Mittwoch, 22. Mai 2019

Gesundheit durch Harmonie

Ausgabe 06/2011
Ganzheitliche Sicht und individuell maßgeschneiderte Behandlungskonzepte sind die Stärken der Traditionellen Chinesischen Medizin. Kein Wunder, dass immer mehr Österreicher dieser jahrtausendealten Heilkunst vertrauen.

Foto: istockphoto.com - Yi Lu
Von der Akupunktur bis hin zu den vielen Tausenden verschiedenen Arzneipflanzen – die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) boomt. Und sie wirkt: Seit über 4.000 Jahren wird TCM mit großem Erfolg praktiziert und im Westen steigt die Nachfrage nach Angeboten, die die klassische Schulmedizin ergänzen, seit Jahren an. Rund 70 Prozent der Österreicher wollen zusätzliche komplementärmedizinische Angebote, die
Akzeptanz der TCM ist mit 80 Prozent besonders hoch.

Immer mehr TCM-Ärzte
Doch nicht nur in der Bevölkerung, auch bei den Ärzten ist das Interesse an TCM groß. Das dafür notwendige Wissen wird in Österreich von mehreren Ausbildungsorganisationen vermittelt, die sich unter dem Dachverband TCM zusammengeschlossen haben. Generell ist in Österreich die Vernetzung der TCM mit der Schulmedizin hoch. Für Ärzte gibt es bei der Ärztekammer entsprechende Fortbildungsdiplome: Österreichweit können 2.236 Ärzte ein Diplom für Akupunktur und 162 Mediziner ein Diplom für chinesische Diagnostik und Arzneimittellehre vorweisen – Tendenz steigend.

Eine der ersten TCM-Ärztinnen in Wien war Dr. Verena Baustädter. 1994 eröffnete die Allgemeinmedizinerin ihre TCM-Praxis, heute ist sie Leiterin der Wiener Schule für TCM, die auf Arzneimittel- und Ernährungslehre spezialisiert ist. Denn die Anforderungen an TCM-Ärzte sind hoch, sagt Baustädter: „Um TCM zu verstehen und erfolgreich anwenden zu können, ist eine fundierte Ausbildung notwendig.“

Östliche Philosophie
Ganzheitliche Sicht und Behandlung des Individuums sind Grundprinzipien der TCM. „Während es in der westlich orientierten Medizin vor allem um Befunde geht, steht in der chinesischen Heilkunde die Befindlichkeit im Vordergrund“, sagt Ärztin Baustädter. Diese Sichtweise war es auch, die sie zur TCM gezogen hat: „Es werden alle Ebenen – die psychische, mentale, emotionale und physische – sowie Familie, Beruf und Umwelt in die Anamnese und Diagnostik einbezogen. Alle Lebensbereiche sind miteinander verbunden und nicht trennbar.“

Harmonie oder Ungleichgewicht?
Die TCM basiert auf der bekannten Yin-Yang-Theorie von der Harmonie der Gegensätze. Bezogen auf den Körper bedeutet das, dass ein Mensch gesund ist, wenn Yin und Yang im Gleichgewicht sind und seine Lebensenergie Qi ungehindert durch den ganzen Körper fließen kann. Krankheiten entstehen u.a. durch Ungleichgewichte von Yin und Yang, aber auch durch Behinderung des freien Flusses von Qi.

Ziel jeder Behandlung ist also, dass die Energie wieder frei fließen kann. Baustädter: „Die Lebenskraft Qi fließt zusammen mit Blut in sogenannten Meridianen, die Energie und Nährstoffe zu den verschiedenen Organen transportieren. Wenn man also in der chinesischen Medizin von Organen wie Lunge oder Magen spricht, ist damit nicht nur das Organ gemeint, sondern ein ganzes System von Zuordnungen unter anderem auch die damit zusammenhängende Energiebahn, der Meridian.“

Auf diesen Prinzipien basiert auch die Diagnostik. „Wesentlich für die Praxis ist, dass Yin und Yang eine Einheit bilden und einander ergänzen. Sind sie im Gleichgewicht, befindet sich der Organismus in einem harmonischen Zustand, kommt es zu Disharmonien, entstehen Störungen und Krankheiten.“ Beispielsweise wird akuter Husten dem Yang zugeordnet, chronischer Husten dem Yin. „Allein bei dem im Rahmen von Erkältungskranken auftretenden Husten werden in der TCM 17 verschiedene Formen unterschieden, die alle anders behandelt werden müssen“, veranschaulicht Baustädter das komplexe Diagnosesystem der alten Heilkunst.

