Dienstag, 19. Februar 2019

Gewitter im Gehirn

Ausgabe 10/2011
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Jederzeit und ohne Vorwarnung kann ein epileptischer Anfall auftreten. Kurze Zeit später ist der Spuk wieder vorüber. Epilepsie begleitet die Betroffenen – und deren Mitmenschen – oft ein Leben lang. Doch die Therapiemöglichkeiten werden immer besser.

Foto: fotolia.com - ©Sebastian Kaulitzki
Ich dachte, mein Kind stirbt“, erinnert sich Katharina an den ersten epileptischen Anfall ihres Sohnes, der mittlerweile vier Jahre zurückliegt. Wenige Wochen später wurde Fabian, bis dahin ein kerngesundes Kind, drei Jahre alt. „Ich hätte mir nie gedacht, dass er krank sein könnte. Unser Leben veränderte sich von einem Tag auf den anderen schlagartig.“

In einem Teil der Fälle ist Epilepsie auf eine organische Erkrankung zurückzuführen. Manchmal kann sie auch durch eine Zyste oder einen Tumor im Gehirn ausgelöst werden – man spricht dann von einer symptomatischen Form. Nicht so bei Fabian. Er leidet unter einer sogenannten idiopathischen Epilepsie; die Ursachen liegen an einer Veränderung der Gene.

Von Beginn an zeigten Fabians Anfälle – zwischen 20 an guten und 100 an schlechten Tagen – mannigfache Symptome: „Mal krampft der ganze Körper. Mal sind die Anfälle nur einseitig und er hat etwa nur im Gesicht, nur am linken Arm oder Bein mehr oder weniger starke Zuckungen. Manchmal leidet er an Absencen, schaut also einfach ins Leere. Dann wieder sind es Sturzanfälle und er liegt plötzlich am Boden. Oder er rennt nur noch im Kreis herum. Gelegentlich sind die Anfälle mit Harnverlust verbunden. Daher muss er hin und wieder eine Windel anziehen“, so seine Mutter.

„Anfälle bei Kindern sind variationsreicher“
Dr. Edda Haberlandt, Leitende Ärztin an der Innsbrucker Universitätsklinik für  Pädiatrie, über Epilepsie bei Kindern.

GESÜNDER LEBEN: Unterscheidet sich Epilepsie bei Kindern von jener bei Erwachsenen?
Edda Haberlandt: Die Anfälle sind im Kindesalter wesentlich variationsreicher und damit auch schwieriger einzustufen. Die Symptome hängen von der Gehirnreifung ab. Es gibt zum Beispiel Anfallsarten, die nur im Säuglingsalter auftreten. Etwa ab dem zehnten Lebensjahr weisen Kinder vermehrt typische Anfallsformen, das heißt, wie jene von Erwachsenen auf.

GL: Das macht die Betreuung der Kleinen wohl schwierig?
Haberlandt: Ja. Außerdem berichten Kinder nur selten, wie sich ein Anfall ankündigt. Manchmal erzählen sie erst nach vielen Jahren, dass sie zu Beginn eines Anfalls etwa Halluzinationen mit Gespenstern haben. Auch dies ein Grund, warum Eltern mit ihrer Wahrnehmung der Anfallsereignisse sehr stark eingebunden werden. Ihre Beschreibungen helfen uns, die Anfallstypen einzuordnen und so eine entsprechende Therapie einzuleiten.

GL: Gibt es Therapie-Unterschiede?
Haberlandt: Die medikamentöse Behandlung muss an das Körperwachstum angepasst werden. Allerdings stehen wir oft vor dem Problem, dass viele der zur Verfügung stehenden Medikamente für unter Zehnjährige nicht zugelassen sind. Sind wir aber der Meinung, dass eines dieser Antiepileptika Erfolg haben kann, wird es in Absprache mit den Eltern „off-label-use“ verabreicht. Auch bei Kindern können rund zwei Drittel der Patienten gut eingestellt werden.


Gewitter mit Folgen. Epilepsie ist immer noch ein großes gesellschaftliches Tabu. Dabei zählt sie zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen. Derzeit gibt es in Österreich über 60.000 Epilepsiepatienten und jährlich kommen rund 3.000 dazu. Neuerkrankungen treten insbesondere bei Kindern und ab dem 60. Lebensjahr auf. Und etwa jeder Zehnte erleidet im Laufe seines Lebens zumindest einen epileptischen Anfall, auch „Gelegenheitsanfall“ genannt. So viel zu den Zahlen. Doch: Was ist Epilepsie eigentlich? „Bei einem epileptischen Anfall kommt es zu exzessiven, hypersynchronen neuronalen Entladungen. Diese unspezifischen Reaktionsformen des Gehirns auf unterschiedliche Reize können unprovoziert oder provoziert auftreten“, erklärt Dr. Iris Unterberger, Leitende Oberärztin an der Innsbrucker Universitätsklinik für Neurologie. Ein epileptischer Anfall ist am ehesten mit einem Gewitter oder einem Kurzschluss vergleichbar. Laut der Internationalen Liga gegen Epilepsie ist für die Diagnose „Epilepsie“ übrigens nur ein unprovozierter Anfall nötig, wenn zusätzlich Elektroenzephalogramm (EEG) und Magnetresonanztomographie (MRT) entsprechende Befunde liefern.


Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Gewitter im Gehirn
Seite 2 Die Anfälle können sehr unterschiedlich verlaufen.
Seite 3 Das Behandlungsziel

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