Sonntag, 19. Mai 2019

Homöopathie Wunder oder Scharlatanerie?

Ausgabe 2014.04

„Ich habe die Homöopathie lange für esoterische Quacksalberei gehalten“, sagt Schulmedizinerin Dr. Irene Schlingensiepen. In Gesünder Leben erklärt sie, warum sie ihre Meinung geändert hat.


Foto: Can Stock Photo Inc. - Melpomene

In diesen kleinen weißen Zuckerkügelchen ist nichts. Nicht ein Molekül des ursprünglichen Wirkstoffs. Denn dieser wurde so stark verdünnt, dass man ihn nicht mehr nachweisen kann – nicht mit modernsten Mikroskopen und nicht mit empfindlichsten Messinstrumenten. Wie diese Medizin funktionieren soll, können nicht einmal ihre Anhänger erklären“, schreibt Dr. Irene Schlingensiepen in „Homöopathie für Skeptiker“. Das schwere Asthma, an dem ihr Sohn und der jüngere Bruder von Mitautor Mark-Alexander Brysch als Kind litt, führte jedoch dazu, dass die studierte Schulmedizinerin und Wissenschaftlerin sich in den 1990er-Jahren der Homöopathie zuwandte. Ihr Buch ist ein Plädoyer für diese Ende des 18. Jahrhunderts von Samuel Hahnemann begründete Heilmethode, ohne dabei ihr kritisches Auge zuzudrücken. Doch der Reihe nach, denn erst einmal ließ die Krankheit des Sohnes die Eltern verzweifeln. Dennoch nahm Schlingensiepen aus reiner Höflichkeit die „weißen Kügelchen“ an, die ihr ein Kollege immer wieder anbot. Nach dem Motto „Nützt nix, schad’t nix“ gab sie ihrem Sohn beim nächsten Asthmaanfall vier Globuli. Und das – O-Ton – „Unglaubliche“ geschah: Husten sowie Luftnot verschwanden, und nachdem das für Brysch exakt bestimmte homöopathische Mittel gefunden wurde, heilte die Krankheit innerhalb kürzester Zeit endgültig aus.

Drei Grundprinzipien der Homöopathie. Die Homöopathie besagt, dass es erstens jeweils ein Mittel für alle Symptome des Kranken gibt. Zweitens erfolgt die Herstellung der Heilmittel durch Verdünnung und Verschüttelung der Ausgangssubstanz. Und drittens gilt das Patientengespräch als wichtigste Aufgabe des Arztes – entsprechend spricht man in der Homöopathie auch von der Kunst der Anamnese. Insbesondere das zweite Grundprinzip ruft zahlreiche Kritiker auf den Plan. Und Schlingensiepen ist sich sehr wohl bewusst, dass es paradox klingt, wenn die Homöopathie sagt: je höher die Verdünnung, desto stärker die Wirkung. Doch genau das sei das zentrale Prinzip der Homöopathie, denn es sind „wohl nicht die Partikel des Ausgangsstoffs, die eine Heilwirkung haben, sondern es ist die Information, die der Ausgangsstoff auf das Heilmittel überträgt“, so die Ärztin.

„Lesen Sie stattdessen einen guten Krimi“

Dr. Ulrich Berger über die Homöopathie: „Die Wissenschaft sagt, dass Homöopathie nicht besser wirkt als ein Placebo. Wie denn auch? Die beliebten ‚Hochpotenzen‘ enthalten genau gar nichts außer Zucker. Sicher, laut Hahnemann sind darin die ‚geistartigen Kräfte‘ der Ursubstanz abgespeichert. Doch heute glauben so etwas nur noch Esoteriker. Der Placeboeffekt ist nichts Schlechtes, doch die Globulifraktion gibt sich damit nicht zufrieden. Sie beharrt steif und fest darauf, dass ihr Zucker eben doch mehr als ein Placebo sei. Um das zu untermauern, ist ihr jedes Mittel recht. Aus Hunderten von Studien werden ein paar positive herausgepickt und als ultimativer Beweis gefeiert, negative Resultate werden schamlos umgedeutet und am Ende schwafelt man von Quanten und ‚Information‘. Leider ist das Buch von Schlingensiepen hier keine Ausnahme, sondern bloß ein sich ‚wissenschaftlich‘ gebendes, antiaufklärerisches Pamphlet. Mein Tipp: Lesen Sie stattdessen einen guten Krimi – da weiß man wenigstens, dass die Handlung nicht real ist!“

Dr. Ulrich Berger,
Professor für Volkswirtschaftslehre an der WU Wien und Vorsitzender der Gesellschaft für kritisches Denken – auch bekannt als „Die Skeptiker“.

Kritik an Studien. Weiters werfen Kritiker der Homöopathie häufig vor, sie sei unzureichend erforscht, es gebe keine einzige positive Studie oder die Qualität der Studien sei gering. Einmal mehr gibt Schlingensiepen zu, dass die Homöopathie mit gewissen Komplikationen (z. B. Dauer der Behandlung, Finanzierung) zu kämpfen hat, die es nicht immer leicht machen, Studien nach strengsten wissenschaftlichen Kriterien vorzunehmen. Nichtsdestotrotz sei die Grundlagenforschung im Bereich der Homöopathie kein hoffnungsloser Fall und entsprechend stellt sie in ihrem Buch einige der Studien vor, die allen Schwierigkeiten zum Trotz entstanden sind. Laut Dr. Thomas Peinbauer, Allgemeinmediziner in Linz sowie Präsident des Europäischen Komitees für Homöopathie (ECH), müssen im wissenschaftlichen Diskurs vermehrt die Evaluationsmethoden der Evidenzbasierten Medizin herangezogen werden: „In ihrer bisher 200-jährigen Praxis und in den seit kurzer Zeit durchgeführten, stetig wachsenden evidenzbasierten wissenschaftlichen Untersuchungen hat sich gezeigt, dass die Homöopathie eine sichere und effektive Methode ist, die Selbstheilungskräfte des Patienten zu aktivieren und damit akute und vor allem chronische Krankheiten zu heilen. Homöopathie kann in der Schwangerschaft, bei Säuglingen bis hin zum alten Menschen angewendet werden. Sie ist nebenwirkungsarm und zudem auch kostengünstiger.“

Friedliches Nebeneinander. Übrigens: Die 2005 im renommierten Wissenschaftsmagazin „The Lancet“ veröffentlichte und von Gegnern oftmals zitierte Metastudie über die Wirksamkeit der Homöopathie – die Studienautoren (Shang u.a.) kamen zum Ergebnis, Homöopathie sei in etwa so wirksam wie eine Placebotherapie – wurde mittlerweile mehrfach von methodisch versierten Forschern kritisiert: Sie weise im Hinblick auf Ansatz und Durchführung zahlreiche Schwachstellen auf. Allein: Geht es nach Irene Schlingensiepen, sind die Grabenkämpfe von Schulmedizin und Homöopathie ohnehin unnötig. Vielmehr sei ein friedliches Nebeneinander zu rechtfertigen: „Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass eine hochentwickelte, aufgeklärte Gesellschaft wie unsere enorm von den Erkenntnisse der Schulmedizin profitiert. Und dass sie auf das bemerkenswerte Heilungspotenzial der Homöopathie nicht unbedacht verzichten sollte.“

Buchtipp

SchlingensiepenDr. med. Irene Schlingensiepen, Mark-Alexander Brysch
Homöopathie für Skeptiker – Wie sie wirkt, warum sie heilt, was belegt ist
O. Barth Verlag, 192 Seiten, € 16,99

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