Samstag, 23. Februar 2019

Gott, bin ich müde!

Ausgabe 2014.03

Die Umstellung von der kalten auf die warme Jahreszeit bereitet jedem zweiten Österreicher große Probleme. Lesen Sie, was im Körper vor sich geht und wie Sie mit der Frühjahrsmüdigkeit besser zurechtkommen.


Foto: Can Stock Photo Inc. - lightwavemedia

Lange genug hat der Mensch, manch einer sogar geduldig, gewartet: auf die wärmenden Sonnenstrahlen, auf die längeren Tage, auf die ersten Blümchen im Garten – also auf den Frühling, der einfach gute Laune macht. Beschwingt aus dem Bett hüpfen wollte der Mensch, noch ehe der Wecker ihn unbarmherzig aus den Träumen reißt. Und jetzt im März, wo es endlich so weit ist, hat der Mensch die Krise: Er will sie nicht sehen, die Sonne, er will sie nicht betrachten, die Blumen, die ihre Köpfchen durch die oft noch gefrorene Erde bohren, er will es nicht hören, das fröhliche Gezwitscher der Vögel. Der Mensch ist erschöpft, hat schlechte Laune, er kränkelt, er will seine Ruhe, er will schlafen, nur schlafen.

Jeder zweite Österreicher ist betroffen. Frühjahrsmüdigkeit ist für jene, die darunter leiden, eine echte Plage. Die Symptome, die damit einhergehen können: Kopfschmerzen und Magen-Darm-Beschwerden, Kreislaufschwäche und Schwindelgefühl, Konzentrationsschwäche und mangelnde Leistungsfähigkeit, Antriebslosigkeit und Gereiztheit – der Mensch ist zwar nicht krank, aber völlig ermattet. Und fühlt sich rundum unwohl. Zu den genannten Unpässlichkeiten gesellt sich dann nicht selten auch noch eine lästige Erkältung. Vage Schätzungen gehen davon aus, dass etwa jeder zweite Österreicher irgendwann in den Monaten März und April bis hinein in den Mai davon mehr oder weniger stark betroffen ist. Am 30. März erfolgt zudem die Umstellung von der Winter- auf die Sommerzeit. Die Uhr wird um eine Stunde zurückgestellt und der sowieso schon dauermüde Mensch muss dann auch noch eine Stunde früher aus den Federn. Und das, obwohl man weiß, dass die innere Uhr des Menschen eher zu einem 25-Stunden-Rhythmus neigt.

Die Wissenschaft hat keine griffige Erklärung. Aber nun zurück zur Frühjahrsmüdigkeit. Was steckt dahinter? Ass.-Prof. Dr. Stefan Seidel, Leiter des Schlaflabors der Universitätsklinik für Neurologie am Wiener AKH: „Wissenschaftlich betrachtet gibt es für dieses Phänomen keine stichhaltigen Erklärungen, sondern ausschließlich Vermutungen. Wir vermuten, dass die Anpassung der körpereigenen Rhythmen den Betroffenen Probleme bereitet. Und gehen derzeit davon aus“, so der Neurologe weiter, „dass möglicherweise die Verfügbarkeit der Hormone Serotonin und Melatonin im zentralen Nervensystem eine Rolle spielt.“ Dazu muss man wissen: Serotonin, das sogenannte „Glückshormon“, beeinflusst nicht nur den Schlafrhythmus, sondern steuert den Gemütszustand, den Sexualtrieb und die Körpertemperatur. Ein chronischer Serotoninmangel im Gehirn wirkt sich negativ auf die Gemütslage aus und führt unweigerlich zu depressiven Verstimmungen bis hin zu einer klinisch relevanten Depression. Melatonin, auch Schlafhormon genannt, wird in der Zirbeldrüse im Gehirn produziert und durch den Hell-Dunkel-Zyklus reguliert. Ob diese beiden Hormone nun tatsächlich weitgehend in Zusammenhang mit der Frühjahrsmüdigkeit gebracht werden können, ist umstritten. „Einen Nachweis zu finden ist sehr schwierig, darum sprechen wir bislang auch nur von einer Hypothese“, erklärt der Forscher. Und weiter: „Fakt ist jedoch, dass viele Leute darunter leiden, und obwohl wir das wissenschaftlich nicht nachweisen können, wird es von uns Medizinern zwar nicht als Krankheit gesehen, aber dennoch sehr ernst genommen.“

Besser schlafen, besser erholen

Schlaf­experte Ass.-Prof. Dr. Stefan Seidel gibt Tipps, wie Sie sich im Schlaf gut erholen – und der Frühjahrs­müdigkeit ein Schnippchen schlagen.

