Donnerstag, 09. April 2020

Hörst du mich?

Ausgabe 2020.03
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Depressionen, Angststörungen und vor allem sozialer Rückzug sind bei hörbehinderten Menschen keine Seltenheit. Das muss nicht sein – wenn beide Seiten offen mit der Beeinträchtigung umgehen. 


Foto: iStock_shapecharge

Schwerhörigkeit ist immer noch ein gesellschaftliches Tabu, das bei Betroffenen nicht nur zu alltäglichen Hürden, sondern auch zu schweren psychischen Problemen führen kann. Dazu einige Zahlen und Fakten: Laut einer US-amerikanischen Studie mit mehr als 5.000 Probanden ab 50 Jahren weisen Menschen mit leichtem Hörverlust fast doppelt so häufig depressive Symptome auf als Personen mit einwandfreiem Gehör. Bei den Studienteilnehmern mit starkem Hörverlust konnte sogar viermal so häufig eine Depression nachgewiesen werden. Statistisch erhöhte sich das Risiko für Depressionen pro 20 Dezibel Hörverlust um das eineinhalbfache. Eine weitere Studie aus den USA (mit 113 Teilnehmern ab 50 Jahren) wiederum machte den Gegenvergleich: Nach sechsmonatiger Benützung eines Hörgeräts sanken die depressiven Symptome um 28 Prozent, bei den Probanden mit Cochlea-Implantat (eine Hörprothese) gar um 31 Prozent. Und: Den Angaben einer britischen Studie zufolge suchen 60 Prozent der hörgeschädigten Arbeitnehmer einen anderen Job, weil sie sich auf ihrem jetzigen Arbeitsplatz schlecht behandelt fühlen. 64 Prozent gaben an, in ihrer Arbeit Verständigungsschwierigkeiten zu haben.

Der richtige Umgang mit hörbehinderten Menschen
  • Vermeiden Sie allgemeingültige gut gemeinte Ratschläge und gehen Sie auf die individuellen Bedürfnisse des Betroffenen ein.
  • Beziehen Sie Betroffene immer in das Gespräch ein und ignorieren Sie ihn/sie nicht!
  • Lippen und Mund müssen immer deutlich sichtbar sein.
  • Sprechen Sie in lauter und sehr deutlich, aber schreien Sie nicht, da dies die Sprache verzerrt.
  • Bevorzugen Sie kurze, klare Sätze.
  • Wechseln Sie nicht häufig das Thema. Sagen Sie bereits im Vorfeld, worüber Sie sich unterhalten möchten.
  • Sprechen Sie in einer Gruppe nicht durcheinander, sondern nacheinander.
  • Nebengeräuscharme Orte und Räume ohne Hall sind zu bevorzugen.

Fehlende Akzeptanz
In Österreich sind rund 1,2 Millionen Menschen von Hörbeeinträchtigungen betroffen, darunter auch immer mehr junge Menschen. „Schwerhörigkeit ist eine Form von Einschränkung oder Behinderung, die gesellschaftlich nicht so selbstverständlich akzeptiert wird wie beispielsweise das Tragen einer Brille“, betont der Wiener Psychotherapeut Mag. Markus Bräuer – und ärgert sich. „Wieso ist die Unsichtbarkeit von Hörgeräten immer noch so ein großes Verkaufsargument? Schwerhörigkeit wird entweder gar nicht oder als ein ‚Randproblem von alten Menschen’ wahrgenommen. Auch dessen Folgen werden in der Gesellschaft weitgehend ignoriert.“ Bräuer weiß, wovon er spricht, kennt er doch das Problem von beiden Seiten: Als Psychotherapeut behandelt er immer wieder schwerhörige Klienten und hilft ihnen beim richtigen Umgang mit der Behinderung. Aber auch er selbst ist schwerhörig und trägt ein Hörgerät. Er erzählt uns zum Beispiel von der tagtäglichen Schwierigkeit, die Durchsagen auf Bahnhöfen, Flughäfen oder öffentlichen Verkehrsmitteln zu verstehen. „Wenn es möglich ist, suche ich Informationen, die ich visuell wahrnehmen kann, was jedoch auch nicht immer gelingt.“ Auch Stadtführungen oder Ähnliches gestalten sich für ihn herausfordernd, wenn diese per Headsets beziehungsweise Audioguides organisiert sind. „Beides ist für mich wegen meiner Hörgeräte nicht zu verwenden, da ich nicht noch etwas Zusätzliches ins Ohr stopfen kann und der Audioguide alleine mir viel zu leise ist. Hier tut sich für mich eindeutig ein Feld der Diskriminierung auf.“

Erzwungene Einsamkeit
Bräuer weiß aber, dass viele schwerhörige Menschen mit noch größeren Problemen zu kämpfen haben. Denn was vielen von uns nicht bewusst ist: Hören bedeutet mehr als das bloße Aufnehmen von Geräuschen und Tönen. Hören ermöglicht uns, unsere Umwelt als Ganzes zu umfassen, an ihr teilzunehmen, uns zu orientieren – und vor allem soziale Kontakte zu knüpfen. „Wir Menschen sind soziale Wesen, und ein Leben ohne Beziehungen ist – fast – nicht möglich“, gibt Bräuer zu bedenken. „Eine erzwungene Vereinsamung führt in der Regel zu psychischen Problemen.“ Genau von solch einer unfreiwilligen Einsamkeit sind viele Schwerhörige betroffen: „Zu zwischenmenschlichen Beziehungen gehört immer Kommunikation – ohne Verstehen und Austauschen ist keine Beziehung möglich“, erklärt der Psychotherapeut. „Lautsprache ist in unserer Gesellschaft die wichtigste Form von Kommunikation, fast alles läuft über Sprache in unserem Alltag.“ Kommt es zu größeren Schwierigkeiten, diese Sprache zu verstehen, setzt, so Bräuer weiter, ein Teufelskreis ein: „Ich ziehe mich von Menschen zurück, weil ich sie nicht mehr verstehe beziehungsweise das Nachfragen so anstrengend ist, sie meine Schwierigkeiten aber auch nicht ernst nehmen und keine Rücksicht auf mich nehmen. In der Einsamkeit ‚verlerne’ ich das Verstehen von Sprache und das Kontaktknüpfen zu Mitmenschen immer mehr. Also wird der Kontakt mit Menschen noch anstrengender, ich ziehe mich noch mehr zurück – und so weiter.“

Übersicht zu diesem Artikel:
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