Hepatitis C gemeinsam bekämpfen!

Ausgabe 2017.07-08

Die WHO möchte bis 2030 das Virus eliminiert haben. Eine Quelle von Hepatitis C ist der Drogenkonsum. Niederschwellige Einrichtungen versuchen durch Aufklärung die Wiederansteckungsrate einzudämmen. GESÜNDER LEBEN war in einer Einrichtung vor Ort und hat sich selbst ein Bild gemacht.


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Die 36-jährige Conny hatte vor vier Jahren einen schweren Autounfall – der Fahrer hatte sie nicht gesehen, als sie am Fußgängerübergang die Straße überqueren wollte. „Ich bin 18 Meter weit durch die Luft geflogen und lag viele Wochen im Krankenhaus“, erzählt sie. „Ich musste wieder gehen lernen. Noch heute erhole ich mich von den Unfallfolgen, kann nicht ganztags arbeiten gehen. Ich bin auf Jobsuche.“ Seit wenigen Wochen wohnt sie in Leipzig („Wegen der Liebe!“) und versucht dort wohl auch, ein neues Leben anzufangen. Connys früherer Verlobter verstarb nämlich, ebenfalls vor vier Jahren, an Leberzirrhose, eine Folge seiner Hepatitis-C-Erkrankung. Angesteckt hat er sich durch gemeinsamen Nadelgebrauch beim Drogenkonsum.

Hepatitis C erkennen und behandeln

• Hepatitis C ist eine Entzündung der Leber, die hauptsächlich durch infiziertes Blut übertragen wird. Eine besondere Risikogruppe stellen Drogenkonsumenten dar, die ihre Utensilien mit anderen teilen.
• Unbehandelt kann eine Hepatitis zu einer Leberzirrhose und in weiterer Folge zu Leberkrebs führen. Die Erkrankung bleibt lange unbemerkt, da kaum oder sehr unspezifische Symptome (eventuell anfangs Fieber, Gliederschmerzen, Müdigkeit, Gelbsucht, heller Stuhl, dunkler Urin, Druckgefühl im rechten Oberbauch) auftreten. Nur ein Bluttest kann Klarheit verschaffen. Je früher die Diagnose, desto besser der Behandlungsverlauf!
• Eine akute Hepatitis C kann spontan ausheilen, wird meist jedoch chronisch. Ansteckend sind aber beide Arten!
• Eine ausgeheilte Hepatitis C schützt nicht vor einer erneuten Ansteckung!
• Am 28. Juli ist Internationaler Hepatitis-C-Tag. Die WHO hat es sich zum Ziel gesetzt, Hepatitis B und C bis 2030 global einzudämmen bzw. gar zu eliminieren.

Quelle: Infobroschüre „Hepatitis C: Schützen – Testen – Behandeln – Heilen“ von „Kontaktladen & Streetwork im Drogenbereich“ (Caritas) in Graz.

Hepatitis C. Obwohl Conny nicht aktiv konsumiert hat, hat sie sich trotzdem mit Hepatitis C angesteckt. „Mein Verlobter hatte eine starke Schürfwunde an der Hand“, erzählt sie, hält sich ansonsten bei diesem Punkt aber eher bedeckt. Einige Zeit später hat sie sich testen lassen, „denn ich wusste einfach, dass da etwas nicht stimmt, auch wenn ich keine Symptome hatte. Auf mein Bauchgefühl kann ich mich immer verlassen.“ Die Diagnose war deshalb auch kein Schock für Conny, meint sie. „Ich habe mich schon im Vorfeld genau über die Krankheit informiert.“ Der Virennachweis war hoch, mit der medikamentösen Therapie wurde sofort begonnen. Heute gilt Conny als geheilt, worüber sich nicht zuletzt auch ihr 17-jähriger Sohn, der (noch) bei der Oma in Wien wohnt, freut. „Ich habe von Beginn an offen mit ihm über meine Krankheit gesprochen, er konnte gut damit umgehen“, erinnert sich Conny. Allerdings sei es ihre Mutter gewesen, die die Krankheit zum Problem für den Jugendlichen machte: „Sie war in Panik und bläute ihm ein, nicht dasselbe Handtuch oder dasselbe Glas wie ich zu benutzen. Nicht mal umarmen sollte er mich.“ So viel Unwissenheit ärgert Conny, auch heute noch. „Ich habe mit ihm danach ein aufklärendes Gespräch geführt. Es gibt immer noch so viele Mythen über Hepatitis C.“

Aufklärung in Graz. Das bestätigen – mehr oder weniger – auch Roland Urban und Milena Simonitsch. Urban ist Leiter der niedrigschwelligen Einrichtung „Kontaktladen“ in Graz, Simonitsch ist dort Sozialarbeiterin. Der „Kontaktladen“, der auch Streetwork anbietet, richtet sich an Konsumenten illegaler Substanzen. „Unsere Zielgruppe ist die Drogenszene in Graz“, erklärt Urban. Da die Infektion mit dem Hepatitis-C-Virus nach wie vor eines der größten Risiken beim (intravenösen) Drogenkonsum ist, ist die Erkrankung wichtiges Thema in der Einrichtung. „Viele unserer Klienten glauben immer noch, dass Hepatitis C nicht heilbar ist bzw. dass die Therapie nach wie vor mit starken Nebenwirkungen einhergeht“, erklärt Simonitsch. „Hier ist es wichtig und grundlegend, Aufklärungsarbeit zu leisten.“ Diese sieht im „Kontaktladen“ so aus: Neben regelmäßigen Infoveranstaltungen für Klientel und Personal und einer Aufklärungskampagne im vergangenen Jahr, die u. a. Poster und Infobroschüren umfasste, werden dreimal wöchentlich Testungen (also Blutabnahmen) im Haus angeboten. Einmal im Monat gibt es eine Hepatitis-C-Sprechstunde, für die Dr. Bernd Bauer, gemeinsam mit ein oder zwei Kolleginnen, verantwortlich zeichnet. „Die Klienten haben die Möglichkeit, uns alles rund um das Thema zu fragen“, so Bauer. „Es ist wichtig, ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass sie nicht alleine sind.“ Der Wissensstand, betont der Experte, sei unter den Klienten trotz einiger Mythen erstaunlich hoch: „Unsere Aufklärungsarbeit beginnt immer mehr zu wirken. Besonders unter den Jüngeren sinkt die Anzahl der Neuinfektionen. Dafür steigt die Awareness (Problembewusstsein, Anm.), auch wenn Hepatitis C nach wie vor ein großes Thema ist.“ In Zahlen: Der „Kontaktladen“ betreut rund 600 Klienten im Jahr, davon unterziehen sich 100 einem Hepatitis-C-Test.


