Hilfe! Die Pollen kommen

Ausgabe 03.2015

Jeder vierte Österreicher hat die Nase voll vom beginnenden Frühling und atmet erst wieder Ende Oktober richtig durch. Lesen Sie in gesünder leben, wie Sie mit der Pollenallergie zu leben lernen, was Erleichterung bringt und wohin Sie sich wenden können.


Foto: © Can Stock Photo Inc. - andersonrise

Kommt langsam der Frühling, kommt nochmals eine Schnupfenwelle, weil es doch noch recht kühl ist, auch wenn die Sonne schon kräftig wärmt. Hinzu kommt: Unsere Reserven sind nach dem Winter aufgebraucht und unser Immunsystem schwächelt. Bei zwei Millionen Österreichern jedoch haben eine rinnende Nase, tränende Augen, Juckreiz und Niesen nichts mit einem grippalen Infekt zu tun: Sie leiden an einer Pollenallergie. Primar Dr. Daniel Blagojevic, ärztlicher Leiter des Allergie-Ambulatoriums Rennweg in Wien (www.allergieambulatorium.at): „Genau genommen sind es knapp über 22 Prozent, es geht also in Richtung jeder Vierte. Die Zahl steigt von Jahr zu Jahr stetig an. Und zwar auch in Altersgruppen, in denen früher sehr wenige mit Allergien zu tun hatten. Wir haben jetzt sehr häufig mit Patienten zu tun, die in höherem Alter erstmalig Beschwerden haben.“ Überholt sei demzufolge die Annahme, dass sich Allergien grundsätzlich in jungen Jahren erstmals bemerkbar machen.

Webtipps

Weitere Informationen
www.arztsuche.netdoktor.at/allergie
www.naturheiltherapeuten.at
www.allergenvermeidung.org
www.lungenunion.at

www.pollenwarndienst.at
(regionale Pollenwarndienste in Zusammenarbeit mit der Medizinischen Universität Wien, HNO-Klinik)

Aktuelle Pollenwerte:
pollenwarndienst.at/de/aktuelle-werte

Die Belastung ist heuer durchschnittlich. Für heuer erwarten Forscher eine eher durchschnittliche Belastung bei den Frühblühern wie Erle, Hasel, Birke und Esche. „Wir erwarten kein extremes Jahr, weil nach derzeitigem Stand die Anzahl der Kätzchen nicht extrem ist“, sagt Uwe E. Berger, MBA, Leiter der Forschungsgruppe Aerobiologie und Polleninformation der HNO-Klinik der Medizinischen Universität Wien. „Unsere Prognosemodelle basieren darauf, dass wir mittels meteorologischer Faktoren wie Niederschlag, Temperatur, Luftverfrachtungen und Sonneneinstrahlung den möglichen Blüh-beginn errechnen. Mit dieser Basisinformation bekommen wir erste Hinweise, wann eine Pflanze theoretisch bereit ist zu blühen. Wobei“, so der Forscher weiter, „es natürlich lokale Unterschiede gibt. Generell aber kann man davon ausgehen, dass die Blühbereitschaft der Frühblüher durch den Klimawandel bereits um sieben bis 14 Tage eher eintritt als noch vor zehn bis 15 Jahren.“

Die Beschwerden hängen von mehreren Faktoren ab. Weiters zeigen Forschungsergebnisse, dass die Pollenmenge nicht immer mit den Beschwerden korrelieren muss. Experte Berger: „Die Menge an Pollen in der Luft steht nicht zwingend in Bezug zu den Beschwerden. Die Intensität der Beschwerden hängt vom Muster des Auftretens ab. Wird das Pollenkonto wetterbedingt (etwa nach einer längeren Kaltwetterperiode) schlagartig geleert, so ist zwar die Gesamtmenge an Pollen in der Luft geringer, die Beschwerden sind aber durch das schlagartige Auftreten um vieles stärker. Und“, so Berger weiter, „am Beginn einer Pollensaison können bereits weniger Pollen genügen, um Symptome herbeizuführen, da nach einer allergenfreien Zeit der menschliche Körper schon auf geringe Mengen stärker reagiert als im späteren Verlauf der Pollensaison.“

