Freitag, 24. Mai 2019

Hormone auf der Achterbahn

Ausgabe 09/2009
Jede dritte Frau im Wechsel hat Beschwerden. Doch mit gesundem Lebensstil sowie bewusster Ernährung können Sie positiv und entspannt in die neue Lebensphase starten. Drei GESÜNDER-LEBEN-Experten zeigen, worauf Sie achten sollten.

Foto: Yuri Arcurs - Fotolia.com
Was haben Kim Basinger, Meg Ryan, Susan Sarandon, Sharon Stone und Madonna gemeinsam? Sie sind voller Energie, durchwegs 40 plus und ihnen scheint der Begriff „Wechseljahre“ kaum graue Haare zu verursachen. Für 80 Prozent der gleichaltrigen Frauen bedeutet die Menopause jedoch das Ende eines Lebensabschnittes, der vor vielen, vielen Jahren – als sie ein junges Mädchen waren – mit der ersten Periode begann. Die Wechseljahre sind ein Entwicklungsprozess – körperlich wie psychisch. Doch sie kommen nicht über Nacht, und frau ist mit diesem Problem nicht allein. Frauen haben heute viele Möglichkeiten, aktiv und positiv durch die „heißen Jahre“ zu gehen. Worauf Sie achten sollten, sagen Ihnen unsere drei GESÜNDER-LEBEN-Experten:

1 Hormone & Beschwerden
Das rät der Frauenarzt Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Urdl

Hormonelle Veränderungen
Auch Männer bleiben mit den Jahren nicht von Hormondefiziten verschont. Doch bei ihnen kommt die Andropause langsamer des Weges, die Testosteronproduktion verringert sich sukzessive. Anders die weibliche Hormonumstellung, die etwa zwischen 45 und 55 Jahren einsetzt. Die Produktion von Östrogen und Progesteron (= Gelbkörperhormon) in den Eierstöcken nimmt wesentlich rascher ab. In der Folge wird die Menstruation schwächer und unregelmäßiger, bis sie völlig ausbleibt. Das passiert in den meisten Fällen um das 50. Lebensjahr.

Die Auswirkungen des zunehmenden Östrogenmangels sind vielfältig und betreffen sowohl Körper als auch Psyche. Viele Frauen klagen über Beschwerden wie Hitzewallungen, Schwindel, Stimmungsschwankungen und Schlafstörungen. Andere bemerken zwar auch Veränderungen, erleben sie aber nicht als belastend.

Dazu Frauenarzt Urdl: „Frauen glauben oft, dass sie ihre Beschwerden besser einschätzen können, wenn sie ihren Hormonstatus genau kennen. Tatsächlich aber besteht kein Zusammenhang. Die Reaktionen sind individuell sehr unterschiedlich. Manche Frauen können trotz niedrigem Hormonspiegel beschwerdefrei sein, andere wieder leiden unter Wallungen und Schlafstörungen.“

Hormontherapie – ja oder nein?
„Die Hormonersatztherapie ist eine geeignete Wahl für manche, keinesfalls aber für alle Frauen“, sagt Spezialist Urdl. Im Wechsel führt eine Hormonersatztherapie zu einer Abnahme von Hitzewallungen, nächtlichen Schweißausbrüchen und Scheidentrockenheit, oft hat sie auch einen günstigen Einfluss auf Schlaf, Stimmung und Konzentrationsvermögen. Doch sie birgt auch eine Reihe von Gefahren: So kommt es unter einer Hormonersatztherapie zum Beispiel zu einer Zunahme des Risikos, an Brustkrebs zu erkranken. Auch das Risiko, einen Schlaganfall, eine Thrombose oder einen Herzinfarkt zu erleiden, steigt bei längerer Therapie. Dazu Urdl: „Nur wenn eine Frau unter sehr starken Wechselbeschwerden leidet, sollte man über eine Hormonersatztherapie nachdenken. Sie muss aber über alle Risiken und Nebenwirkungen aufgeklärt werden.“

