Freitag, 24. Mai 2019

„Hormone sind die Sprache des Körpers!“

Ausgabe 2014.03

Arzt und Medizinkabarettist Ronny Tekal erklärt, was uns im Leben wirklich steuert. Seine Antwort: die Hormone. Denn genau die sind es, die uns immer wieder dazwischenfunken. Auch und besonders in der Liebe.


Foto: lunamarina - canstockphoto

Der Frühling beginnt. Nicht nur die Natur sprießt, auch unsere Hormone erwachen aus dem Winterschlaf. Es wird wieder geflirtet, geküsst und sich verliebt. Ein schönes Gefühl. Doch: Warum bringt uns die Leidenschaft manchmal fast um? Und stimmt es, dass auch Männer ihre Tage haben? Diese und mehr lebensbestimmende Fragen beantwortet der Arzt, Medizinkabarettist und Radiomacher Ronny Tekal auf unterhaltsame Weise in GESÜNDER LEBEN.

GESÜNDER LEBEN: Der Frühling steht vor der Tür, unsere Hormone geraten in Wallung.
Ronny Tekal: Auch wenn wir gerne hören, dass wir nur von unserem Intellekt bestimmt werden – so ist es leider nicht. Im Frühling beginnt die Natur zu erwachen, die Sonne strahlt und die erotischen Reize werden wieder stärker präsentiert. All das ist dafür verantwortlich, dass die diversen Hormon-Produktionsstellen im Körper angekurbelt werden. Jetzt kommt es darauf an, ob die Hormonwirkung oder doch die Frühjahrs-müdigkeit stärker ist …

GL: Heißt das also, wir werden komplett von unseren Hormonen gesteuert?
Tekal: Hormone sind eine wichtige Sprache des Körpers. Wenn ein Organ mit dem anderen spricht oder auch das Gehirn mit einem Organ kommuniziert, dann funktioniert das sehr rasch über Nervenbahnen, langsamer, aber nachhaltiger über die Hormone im Blut. Das heißt, dass Hormone immer beteiligt sind, egal, was wir tun. Hormone sind also nicht unbedingt ursächlich für unser Verhalten, aber sie haben ein wichtiges Wörtchen mitzureden.

GL: Wie kommt man eigentlich auf die Idee, ein Buch über Hormone zu schreiben?
Tekal: Wenn wir etwas falsch machen, wird das ja gerne auf die Hormone geschoben. „Entschuldigung, ich kann nichts dafür, das waren die Hormone.“ Ich wollte mit dem Buch zeigen, dass wir zwar hormongesteuert sind und in manchen Lebensbereichen auch regelrecht von ihnen gepeitscht werden, zum Beispiel in der Pubertät oder während einer Schwangerschaft, aber: Wir sind nicht die Sklaven unserer Hormone. Wenn man ihnen nett zuredet, so sind sie auch durchaus kooperativ. Und die Maßnahmen dafür sind nicht mal die unangenehmsten: essen, schlafen, spielen, kuscheln, Sex!

GL: Gibt es tatsächlich so starke hormonelle Unterschiede zwischen Männern und Frauen?
Tekal: Hormonell werden Burschen und Mädchen von Beginn an tatsächlich in einen anderen Cocktail getunkt.

GL: Sie schreiben, dass sich in der Pubertät das Gehirn bei Buben und Mädchen anders entwickelt …
Tekal: Man kann feststellen, dass der Hormonschub unterschiedliche Areale ausreifen und wachsen lässt. Es gibt Neurobiologen, die vom „typisch männlichen“ und „typisch weiblichen“ Gehirn sprechen. Solche Thesen sind zu Recht umstritten, aber wenn man die geschlechtlichen Unterschiede komplett ignoriert, tut man sich selbst und seinem Umfeld nichts Gutes. Ja, Frauen sind anders als Männer. Das ist auch nichts Schlimmes. Nur die Sichtweise vom „starken“ und „schwachen“ Geschlecht ist stark veraltet.