Beim TCM-Arzt
Damit TCM-Ärzte nicht den Überblick verlieren, gibt es einen fein ausgefeilten Fragenkatalog, der die verschiedenen Symptom- bzw. Krankheitsmuster erfasst.

Am Beginn jeder TCM-Behandlung steht daher ein Gespräch, das bis zu eineinhalb Stunden dauern kann. Inklusive körperlicher Untersuchung erfolgt dann die Diagnosestellung mit Hilfe der Zungen- und Pulsdiagnostik. In der TCM ist die Zunge ein Spiegel des Körpers. Baustädter: „Beurteilt werden Form, Farbe, Spannkraft, Beweglichkeit und Belag der Zunge – all das gibt Aufschluss über die Grundkonstitution des Patienten, die Verfassung der Organe und den energetischen Zustand.“

In der Pulstastung werden wiederum 28 Pulsqualitäten unterschieden und getastet wird auf drei Ebenen – oberflächlich, mittel, tief. „Daraus gibt sich ein differenziertes Gesamtbild und wir können aus dem Methodenspektrum der TCM ein ganz individuelles Behandlungspaket für den Patienten schnüren. Das Setzen von Nadeln nach einem starren Schema oder eine Standard- Kräuterrezeptur kann zwar unter Umständen zur kurzfristigen Linderung der Beschwerden führen, ein nachhaltiger Erfolg ist aber unwahrscheinlich.“

Die fünf Säulen der Therapie
Fünf Behandlungsmethoden stehen in der TCM zur Verfügung: Akupunktur, Ernährung, Bewegung, Kräutertherapie und Tuina-Massage (siehe Kasten nebenan). Neben der Akupunktur hat mittlerweile auch die chinesische Kräutermedizin einen festen Platz im Westen. „Dass die Therapie mit chinesischen Arzneimitteln auf große Resonanz stößt, obwohl sie nicht gut schmeckt und teuer ist, hat einen einfachen Grund“, erklärt Baustädter, „sie hilft.“ Und diese gute Wirksamkeit ist vor allem auf die genaue und systematische Klassifizierung der Arzneien zurückzuführen. „Das Arzneimittel passt zur Diagnostik wie der berühmte Schlüssel ins Schloss“.

„Wir verordnen zu 99 Prozent pflanzliche oder mineralische Präparate“, betont die TCM-Ärztin. „Sollte es für den Behandlungserfolg sehr wichtig sein, ein Tierprodukt zu verwenden, wird das mit dem Patienten vorher besprochen. Und wenn die Arzneien nach Rezept in einer Apotheke hergestellt werden, kann man auch sicher sein, dass alle Qualitätsrichtlinien wie Identifikation, Untersuchung auf Pestizide, Herbizide, Schadstoffe und Artenschutz eingehalten werden.“ Der Kauf von Kräutern oder Mixturen im Chinashop, am Markt oder übers Internet ist allerdings weniger zu empfehlen. Ganz neu ist zudem der Trend, statt chinesischen westliche Heilkräuter in der TCM einzusetzen. Fixer Bestandteil des Rundum-Pakets ist eine Ernährungsberatung. Entsprechend der chinesischen Philosophie wird auch in der Ernährung auf Extreme verzichtet, um Harmonie zu erreichen. Kranke sollten den Körper mit den richtigen, dem Element entsprechenden Nahrungsmitteln stärken. Welche Nahrungsmittel geeignet sind, wird nach der TCM-Diagnostik mit dem Patienten besprochen.