Neuere Studien haben auch gezeigt, dass ein erhöhtes Gesundheitsrisiko vor allem bei kombinierter Gabe von Östrogenen und Progesteron vorliegen soll, nicht jedoch bei alleiniger Östrogengabe. Empfehlenswert ist auch die Gabe von natürlichem Progesteron, dem Gelbkörperhormon. Zudem gibt es eine Reihe von Alternativen, um die Beschwerden zu bessern. Urdl: „Vegetative Beschwerden kann man oft mit wenigen Alternativpräparaten gut in den Griff kriegen, wie etwa mit bestimmten Psychopharmaka oder Phytopräparaten, die die Lebensqualität verbessern.“

Jede Frau ist anders
„Vor der Entscheidung zu einer Hormonersatztherapie muss man die individuelle Situation jeder Frau genau beleuchten“, betont Urdl. Dazu werden Daten wie Blutfette, Leberwerte, Blutdruck und Blutzucker erhoben, es braucht eine Mammografie, aber auch eine Beurteilung des Stoffwechsels im Allgemeinen. Erst danach kann eine Hormonersatztherapie in niedrigstmöglicher Dosierung erfolgen. Urdl: „In der Folge sollte der Arzt einmal im Jahr hinterfragen, ob das Präparat überhaupt noch sinnvoll ist, ob man wechseln oder auch ganz darauf verzichten kann.“ Eine Entscheidung für oder gegen die Hormonersatztherapie ist eine anspruchsvolle Sache. Urdl: „Es gibt eine Art ,window of opportunity‘ – das heißt, für viele Frauen ist es günstig, möglichst bald nach Eintritt der Menopause mit einer Hormonersatztherapie zu beginnen, um den bestmöglichen Langzeiterfolg, also eine positive Auswirkung auch auf das Herz-Kreislauf-System, zu erzielen.“

2 GEWICHT & ERNÄHRUNG
Das rät die Ernährungsberaterin Michaela Haunold

Hormonersatz aus Pflanzen
„Ein hormonelles Defi zit lässt sich bis zu einem gewissen Ausmaß auch mithilfe der Ernährung ausgleichen“, erklärt Haunold. Doch während Japaner und Chinesen täglich rund 50 bis 60 mg Phytoöstrogene aufnehmen, sind es in mediterranen Ländern nur mehr 15 bis 30 mg pro Tag und in Industrieländern nur rund 5 mg. Phytoöstrogene sind in Pflanzen vorkommende Substanzen mit einer östrogenähnlichen Struktur. Die wichtigsten Vertreter sind Isoflavone, Lignane und Coumestane, welche in den Früchten und Blättern von Pflanzen wie Soja, Rotklee und Lein, aber auch in Gemüse, Beeren, Getreide, Hülsenfrüchten und Samen enthalten sind.

In unseren Breiten kommen Phytoöstrogene z.B. in Kichererbsen, Erd- und Haselnüssen, Pflaumen, Brokkoli, Rosinen und Hopfen vor. Phytoöstrogene können die typischen Wechselbeschwerden wesentlich lindern und schützen auch vor Osteoporose. Haunold: „Wissenschaftler raten daher zu einer kontrollierten Ernährungsumstellung, die einen Tageskonsum von 50 bis 60 mg Phytoöstrogene vorsieht.“

So halten Sie das Gewicht
„Sinkt der Östrogenspiegel, steigt der Insulinspiegel stärker an. Eine hohe Insulinausschüttung bedeutet eine erhöhte Ablagerung von Fett“, erklärt die Ernährungsberaterin.