Das Immunsystem ist überfordert. Der steile Anstieg von Allergien ist vor allem in Wohlstandsgesellschaften zu beobachten. Das heißt: Uns geht es zu gut. Allergologe Blagojevic: „ Wir nehmen zu viel Cholesterin, Zucker, Fette und andere Stoffe zu uns. Aber auch Wohlstandsfaktoren wie mangelnde Bewegung sowie Abgase und Feinstoffbelastung in der Luft tragen vor allem in Städten zu einem Anstieg der Allergien bei.“ Hinzu kommt: „Es gibt immer mehr Kinder, die unter einer Käseglocke aufwachsen sowie Natur und Tiere nur vom Fernsehen kennen.“ Das sei der Hauptgrund für das starke Stadt-Land-Gefälle. „Die Immunisierung findet in den ersten Lebensjahren, etwa bis zum Volksschulalter, statt. Wenn Kinder in einem keimfreien Milieu aufwachsen, erkennt das Immunsystem die Keime nicht und reagiert zwangsweise abwehrend.“

Die Neigung ist genetisch bestimmt. Allergie ist eine Immunantwort des Körpers auf etwas, das als fremd angesehen wird. So weit, so klar. Die Neigung zu Allergien ist genetisch programmiert und vererbbar. Auch das leuchtet ein. Experte Blagojevic: „Wenn ein Elternteil Allergiker ist, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass auch das Kind Allergiker ist, bei 33 Prozent. Sind beide Elternteile Allergiker, dann verdoppelt sich das auf 66 Prozent.“ Nur: So einfach berechenbar ist die Sache nicht. Denn es gibt auch Spontanmutationen. So kann etwa jemand auch dann Allergiker werden, wenn es in der Familie keine Allergien gibt. Meistens jedoch ist die Anfälligkeit, eine Allergie zu entwickeln, erblich bedingt. Was nicht heißt, dass bei jedem Menschen, der genetisch auf Allergien programmiert ist und bei dem durch Tests eine Neigung nachgewiesen wird, eine Allergie ausbricht. „Das Immunsystem“, erklärt Blagojevic, „ist wie ein Muskel. Manchmal schwächer, manchmal stärker. Wir haben es nicht mit einem statischen Zustand zu tun, sondern mit einem dynamischen Prozess.“ Das sei auch der Grund dafür, dass Allergien, unter denen Kinder leiden, sich auswachsen können und klinisch verschwinden. Manchmal werden sie aber auch schlimmer, so etwa kann aus einem allergischen Schnupfen ein allergisches Asthma entstehen. Die Wissenschaft nennt diesen Vorgang dann „Etagenwechsel“.


 

Das Führen eines Beschwerdetagebuches macht Sinn. Da die Sache für Laien nicht so einfach zu erkennen ist, macht es Sinn, sich an einen Facharzt für Allergologie zu wenden. Wer etwa auf Äpfel mit Juckreiz, Bläschenbildung oder auch Magen-Darm.Beschwerden reagiert, könnte aufgrund der Kreuzreaktion (Baumpollen von Birke, Erle und Hasel haben unter anderem gemeinsame Allergene mit Äpfeln) auch auf Baumpollen allergisch sein. „Das Wichtigste bei der Testung ist, was der Patient erzählt“ sagt Blagojevic. „Dafür ist eine genaue Beobachtung, ein Beschwerdetagebuch hilfreich. Wenn der Patient genau sagen kann, dass er auf Äpfel mit Bläschenbildung reagiert, dann können wir das mit einem Blut- oder Hauttest bestätigen. Mit der Anamnese kommt dann ein Mosaik heraus, ein Gesamtbild, das zusammenpasst. Was nicht geht“, so der Experte weiter, „ist, wenn man diese Tests ohne Vorliegen von Beschwerden durchführt und dann aufgrund positiver Testergebnisse auf eine Allergie rückschließt.“

Die Immuntherapie ist langwierig, aber wirksam. Menschen, die nur einige Tage bis zwei Wochen Probleme haben, kann mit entzündungshemmenden Augentropfen, einem Nasenspray, aber auch mit Antihistamintabletten geholfen werden. Gute Erfolge – wenn auch meist wissenschaftlich nicht belegbar – können mit alternativmedizinischen Behandlungsmethoden erzielt werden. In der Schulmedizin wird bei langanhaltenden und heftigen Beschwerden eine Immuntherapie empfohlen. „Bei diesen Patienten ist es sinnvoll, nicht nur die Beschwerden zu lindern, sondern eine intensivere Immuntherapie, eine Hyposensibilisierung, zu machen“, sagt Blagojevic. „Um das Immunsystem daran zu gewöhnen, dass die Allergene nicht fremd sind, führt man kleine Mengen von diesen Allergenen zu. Da lernt der Körper, damit umzugehen, und toleriert diese Substanzen nach und nach. Dieser Prozess dauert drei Jahre, wird gut vertragen und hat in der Regel keine nennenswerten Nebenwirkungen.“