Motivierte Patienten
Im alten China wurde der Arzt nur bezahlt, solange der „Patient“ gesund war. Davon können heute Patienten in China wie in Österreich nur träumen. Hierzulande müssen Akupunktursitzungen, Ernährungsberatungen, Kräuterrezepturen und Tuina-Massagen fast ausschließlich aus privater Tasche bezahlt werden. Natürlich wünscht man sich hier seitens des TCM-Dachverbandes eine Änderung – doch ganz ohne Selbstbehalt würde auch TCM-Ärztin Baustädter nicht arbeiten wollen: „Sobald etwas was kostet, ist es auch etwas wert. Zu mir kommen hoch motivierte Patienten, die auch aktiv etwas für ihre Gesundheit tun wollen, und das keineswegs nur aus finanzkräftigen Schichten.“

TCM, KräuterFoto: istockphoto.com - Elena Elisseeva

Westliche Kräuter in der TCM

Chinesische Medizin mit Liebstöckl, Lavendel, Salbei & Co? Einen ganz neuen Ansatz bietet die Therapie mit westlichen Kräutern nach den Maßstäben der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Erfahrene Therapeuten schlagen so eine Brücke zwischen östlicher und westlicher Naturheilkunde, sie schaffen eine Verbindung zwischen schulmedizinischen Indikationsmustern und dem östlichen Prinzip vom energetischen Wesen der Pflanzen. Letztes lässt sich aber auch bei der heimischen Kräuterpalette anwenden, weiß die Allgemeinmedizinerin und TCM-Ärztin Dr. Katharina Krassnig. In der Wiener Schule für TCM ist Krassnig zuständig für den neuen Ausbildungslehrgang „Westliche Heilkräuter und Traditionelle Chinesische Medizin.“ Bereits über hundert Ärzte haben diese Ausbildung absolviert.

Frau Dr. Krassnig, welche Arzneimittel werden in der TCM verwendet?
Die Arzneimitteltherapie ist mit über 3.000 Kräutern, Mineralstoffen und tierischen Produkten die Königsdisziplin der chinesischen Medizin. TCM-Ärzte in Europa arbeiten jedoch nur mit einem kleinen Teil dieser breiten Palette, mit in etwa 300 gut beschrieben chinesischen Pflanzen und eher selten mit Mineralien oder Tierprodukten.

Wie unterscheiden sich westliche und östliche Kräutermedizin?
Interessanterweise gibt es für beide erste Schriftdokumente aus der Zeit 400–500 v. Chr. Die alte Medizin des Westens hatte ebenso wie die TCM ganzheitlich philosophische Grundgedanken und eine Elementenlehre. In der wissenschaftlich pharmakologisch orientierten Phytotherapie ist diese ganzheitliche Sichtweise allerdings verloren gegangen.

In der TCM spricht man von den energetischen Eigenschaften einer Heilpflanze – was versteht man darunter?
Es gibt eine Klassifikation der Arzneien nach Temperaturwirkung, Geschmack, Meridianzugehörigkeit und ihrer Wirkung auf die Lebensenergie Qi. Auf diese Weise kann man Diagnose und Arzneimittel exakt auf einander abstimmen. Voraussetzung dafür ist allerdings eine punktgenaue Diagnose.

Ist diese Einteilung auch für westliche Kräuter anwendbar?
Der Biologe Jeremy Ross hat vor 25 Jahren begonnen, westliche Heilkräuter nach diesen Kriterien zu klassifizieren, er hat dabei auch die Erkenntnisse der westlichen wissenschaftlichen Phytotherapie miteinbezogen. Bislang 120 Kräuter sind so erfasst und klassifiziert worden.

Können somit TCM-Rezepte auch aus westlichen Kräutern zusammengestellt werden?
Viele TCM-Ärzte tun dies bereits. Die heimischen Kräutermischungen werden üblicherweise als Tees oder Tinkturen – also alkoholische Auszüge – aufbereitet. Von chinesischen Arzneimitteln werden traditionell in zum Teil mehrstündigen Kochprozessen Absude, sogenannte „Dekokte“, herstellt. Weniger aufwendig sind Granulate aus pulverisierten Kräuterkonzentraten.

Wie man an der Unzahl von Entschlackungs-, Entspannungs-, Frauen- und Nerventees sieht, boomt der Kräutermarkt – wie sehen Sie diese Entwicklung?
Prinzipiell gut. Doch das Besondere ist, dass in der TCM nicht Einzelkräuter, sondern Kräuterkombinationen verschrieben werden und das nach sehr genauer Diagnostik, das machen wir auch mit westlichen Kräutern nach TCM. Ich verwende fünf bis sieben Kräuter in einer Rezeptur. Bei sachgerechter Kombination können so Synergien der Kräuter genützt und die einzelnen Pflanzen niedriger dosiert werden. Auch unerwünschte Wirkungen einer Heilpflanze werden durch andere Kräuter aufgehoben oder neutralisiert.