Problem Nummer eins sind daher zu viele Kohlenhydrate. Haunold: „Denn die Semmel, die ich früher ohne Probleme gegessen habe, macht in dieser Lebensphase dicker.“ Problem Nummer zwei sind Hitzewallungen und Feuchtigkeit. Haunold: „Alle Nahrungsmittel, die beispielsweise gären, feuchten auch aus – der Körper wirkt aufgeschwemmt. Gut ist es daher, auf wärmende Nahrungsmittel zugunsten kühlender zu verzichten. Günstig sind Gemüse und Kräuter.“

Der abschließende Tipp der Ernährungsberaterin für Frauen im Wechsel: „Greifen Sie eher zu kühlenden Nahrungsmitteln wie Gurken oder Zitrusfrüchte, essen Sie kohlenhydratearm, und gönnen Sie sich gelegentlich eine ayurvedische Reiskur, das entschlackt.“

Natürlich ist auch Bewegung das Um und Auf für eine weiterhin schlanke Linie. Wählen Sie eine Sportart, die Ihnen Spaß macht. Der positive Effekt von Joggen und Yoga auf die Wechselbeschwerden ist sogar wissenschaftlich belegt. Aber auch regelmäßige ausgedehnte Spaziergänge tun Leib und Seele gleichermaßen gut.

3 SEX & SEELE
Das rät die Psychologin Mag. Natalia Ölsböck

Bleiben Sie aktiv
Am Beginn der Menopause ist frau vielfach mit einschneidenden Veränderungen konfrontiert: Die Kinder bauen ihr eigenes Leben auf und haben weniger Kontakt mit den Eltern. Mag. Ölsböck: „Der beste Umgang mit diesen Veränderungen ist eine aktive Lebensgestaltung.“ Im Klartext heißt es: Um gut durch diese Lebensphase zu kommen, ist es wichtig, sich den Anforderungen zu stellen und den Lebensalltag mit sinnvollen Tätigkeiten zu planen. Dies wirkt nicht nur dem Alleinsein entgegen, sondern stärkt die Lebenszufriedenheit. Doch nicht alle Frauen können das gleich gut: „Sowohl die Symptome selbst als auch die Art, wie eine Frau damit umgeht, sind individuell. Der Lebensstil einer Person wirkt sich erheblich darauf aus, ob jemand Beschwerden bekommt und wie stark“, erklärt Ölsböck. „Aktive, lebensbejahende Frauen reagieren generell anders auf Beschwerden, diese werden weniger beachtet und treten so in den Hintergrund.“

Tabuthema Sexualität
Auch eine intakte Partnerschaft wirkt sich positiv aus. Ölsböck: „Im Bereich der Sexualität muss auf nichts verzichtet werden, es gilt die Regel: Erlaubt ist, was beiden Partnern gefällt. Untersuchungen zufolge sind 60- bis 70-jährige Frauen, die in einer Partnerschaft leben, achtmal so häufig aktiv wie Alleinstehende. Wichtig ist, dass die Partner sich füreinander Zeit nehmen und keinesfalls unter Druck setzen.“ Und noch eine gute Nachricht: Die sexuelle Erregbarkeit und die Orgasmusfähigkeit der Frau bleiben bis ins hohe Alter nahezu unbeeinträchtigt. Ölsböck: „Erheblichen Einfluss auf das sexuelle Verlangen hat die seelische Befindlichkeit. Wenn es also rundherum nicht passt, vor allem wenn die Kommunikation in der Beziehung zu wünschen übrig lässt, dann ist es für die Frau schwierig, sich auf den Liebesakt einzulassen. Förderlich hingegen ist ein wertschätzender Umgang, der viel Nähe und Zärtlichkeit erlaubt.“

Ebenso wichtig ist, dass man sich als Frau auch noch attraktiv fühlt. Ölsböck: „Frauen hierzulande kleiden sich meist ,geschlechtslos‘: Die Pullover werden weiter, die Haare kürzer, die Schuhe flacher. Nonverbal kommuniziert dies, ich bin nicht mehr weiblich. Typisch für Frankreich und Italien ist hingegen, dass weibliche Ästhetik auch im hohen Alter noch wichtig genommen wird. Auch 70-Jährige tragen Make-up, betonen die Figur und zeigen Dekolleté.“ Mit einem durchdachten Lebenskonzept können die Wechseljahre zu einer äußerst positiven Lebensphase werden. Auch gesellschaftlich hat sich hier einiges geändert, meint die Psychologin: „Ich spreche mich für eine realistische Sicht der Dinge aus, das Älterwerden als eine Herausforderung zu betrachten – mit all seinen Vorzügen und Nachteilen.“

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