Gesunder Rücken

Ausgabe 04/2012
Es ist ein Kreuz mit dem Kreuz. Und wenn wir dann auch noch die Last der ganzen Welt auf den Schultern tragen, stellen sich fast unweigerlich Rückenschmerzen ein. GESÜNDER LEBEN erklärt, was es rund um die Wirbelsäule zu beachten gilt.

Foto: istock.com - Nenad Aksic
Nicht selten wird bei Unternehmern oder Managern von einem „starken Rückgrat“ gesprochen. Dabei haben sie ein solches oft nur im übertragenen Sinn. Die meisten erfolgreichen Business-People sind nämlich eifrige Schreibtischtäter und gerade diese leiden häufig unter Rückenschmerzen. Doch Rückenschmerz ist nicht gleich Rückenschmerz! Schließlich wird die Wirbelsäule in drei Abschnitte eingeteilt: Sprechen Laien von Hals und Nacken, ist damit die sehr bewegliche Halswirbelsäule gemeint, die aus den obersten sieben Wirbel besteht. Die nächsten zwölf Wirbel, gemeinhin als „Rücken“ bezeichnet, bilden die Brustwirbelsäule. Sie ist relativ unbeweglich, da sie mit den Rippen des Brustkorbs verbunden ist und Herz sowie Lunge schützt. Darunter liegt die aus fünf Bauteilen bestehende, überaus biegsame Lendenwirbelsäule – das „Kreuz“. Die Hauptlast unseres Körpergewichts liegt in aufrechter Position auf dem letzten Lendenwirbel und der Bandscheibenverbindung zum Kreuzbein.

36,4 % der Österreicher sagen, dass sie Rückenschmerzen haben.

Wunderbare Wirbelsäule. Ein, wie er selbst sagt, begeisterter Bewunderer der so vielfältigen Funktionen der Wirbelsäule ist der renommierte Wiener Orthopäde und Leiter der Abteilung für Orthopädische Schmerztherapie im Orthopädischen Spital Speising, Martin Friedrich: „Die Wirbelsäule muss uns aufrecht halten, den Kopf tragen und dem ganzen Körper Festigkeit verleihen. Sie ist das Achsenorgan, an dem die Muskeln ansetzen und das mit sämtlichen Organen reflektorisch verbunden ist. Zudem gehen Nerven und Gefäße durch sie hindurch und das Rückenmark reicht bis in die obere Lendenwirbelsäule. Trotzdem wollen wir, dass die Wirbelsäule auch beweglich ist.“ Gerade in dieser Widersprüchlichkeit liegt die Anfälligkeit.

Checkliste
Schmerzen, die auf ein Rückenleiden deuten:
  • Ausgangspunkt Halswirbelsäule: z. B. Kopfschmerzen (v. a. am Hinterkopf, aber auch bis in die Stirn), Schwindel.
  • Ausgangspunkt Brustwirbelsäule: z. B. „Pseudoherzschmerz“ (med. Pseudostenokardien) – fühlt sich an wie ein Herzschmerz, rührt aber von Funktionsstörungen bzw. Blockaden im Bereich der oberen und mittleren Brustwirbelsäulen her. WICHTIG: Zuerst zum Kardiologen, um ein Herzleiden auszuschließen!
  • Ausgangspunkt Bandscheiben/Lendenwirbelsäule: Schmerzen in Beinen, Waden und Füßen, mitunter sogar Lähmungserscheinungen, Fuß bleibt hängen.
  • Ausgangspunkt Bandscheiben/Halswirbelsäule: Schmerzen in Armen und Fingern, ungutes Hautgefühl, Kribbeln als liefen Ameisen über die Hand.


Volkskrankheit Rückenleiden. Wirklich aussagekräftige Daten darüber, wie viele Menschen hierzulande Rückenprobleme haben, gibt es leider nicht – bis auf eine 2005 von Friedrich und seinen Mitarbeitern durchgeführte Studie: Von 500 für Österreich repräsentativen Personen gaben 36,4 % an, dass sie in den letzten drei Wochen Schmerzen im Bereich des Bewegungsapparats hatten. Davon litten wiederum über 43 % unter Kreuzschmerzen, beinahe 43 % unter Nackenschmerzen und etwas über 36 % unter Rückenschmerzen.