Was sind Vorteile für Patienten, wenn TCM-Phytotherapie mit westlichen Pflanzen erfolgt?
Westliche Kräuter haben den Vorteil, dass sie kostengünstiger sind. Dekokte aus chinesischen Pflanzen kosten zirka 20–50 Euro, eine Tinktur aus heimischen Kräutern 15–17 Euro, wenn wir Mengen vergleichen, mit denen man in etwa zwölf Tage auskommt, einem Zeitraum in dem ein Ansprechen feststellbar sein sollte. Außerdem sind sie uns natürlich vertrauter.

Bei welchen Erkrankungen spielen Pflanzenarzneien eine große Rolle?
Traditionell bei Befindlichkeitsstörungen wie z.B. nervöser Magen, Verdauungs- oder Kreislaufbeschwerden. Oft werden sie auch in Ergänzung zur Schulmedizin verschrieben, um deren Verträglichkeit zu verbessern und Nebenwirkungen abzuschwächen, z.B. bei einer Chemotherapie.

Ist die Phytotherapie nach TCM für jeden geeignet?
Vorsicht ist bei Babys und Kleinkindern geboten, außerdem ist die schulmedizinische Diagnostik und Abklärung wichtig. Ebenso müssen Allergien und Wechselwirkungen mit anderen Therapien bzw. Medikamenten berücksichtigt werden. Wenn einer meiner Patienten bei einem anderen Arzt in Behandlung ist, spreche ich mich ab. Die auf TCM basierenden Kräutermischungen können viel bewirken, eignen sich aber ganz sicher nicht zur Selbstmedikation.

Frau, Kräuter. LaborFoto: istockphoto.com - alexey_ds

Chinesische Medizin: Die fünf Säulen der Therapie

Akupunktur
Die feine Nadelkunst ist hierzulande am bekanntesten. Bei manchen Indikationen gibt es eine geringe Rückerstattung durch die Krankenkassen, Voraussetzung ist, dass der Arzt ein Ärztekammer-Diplom für Akupunktur besitzt .
Infos: z.B. Österreichische Wissenschaftliche Ärztegesellschaft für Akupunktur, www.akupunktur.org (mit Suchmaschine für Akupunktur-Ärzte unter „Patienten“)

Chinesische Arzneimitteltherapie
Österreichische TCM-Mediziner beschränken sich in der Regel auf Kräuter und mineralische Präparate. Einige private Versicherungen übernehmen die Behandlungskosten, Ihr Arzt sollte das Ärztekammer-Diplom für chinesische Diagnostik und Arzneimitteltherapie haben. Infos: z.B. Wiener Schule für TCM, www.wstcm.at; Zentrum für TCM – Donau­universität, www.donau-uni.ac.at/ztcm

Chinesische Ernährungslehre
Das Prinzip der Ausgewogenheit und das Vermeiden von Extremen kann auch auf heimische Nahrungsmittel angewendet werden. Individuell abgestimmte Ernährungsempfehlungen eignen sich zur Gesundheitsvorsorge, unterstützen aber auch die Therapie. Ausschließlich private Zahlung.
Infos: z.B. Gesellschaft für Ernährung nach den fünf Elementen, www.tcm-ernaehrung.at (Suchmaschine für ErnährungsberaterInnen sowie Buchtipps)

Chinesische Bewegungslehre Qigong & Tai-Chi
Qigong- und Tai Chi-Übungen sind zum Teil über 4.000 Jahre alt. Ziel ist die Gesunderhaltung und Gesundung durch Bündelung der Lebensenergie Qi. Kurse werden nahezu überall angeboten von Volkshochschulen bis hin zu spezialisierten Instituten. Ausschließlich private Zahlung.
Infos: z.B. Taiji & Qigong Gesellschaft Österreich; www.tqg.at; Interessensvertretung der Qigong-, Taiji Quan- und Yi Quan-Lehrenden Österreichs, www.iqtoe.at

Tuina-Massage
Die chinesische Art der Manualtherapie ist eine Mischung aus Chiropraktik, Energiemassage und Akupressur. Ärzte, Physiotherapeuten und diplomierte Masseure können eine entsprechende Ausbildung machen. Ausschließlich private Zahlung.
Infos: z.B. Österreichischer Arbeitskreis für Tuinatherapie, www.akupunktur.at

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