  • Achten Sie darauf, was Sie brauchen: Es gibt, grob gesagt,zwei Chronotypen: die Lerche und die Eule. Die Lerche steht für Frühaufsteher und die Eule für Abendmenschen. Wir haben in unseren Genen die Information, die vorgibt, wie lange unser eigener Tag-Nacht-Rhythmus ist.
  • Führen Sie ein Schlaftagebuch: Wann sind Sie ins Bett gegangen? Wann sind Sie eingeschlafen? Wann sind Sie aufgewacht? Wie oft? Was haben Sie gegessen? Wie viel haben Sie getrunken? Plagen Sie Sorgen?
  • Das Schlafbedürfnis ist sehr verschieden. Es gibt von Haus aus Menschen, die Kurz- oder Langschläfer sind. Dafür verantwortlich sind vermutlich genetische Faktoren, von denen wir noch nicht alle kennen.
  • Ausreichend geschlafen und dennoch müde? Bringen Sie Ihren Kreislauf in Schwung. Stehen Sie auf, auch wenn Sie noch so matt sind, und bewegen Sie sich gleich morgens mindestens eine halbe Stunde.
  • Probleme beim Einschlafen? Unterlassen Sie alles, was das Nervensystem aufputscht. Etwa: aufregende Filme oder Sport am Abend, aber auch beunruhigende Gespräche und Gedanken. Versuchen Sie ein beruhigendes und ruhiges Abendritual einzuführen: Als besonders geeignet erweisen sich Yoga und Meditationsübungen. Essen Sie am Abend weder zu viel noch zu spät.
  • So gelingt die Umstellung besser. Bewegen Sie sich regelmäßig in der frischen Luft, vor allem tagsüber, im Sonnenlicht. Das regt nicht nur den Kreislauf an, sondern auch die Vitamin-D-Bildung. Achten Sie auf eine ausgewogene, vitamin- und mineralstoffreiche Ernährung sowie ausreichende Flüssigkeitszufuhr. Versuchen Sie fixe Schlafzeiten einzuhalten. Wenn Sie sich aller gesetzten Maßnahmen zum Trotz noch immer nicht ausgeschlafen fühlen, dann sprechen Sie mit Ihrem Arzt. Oft wirkt schon eine Lichttherapie am Morgen und die Gabe von Melatonin am Abend. Vor allem dann, wenn es sich um eine saisonale Depression handelt. Falls hinter der Dauermüdigkeit und der Antriebslosigkeit eine Depression steckt, kann es aber auch sein, dass eine Psychotherapie angesagt ist.

Der körpereigene Rhythmus muss sich umstellen. Vereinfacht betrachtet ist die Sache eigentlich logisch: Zweimal im Jahr – im Frühling und im Herbst – stellt sich der natürliche Rhythmus des Menschen grundlegend um. Ausgelöst wird dieser Vorgang vom Tageslicht, dem wichtigsten Zeitgeber der Natur. Betroffen von dieser Umstellung ist der Mensch in seiner Gesamtheit. Experte Seidel: „Wir alle unterliegen der sogenannten Chronobiologie, das heißt einer Reihe von körpereigenen Rhythmen, die natürlich auch die Hormon­ausschüttung betreffen. So etwa geht die Produktion des körpereigenen Cortison – eine wichtige Substanz unseres komplexen Immunsystems – in der Nacht zurück und steigt in den frühen Morgenstunden, zwischen drei und vier Uhr, wieder an. Beim Melatonin ist es genau umgekehrt. Es steigt gegen Abend an und sorgt dafür, dass wir einschlafen können. Am Morgen geht die Produktion zurück und wir sind, wenn alles gut geht, ausgeschlafen und munter.“ Wird nun dieser natürliche Rhythmus gestört, etwa durch die Veränderung der Jahreszeit, der Zeitumstellung, durch künstliche Helligkeit, bei der Schichtarbeit, aber auch bei Reisen über die Zeitzonen, dann spüren wir: Unser körpereigener Rhythmus kommt durcheinander. „Im Normalfall macht sich die Umstellung durch vorübergehende Müdigkeit, aber auch durch diverse andere Unpässlichkeiten bemerkbar“, erklärt Seidel. „Wenn allerdings die Symptome nach etwa zwei bis drei Wochen nicht abklingen, könnte es sein, dass etwas anderes dahintersteckt. Sehr oft ist dies vor allem bei anhaltender Antriebslosigkeit eine Depression, die so schnell wie möglich in ärztliche Behandlung gehört.“

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