GL: Männer sind ja oft „mit schwanger“ …
Tekal: Auch bei Männern findet schon während der Schwangerschaft der Partnerin eine hormonelle Umstellung statt. Der männliche Hormonhaushalt verändert sich Richtung Brutpflege, das balzende Testosteron macht Platz für das „Milchbildungshormon“ Prolaktin. Der Mann, der keine Ahnung hat, warum er jetzt Milch bilden soll, ist verwirrt und wird fürsorglich, indem er zumindest Milchpulver einkauft. Während dieser Zeit rücken übrigens viele Pärchen enger zusammen und tauschen Zärtlichkeiten aus. Allein dieser körperliche Kontakt führt dazu, dass bei beiden Geschlechtern das Hormon Oxytocin vermehrt produziert wird, welches dafür sorgt, dass man ein größeres Bindungsbedürfnis verspürt – und dass man treuer wird.

GL: Gibt es sonst noch Lebensabschnitte, in denen uns die Hormone im Griff haben?
Tekal: Alle Abschnitte davor, dazwischen und danach. Zum Beispiel die Wechseljahre. Wenn man sich nach der Pubertät endlich dran gewöhnt hat, was da in seinem Körper abgeht, hört’s plötzlich wieder auf. Für Frauen ist dies tatsächlich eine große Veränderung. Auch Männer kommen übrigens in den Wechsel. Mit dem Absinken des Testosteronspiegels kommt es zu Schwäche, Müdigkeit, eventuell auch zu einer erektilen Dysfunktion und zu Libidoverlust. Wenn die Potenzstörung den Mann vor dem Lustmangel heimsucht, ist die Depression auch nicht weit.

GL: Sind Männer tatsächlich so sehr testosterongesteuert?
Tekal: Im sexuellen Bereich sicher. Es hat schon seinen Grund, warum viele Politiker oder hohe Tiere in der Wirtschaft ihren Erfolg für eine Affäre aufs Spiel setzen. Da nehmen die Sexualhormone überhand und es kommt auch der Jagdtrieb zum Vorschein. Testosteron verleitet auch dazu, risikofreudig und aggressiv zu agieren. Aber: Auch Männer produzieren Östrogen, genauso wie Frauen Testosteron. Warum aber nach wie vor verhältnismäßig mehr Frauen so gerne shoppen gehen oder Männer im Beruf erfolgreicher als der Nachbar sein wollen, lässt sich auf archaische Grundbedürfnisse zurückführen, die unseren Intellekt nach wie vor in Geiselhaft halten: „Shoppen“ bedeutet „sammeln“, Erfolg hat mit „Jagen“ zu tun.

GL: Werden Frauen genauso vom Östrogen geleitet wie die Männer vom Testosteron?
Tekal: Ja, aber anders. Östrogen wird ja vermehrt im ersten Teil des Zyklus produziert, im zweiten Zyklus-Teil steht das Gelbkörperhormon im Vordergrund. In der ersten Hälfte geht es den Frauen gut, sie fühlen sich körperlich fit. In der zweiten Hälfte bereitet sich der Körper auf eine Schwangerschaft vor. Wenn diese aber nicht passiert – weil nicht gewollt –, reagiert der Körper quasi „ang’fressen“.

GL: Stimmt es, dass Verliebt-Sein einer Geisteskrankheit ähnelt?
Tekal: Ein bisschen. Es werden verschiedene Hormone in der Verliebtheitsphase ausgeschüttet, u. a. Adrenalin und Phenylethylamin, vom Aufbau her halluzinogenen Drogen nicht unähnlich. Aber: Der Spiegel des Glückshormons Serotonin sinkt. Man befindet sich in einer Stresssituation, wie beim Liebeskummer – der übrigens beim Verliebt-Sein immer mitschwingt.

GL: Macht Sex wirklich glücklich?
Tekal: Klar! Zwischen 50 und 100 Hormone werden beim Sex produziert – da wird es eng im Bett! (lacht) Durch Berührung werden zum Beispiel Bindungshormone ausgeschüttet – vorausgesetzt, man will berührt werden, sonst steigen die Stresshormone an.

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