Sonntag, 26. Mai 2019

Gläserner Patient – Chance oder Gefahr?

Ausgabe 2014.02

Wie können wir Patienten von der neuen elektronischen Gesundheitsakte ELGA profitieren? Oder ist sie nur ein weiterer Schritt zur totalen Überwachung und Überbürokratisierung? Eine Analyse.


Foto: Can Stock Photo Inc. - photography33

in derzeit noch völlig unbrauchbares System“, meint Artur Wechselberger, Präsident der Österreichischen Ärztekammer. „Die üble Desinformation und versuchte Manipulation durch Teile der Ärzteschaft ist unerträglich“, schießt Hans Jörg Schelling, Vorsitzender des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, zurück. Was derzeit die Gemüter im österreichischen Gesundheitssystem so erregt, hat gerade einmal vier Buchstaben: ELGA. Und diese Abkürzung steht für „Elektronische Gesundheitsakte“. Doch was steckt hinter diesem neuen System?

GESÜNDER LEBEN klärt auf. Nicht nur GESÜNDER LEBEN-Leser sind ob des Hickhacks und der wechselseitigen Beschuldigungen verunsichert. Deshalb haben wir die wichtigsten Fragen und Antworten für Sie gesammelt. Denn: Sollten Sie, liebe Leserin, lieber Leser, ELGA ablehnen, können Sie sich ab sofort von diesem System abmelden. Sind Sie hingegen von den Vorzügen überzeugt, dann müssen Sie gar nichts tun, Sie nehmen automatisch an der elektronischen Gesundheitsakte teil.

Was ist ELGA?
ELGA ist ein Informationssystem, das Ärzten, Spitälern, Apotheken, aber auch Ihnen als Patient die Möglichkeit bietet, persönliche Gesundheitsdaten abzurufen. Die Idee dahinter: Im Falle einer medizinischen Betreuung bzw. Behandlung soll etwa der Arzt schnell auf wichtige Daten zugreifen können – etwa Vorbefunde, Entlassungsberichte, Informationen zur aktuellen Medikation etc. Dadurch soll die Diagnose verbessert und Doppelgleisigkeiten vermieden werden. Schelling: „Wer will schon zweimal zur Blutabnahme, sich mehrmals gefährlichen Strahlungen aussetzen oder auf den Check von Wechselwirkungen bei der Verschreibung von Medikamenten verzichten?“ Klingt einleuchtend. Das bringt uns jedoch zur zweiten Frage …

Warum sind so viele Ärzte skeptisch?
Der Österreichische Hausärzteverband bezeichnet das System als „unausgereift, intransparent, kompliziert, sündteuer und für den Notfall nicht geeignet“. Und da ist etwas dran. Denn sämtliche Befunde, Daten etc. werden in ELGA als einzelne PDF- oder Bilddateien abgespeichert. Wechselberger: „So wie das System jetzt aufgesetzt ist, müsste ein Arzt, der nach einem bestimmten Schlagwort sucht, jeden einzelnen Befund, Entlassungsbrief etc. öffnen. Diese Zeit hat ein Arzt nicht.“ Ein Argument, das durchaus plausibel ist. Gerade im Notfall wird kein Arzt minutenlang Datei für Datei öffnen, um eine spezielle Information zu suchen. Hans Zeger, Obmann der ARGE Daten, erläutert: „Damit ELGA richtig funktioniert, müsste es richtig umgesetzt sein.“ Doch laut Gesetzestext soll erst ab 2018 damit begonnen werden, über eine sinnvolle Strukturierung der Daten nachzudenken.
    
Und warum warnen so viele Datenschützer vor ELGA?
Die ARGE Daten hat berechnet, dass bis zu 100.000 Menschen direkten Zugriff auf ganz persönliche Gesundheits- und Krankendaten haben. Der Patient sei einer „undurchsichtigen Gesundheitsbürokratie“ ausgeliefert. Der österreichische Hausärzteverband spricht sogar von einem „Ende der ärztlichen Schweigepflicht“. Die ELGA-Verantwortlichen halten dem entgegen: Persönliche Daten sind nur abrufbar, wenn ein Patient aktuell bei einem Gesundheitsanbieter in Behandlung ist. Zudem hätten Ärzte, die für Behörden oder Versicherungen tätig sind, keinen Zugriff auf die ELGA-Daten. Außerdem hat jeder Patient die Möglichkeit, einzelne Dokumente „auszublenden“ und so quasi zu „löschen“. Prinzipiell sicher eine gute Möglichkeit, aber Hand aufs Herz: Wollen Sie sich als Laie durch Befunde/Röntgenbilder klicken, um danach festzulegen, ob ein spezieller Befund oder ein konkretes Röntgenbild allgemein abrufbar sein soll oder nicht? Positiv ist jedenfalls zu vermerken, dass jeder Patient im Internet nachsehen kann, wer seine persönlichen Daten abgefragt hat.

Wie kann ich als Patient auf meine gespeicherten Daten zugreifen?
Über das österreichische Gesundheitsportal www.gesundheit.gv.at kann jeder seine ELGA-Daten einsehen. Freilich: So einfach ist es dann auch wieder nicht. Denn für die Anmeldung am ELGA-Portal ist eine Bürgerkarte oder eine Handysignatur (Bürgerkartenhandy) erforderlich. Damit auch Ihr Handy zu einem virtuellen Ausweis im Internet wird, informieren Sie sich bitte auf www.buergerkarte.at. Eine Kritik ist in diesem Zusammenhang aber jedenfalls berechtigt: In Österreich sind 40 Prozent der über 60-Jährigen bzw. 70 Prozent der über 70-Jährigen nicht im Internet. Diese Personen haben somit keine Chance, ihre eigenen ELGA-Daten zu überprüfen. Und: Über die notwendige Handysignatur verfügen bislang nur rund 500.000 Österreicher …


Soll ich an ELGA teilnehmen?
Letztendlich muss und darf jeder Österreicher selbst entscheiden, ob er an ELGA teilnehmen will. Dafür spricht, dass in Zukunft sämtliche Gesundheitsdaten zwar nicht zentral gespeichert werden, aber für Ärzte etc. abrufbar sind. Das kann die Qualität der Behandlung steigern. Gegen ELGA spricht, dass das System noch nicht ausgereift ist und vielen Ärzten zusätzlichen Aufwand aufbürdet. Zudem kann niemand garantieren, dass persönliche Daten – trotz massiver Strafandrohung – nicht doch in falsche Hände geraten. Sollten Sie an ELGA teilnehmen wollen, dann haben Sie es leicht: Sie müssen gar nichts tun. In den nächsten Monaten wird das System aufgebaut, ab Herbst 2014 werden die ersten Daten abrufbar sein. Ab 2015 sollen dann alle ELGA-Gesundheitsdiensteanbieter mit der elektronischen Gesundheitsakte arbeiten.

Wie kann ich mich abmelden?
Wer jedoch Bedenken hat, der muss aktiv werden. Folgende Möglichkeiten stehen zur Wahl:

  • Sie rufen die Hotline unter der Telefonnummer 050 124 4411 an, beantragen ein Formular zum Austritt, das Sie dann zu Hause ausfüllen und wieder retournieren.
  • Sie melden sich mittels Handysignatur oder Bürgerkarte auf www.gesundheit.gv.at ab.
  • Sie füllen auf www.gesundheit.gv.at das Abmeldeformular online aus und drucken es aus. Dann kommt es – zusammen mit einer Kopie eines Ausweises! – in ein Kuvert und wird (am besten eingeschrieben) per Post retourniert.

 

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