Dienstag, 20. August 2019

Hilfe! Mein Kind ist zu dick!

Ausgabe 2016.06/07
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Experten schlagen Alarm: Fettleibigkeit ist ein ernst zu nehmendes gesundheitliches Problem. Wie Sie als Eltern Ihr Kind davor bewahren und Folgeerkrankungen vermeiden können, verraten Experten in GESÜNDER LEBEN.


Foto: © Can Stock Photo Inc. - Mirage3

Die hohe Übergewichts- und Adipositasrate (Fettleibigkeit) bei Kindern und Jugendlichen ist ein immer gravierenderes Problem. Die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht gar von einer „globalen Epidemie des 21. Jahrhunderts“. In Österreich hat jedes fünfte Kind und jeder dritte Jugendliche mit Übergewicht zu kämpfen. Das sind mehr als 350.000 Mädchen und Buben unter 18 Jahren. Die Zahl der dicken Taferlklassler hat sich laut WHO seit 1995 erschreckenderweise verdoppelt. Jeder fünfte Bub und jedes sechste Mädchen ist stark übergewichtig oder sogar adipös. 40 Prozent der übergewichtigen Kinder und 80 Prozent der übergewichtigen Jugendlichen werden dicke Erwachsene. Der Teufelskreis nimmt also keine Ende. Denn: Bei einem dicken Elternteil liegt das Risiko, dass das Kind dick wird, bei 40 Prozent, sind beide Eltern fettleibig, verdoppelt sich das Risiko. Mehr als 200 Gene, die Übergewicht begünstigen, hat die Forschung bislang identifiziert. Aber die genetische Disposition alleine macht noch nicht fett.

Hat mein Kind Diabetes?

Ärztliche Abklärung ist unbedingt notwendig, falls einige dieser Symptome bei Ihrem Kind auftreten.

• Außergewöhnlich großer Durst – oft trinken Kinder mehrere Liter Wasser täglich  
• Häufiger Harndrang – auch nachts, Bettnässen darauf abklären lassen
• Ungewöhnliche Müdigkeit
• Gereizte Stimmung
• Mangelnde Konzentrationsfähigkeit
• Geringe körperliche Leistungs­fähigkeit
• Bauchschmerzen
• Atem und Urin des Kindes riechen nach Aceton, das etwa in Nagellack enthalten ist
• Gewichtsverlust (Diabetes Typ 1) Gewichtszunahme (Diabetes Typ 2)

Fettleibigkeit macht ernsthaft krank. Ein dickes Kind, ein dicker Jugendlicher hat mit massiven sozialen und psychischen Problemen zu kämpfen: 40 Prozent der Jugendlichen mit Fettsucht haben Angststörungen, 43 Prozent Depressionen und ein deutlich erhöhtes Selbstmordrisiko, wie der Marburger Kinderpsychiater Johannes Hebebrand in einer Studie herausfand. Starkes Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen hat fatale gesundheitliche Folgen: Fettleibigkeit führt früher oder später zu Schäden an der Wirbelsäule, an den Hüftgelenken, an Füßen und Sehnen, aber auch zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Stoffwechselstörungen, zu organischen Problemen mit Herz, Leber, Galle und Darm. Schon Kinder können am metabolischen Syndrom – der teuflischen Kombination aus Übergewicht, Bluthochdruck und Stoffwechselstörungen – erkranken.

Diabetes bei Kindern und Jugendlichen. Diabetes Typ 2 – fälschlich oft auch Altersdiabetes genannt – wird im Kindesalter zwar relativ selten diagnostiziert, trifft aber immer häufiger junge Erwachsene. Bei Diabetes Typ 2 produziert der Körper zwar Insulin, aber das lebenswichtige Hormon wirkt infolge von Übergewicht, Bewegungsmangel aber auch aufgrund genetischer Veranlagung nicht ausreichend – die Rezeptoren an den Zellen sind nicht intakt und das Insulin kann dort nicht mehr andocken. Diabetes Typ 2 lässt sich mit Gewichtsreduktion und Bewegung behandeln. Inwieweit Diabetes Typ 1 ebenfalls mit der Ernährung zu tun hat, ist hingegen noch Gegenstand der Forschung. Sicher ist derzeit nur so viel: Viele Diabetiker haben auch eine Glutenunverträglichkeit. Diabetes Typ 1 geht zwar eher mit Untergewicht einher, ist jedoch eine sehr häufige Stoffwechselerkrankung bei Kindern und Jugendlichen. Rund 3.000 unter 18-Jährige sind Diabetiker Typ 1 – mit einer jährlichen Zunahme von bis zu fünf Prozent. Vererbung, immunologische Fehlsteuerungen und Vitamin- D-Mangel, aber auch Bestandteile in Lebensmitteln sowie Stress werden als mögliche Ursachen vermutet, sind jedoch wissenschaftlich (noch) nicht bewiesen. Bei Typ 1 gibt es keine Heilung, die Krankheit ist jedoch mit der Gabe von Insulin gut behandelbar.

Die Ursachen für Fettleibigkeit sind vielfach. „Natürlich fragt man sich oft, warum Eltern so lange zuschauen und nichts unternehmen“, sagt Univ.-Prof. Dr. Kurt Widhalm, Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde und Präsident des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin. „Vor allem dicke Eltern tendieren dazu, es als familiäre Veranlagung, die nicht veränderbar ist, hinzunehmen. Übergewicht wird im Elternhaus gezüchtet, das ist ziemlich sicher.“ Allerdings sei es für Eltern nicht einfach, ihre Kinder alleine davor zu bewahren, „denn die Ursachen sind vielfältig und das Kind ist auch anderen Einflüssen ausgesetzt.“ Fettleibigkeit sei, so der Experte mit Nachdruck „ein gesellschaftliches Problem. Das Kind sieht beim Einkaufen all diese Produkte, die so verpackt sind und dargeboten werden, dass Kinder davon angezogen werden. Und das Kind wird täglich mit bis zu 200 Spots für Nahrungsmittel, die glücklich und fröhlich und gesund machen, konfrontiert.“ Hinzu kommt: „Eltern haben oft zu wenig Zeit oder nehmen sich die Zeit nicht, um die Mahlzeiten mit den Kindern einzunehmen oder auch um zu kochen. Da sind dann die schnelle Küche, Fast Food und die Mikrowelle gefragt.“ An der Qualität der Nahrung hängt es nicht. „Die war noch nie so gut wie heute, aber es gibt eben auch viele Lebensmittel, die sehr energie- und kalorienreich sind. Wenn man Kindern 20 Prozent der Energie, wie wir aus einer Studie in Wien wissen, durch gezuckerte Getränke zuführt, dann geht diese Energie direkt ins Fettgewebe.“

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