 

Kooperation mit LKH. Eine wichtige Säule der „Schadensminimierung“, wie es Urban nennt, ist auch der vom „Kontaktladen“ angebotene Tausch von sterilem Material: Die Klienten können gebrauchte Spritzen, Löffel sowie Aufsteckfilter im Verhältnis 1:1 gegen sauberes Material tauschen. Natürlich besteht auch die Möglichkeit, steriles Material zu kaufen. „Für einen Großteil unserer Klienten erscheint ein drogenfreies Leben im Moment nicht erstrebenswert oder ist aufgrund ihrer psychosozialen Situation schlichtweg nicht möglich“, erklärt Urban. „Deshalb wollen wir Möglichkeiten für einen risikoärmeren Konsum aufzeigen, damit Infektionskrankheiten wie Hepatitis C, aber auch Hepatitis B sowie HIV/AIDS oder andere Folgeerkrankungen vermieden werden können.“  Ein besonderes Angebot des „Kontaktladens“ ist das kostenlose Shuttle-Taxi, das die Patienten alle zwei Wochen direkt vom Eingang der Einrichtung zum 15 Kilometer entfernten LKH Hörgas bringt, wo Bauer Leiter der Abteilung für interne Medizin ist. Wurde bei einem Klienten Hepatitis C diagnostiziert, werden im Krankenhaus weitere Tests gemacht, um genauer feststellen zu können, wie weit die Krankheit bereits fortgeschritten ist. Hier kommen zum Beispiel die Untersuchungen mit  Ultraschall und Fibroscan zum Einsatz. Auch zu den regelmäßigen Kontrollen während einer Therapie werden die Patienten in das LKH Hörgas bestellt. „Durch unsere Arbeit im ‚Kontaktladen’ haben wir uns bereits eine Vertrauensbasis geschaffen, weshalb die Hemmschwelle, in die Ambulanz zu kommen, niedriger ist“, erklärt Bauer. „Die Klienten kennen und vertrauen uns.“ Urban ergänzt: „Das Angebot mit dem Taxi hat sich mittels Mundpropaganda etabliert und sich gut bewährt.“

Selbstbewusstsein stärken. Auch Conny hat von all diesen Angeboten Gebrauch gemacht und streut dem „Kontaktladen“ Rosen: „Man fühlt sich verstanden und gut aufgehoben.“ Auch an die Hepatitis-C-Therapie selbst hat sie nur – will man es so ausdrücken – gute Erinnerungen: „Ich musste lediglich für drei Monate fünf Tabletten täglich einnehmen. Nach acht Tagen war ich bereits virenfrei. Nebenwirkungen hatte ich keine, nur meine Phobie gegen Tablettenschlucken machte mir anfangs Probleme.“ Für Bauer nicht überraschend: Bei früheren Therapien mit Interferon lag die Heilungsrate bei 40 bis 50 Prozent, die Therapie mit schweren Nebenwirkungen dauerte zwischen 24 und 48 Wochen. Seit 2014 aber gibt es die Interferon-freie Therapie: Hier handelt es sich um direkt antiviral wirksame Medikamente, welche gegen verschiedene Proteine des Hepatitis-C-Virus wirksam sind und die Virusvermehrung blockieren. Die Nebenwirkungen sind sehr gering und bei über 90 % der Betroffenen führt die Therapie innerhalb von acht bis zwölf Wochen zu einer Heilung. „Damit ist natürlich auch die Compliance größer geworden“, betont Sozialarbeiterin Simonitsch. „Früher haben viele Klienten aufgrund der Nebenwirkungen die Therapie abgebrochen bzw. bei Neuinfektionen eine erneute Medikamenteneinnahme verweigert. Zudem sind die Termine, die im Krankenhaus eingehalten werden müssen, sehr überschaubar geworden.“ Aber nicht nur das, ergänzt Bauer: „Eine Hepatitis-C-Therapie ist für einige Klienten auch der Anstoß, von ihrer Drogensucht wegzukommen. Durch die Heilung der Hepatitis erleben Sie einen psychischen Aufschwung, sie sehen, was man alles schaffen kann, sobald man sich mit sich, seinem Körper und seiner Gesundheit ernsthaft auseinandersetzt. Eine ausgestandene Hepatitis C stärkt das Selbstbewusstsein der Klienten.“

www.hepatitisc-info.at
www.welthepatitistag.info/
www.caritas-steiermark.at/hilfe-angebote/menschen-in-not/gesundheit/drogen-und-alkoholsucht/kontaktladen-streetwork-im-drogenbereich/

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