut riss, Treppensteigen oder den Einkauf zu tragen wurde unmöglich, das Aufstehen von Couch und Toilettensitz war (und ist) beschwerlich. Wenn der Körper sich auflöst, verändert sich auch das Wesen: Frommert war stets schlecht gelaunt, kapselte sich von Freunden und Familie ab. Dennoch: Er aß immer weniger, erhöhte zugleich massiv seine Sportdosis und arbeitete auf Hochtouren. 2010 wurde Frommert in eine Klinik für essgestörte Menschen eingewiesen. Auf Unverständnis traf er auch dort, wie so oft in seinem sozialen Umfeld: Ein erwachsener Mann, der nichts isst? Unvorstellbar! So was tun doch nur Mädchen und junge Frauen. Bis heute wird er vor allem von Männern angefeindet, erzählt Frommert, Mails wie „Dann verreck doch!“ sind seit Erscheinen seines Buchs keine Seltenheit. Im Internet findet man erschreckende Onlinekommentare wie „Der durchschnittliche indische Hungerkünstler wiegt auch nicht mehr“ oder „Hat er nichts Wichtigeres in seinem Leben zu tun?  Aufstehen, was bewegen und nicht sich selbst bemitleiden ist die Devise!“. Sogar seine Mutter, mit der Frommert ein kompliziertes Verhältnis verbindet („Das Nicht-Essen ist ein verzweifelter Versuch, mich ihrem Griff zu entziehen“), wusste nichts mit der Krankheit ihres Sohnes anzufangen. Ihr Ratschlag: „Iss halt was, dann geht’s dir wieder besser!“ Geholfen hat schlussendlich nur eine Psychotherapie, die Frommert die Gründe für seine Magersucht aufzeigte. Diese Hilfe nimmt er bis heute in Anspruch.


 

Laborlöffel. Frommert ist sich bewusst, dass er die Magersucht niemals vollends besiegen wird. „Ich werde nie mehr wieder ein normales Verhältnis zum Essen haben.“ Immer noch ernährt er sich vor allem von Magermilchjoghurt, Obst und Gemüse mit Kräuterdip. Er kann nicht anders, zu sehr gibt ihm der Verzicht auf das Essen Sicherheit, alles unter Kontrolle zu haben. Weshalb er auch immer mit demselben Geschirr isst: ein winziger Laborlöffel, ein brauner Ikea-Teller, ein grünes Müslischälchen aus den Neunzigern. „Ein Lockerlassen könnte ja auch eine Gewichtszunahme bedeuten“, hat Frommert Angst. Seiner Krankheit hat er übrigens einen Namen gegeben: Anna. Die geliebte Freundin, die einen zwar quält, ohne die man aber trotzdem nicht leben kann. Mittlerweile, so Frommert, „leben Anna und ich zwar in einer Wohngemeinschaft, aber ich habe die Beziehung mit ihr so gut es geht abgebrochen“.

Brot als Traum. Manchmal habe er Fantasien über Henkersmahlzeiten, gibt er zu. „Reinhauen ohne Reue“, beschreibt Frommert diesen Kick. Was er, lässt man alle Gedanken an Kalorien beiseite, am liebsten essen würde, will ich von Frommert zum Schluss noch wissen. „Gebratenen Fisch mit Gemüse, dazu ein Glas Weißwein.“ Der Typ für Süßigkeiten oder fettige Schnitzel sei er noch nie gewesen, meint er. Und dann, mit plötzlich aufflammender Lebensfreude in seiner Stimme: „Und ich möchte so gern mal wieder in ein frisch gebackenes Brot beißen. Das wäre schön.“ Die Todesangst, zuzunehmen, sei dann aber doch immer stärker. Weshalb die moderne Küche in Frommerts neuem Haus, in dem er seit über einem Jahr wohnt, immer noch unbenutzt ist. Nach 30 Minuten ist das Gespräch zu Ende. Mein Fernseher zeigt gerade einen Werbespot für das neueste Überdrüber-Workout-in-10-Tagen-10-Kilogramm-Verlieren-Sportgerät. Ich schalte ihn aus.

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