Pollenkalender

Die heurige Pollensaison

Ein kurzer Überblick, welche Pollen auf uns zukommen …

Jänner bis März: Haselpollen
Februar und März: Erlenpollen
März bis April: Birken- und Eschenpollen
Mai bis Juli: Gräserpollen
Mai bis Ende August: Roggenpollen (nur in den Anbaugebieten)
Juli, August bis Oktober: Beifuß und Ragweed (nur im Osten Österreichs)
Dezember: NEU! Purpurerle: vereinzelt in den Städten möglich

Die Neigung zu Allergien ist genetisch vorbedingt

Prim. Dr. Daniel Blagojevic,
ärztlicher Leiter
Allergie-Ambulatorium
Rennweg in Wien

Der ärztliche Leiter des Allergie-Ambulatoriums Rennweg in Wien, Primar Dr. Daniel Blagojevic, über den Anstieg der Allergien, Genetik und Umweltbelastung.

Ist es richtig, dass immer mehr Menschen unter Allergien leiden?
Blagojevic: Das stimmt. Wir sehen in den letzten Jahrzehnten und vor allem in den letzten zehn Jahren einen steilen Anstieg bei allen Allergien, nicht nur bei der Pollenallergie. Auch die Intensität der Beschwerden nimmt zu.

Woran liegt das?
Man nimmt an, dass Umweltfaktoren, etwa Dieselrußpartikel, sowie generell die Feinstoffbelastung die Pollen so verändern, dass sie auch von Menschen als fremd wahrgenommen werden, die sie früher toleriert haben. Als gesichert gilt, dass die Umweltbelastung bei der Entstehung von Allergien eine beträchtliche Rolle spielt.

Wie kann es sein, dass etwa eine Pollenallergie nur einmalig auftritt und danach nie wieder?
Allergien können einmalig auftreten, aber auch über Jahre und dann plötzlich verschwinden. Man kann auf vieles allergisch reagieren oder isoliert auf eine Pflanzengruppe. Allergien sind sehr unberechenbar.

Was unterscheidet einen gewöhnlichen Schnupfen von einem Heuschnupfen?
Die Symptome eines Schnupfens sind ähnlich jenen bei einem Heuschnupfen. Aber bei einem infektiösen Schnupfen ist der Schleim oft grünlich gefärbt, bei einer Allergie ist das Sekret immer wasserklar. Es gibt auch einen gewöhnlichen Schnupfen, der Symptome erzeugt wie ein Heuschnupfen, allerdings nicht auf immunologischem Weg, sondern durch eine chemische Reizung der Schleimhäute. Denn Pollen enthalten auch aggressive Stoffe, sogenannte Proteasen, die die Atemwege reizen können. Im Zweifelsfall sollte man zum Allergologen gehen, um das abzuklären.

Sind Menschen, die auf eine Substanz allergisch reagieren, zwangsläufig gefährdet, auf vieles allergisch zu reagieren?
Das kann, muss aber nicht sein. Wer auf Frühblüher, wie Birke, Hasel und Erle, reagiert, muss nicht auch auf Gräser oder später auf Roggenpollen allergisch sein. Eine Pollenallergie ist manchmal mit einer Nahrungsmittelallergie vergesellschaftet. So etwa sind die Allergene, die in den Birken enthalten sind, chemisch verwandt mit den Proteinen von Äpfeln und Nüssen. Bei Menschen, die auf diese Früchte mit Kribbeln auf der Mundschleimhaut, Magenschmerzen oder Durchfall reagieren, sprechen wir von einer Kreuzallergie.

Wie viel hat die Ernährung generell mit dem Auftreten von Allergien zu tun?
Nach derzeitigem wissenschaftlichem Stand weniger, als allgemein angenommen wird. Inwieweit Konservierungsmittel in der Ernährung Einfluss haben, ist noch weitgehend unerforscht. Bei den Geschmacksverstärkern sieht die Sache anders aus: Sie sind meist sehr histaminreich, bewirken eine verstärkte Histaminausschüttung im Körper. Rotwein, reifer Käse, geräuchertes Fleisch und Fisch sowie Sauerkraut enthalten von Natur aus viel Histamin. Und Histamin ist der Hauptbotenstoff, der den allergischen Prozess im Körper begründet.

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