Weitere Übungen finden Sie auf www.gesünderleben.at/fitness

Bewegung stärkt unseren Rücken! Es stimme schon, dass übergewichtige Menschen öfter mit Rückenproblemen zu kämpfen haben. „Allerdings liegt das weniger am Gewicht, als vielmehr an mangelnder Bewegung und fehlerhafter Haltung. Ein weiterer Risikofaktor: tägliche Tätigkeiten, die mit Fehl- und Überlastungen einhergehen“, so Universitätsprofessor Friedrich. Zudem gibt es oft eine genetische und vor allem eine psychische Komponente. Letzteres ist allerdings ein „Henne-Ei-Problem“: Hat man längere Zeit Schmerzen, wird man depressiv. Leidet man andererseits unter Depressionen, Stress oder Angst, nimmt man mitunter eine schlechte Haltung ein, die Muskulatur verkrampft sich und Rücken- bzw. Nackenschmerzen sind die Folge. Daher gehört die Psyche insbesondere bei chronischen Rückenschmerzen mitbehandelt.

So bleibt Ihr Rücken gesund!
Ergotherapeutin Doris Taurok hat die besten Tipps zum Vorbeugen:
  • Arbeitsplatz. Knie-, Hüft- und Ellenbogengelenke sollen rechtwinkelig gebeugt sein; oberste Bildschirmzeile sollte sich etwas unterhalb der Augenhöhe befinden; wenn nötig: Arbeitsplatz mit Hilfe eines Ergotherapeuten umgestalten.
  • Bewegung in der Freizeit. Schwimmen, Nordic Walking, Yoga, spazieren gehen u. a. m. Da die meisten von uns nur wenig Zeit finden, sollten Sie das tun, was Ihnen wirklich Spaß macht.
  • Bewegung bei der Arbeit. Sofern möglich alle 30 Minuten kurze Bewegungsimpulse einbauen. Sitz- oder Stehhaltung verändern, Schultern kreisen, Arme strecken, Knie anwinkeln, beim Telefonieren gehen/aufstehen; Drucker, Faxgerät nicht direkt beim Rechner platzieren. Schon ein kleines Fitnessprogramm kann Wunder wirken!
  • Schwere Lasten heben. Knie und Hüfte beugen, Muskeln anspannen und mit geradem Rücken hochheben.


Stichwort: chronisch. Sind die Schmerzen vorübergehend, muss nicht zwingend ein Arzt konsultiert werden. Sind sie jedoch wiederkehrend und nehmen eine Intensität an, dass es ohne Schmerzmittel nicht mehr geht, sollte man auf jeden Fall zum Arzt gehen. Die Medizin unterscheidet zum einen zwischen akut und chronisch. Friedrich: „Von chronischen Rückenschmerzen wird gesprochen, wenn diese länger als drei Monate andauern. Wobei der Vorgang der Chronifizierung schleichend stattfindet. Daher ist es sehr wichtig, dass sich der Patient selbst beobachtet.“ Zum anderen gibt es spezifische und unspezifische Schmerzen. Bei gut 85 % der Kreuzschmerzen handelt es sich um Letztere und somit beispielsweise um muskuläre Verspannungen oder (leichte) Bänderirritationen. Wenngleich unspezifische, akute Schmerzen nicht einmal mithilfe neuester MRTs festgestellt werden können, handelt es sich zumeist um keine gefährliche Erkrankung und es ist anzunehmen, dass die Beschwerden bald vorübergehen. Laut Friedrich ist diese Information für den Patienten sehr wichtig, weil dadurch verhindert werden kann, dass er vor Schmerz in Ruhe „erstarrt“. Und wie noch zu lesen sein wird: Bewegung muss sein. Bei der Diagnose werde in erster Linie ausgeschlossen, ob es sich um ein spezifisches Leiden handelt: „Ob eine organische Ursache bzw. eine Strukturveränderung zugrunde liegt, können wir vor allem beim akuten Schmerz sehr gut anhand der Krankengeschichte feststellen. Jedenfalls aber müssen Warnhinweise auf spezifische Wirbelsäulenschmerzen erfragt werden, also Schmerzen aufgrund von Entzündungen, Tumoren, Verletzungen und Nervenwurzelirritationen.“ Übrigens: Probleme der Wirbelsäule spürt man mitunter an ganz anderen Stellen, etwa in den Beinen, Fingern oder auch im Kopf.

Bewegung ist für den Rücken das allerbeste! Bauen Sie auch in der Arbeit kurze Bewegungsimpulse ein!



Nicht ins Bett sondern Bewegung! Operiert wird in den wenigsten Fällen, nicht zuletzt da die Möglichkeiten der nichtoperativen Therapie immer besser werden. Außerdem gilt: Je individueller behandelt wird, desto besser. Demnach erarbeiten Orthopäde und Physiotherapeut gemeinsam ein auf den Patient abgestimmtes (Übungs-)Programm. Zusätzlich können bei entsprechenden Befunden Massagen, Neuraltherapie und manuelle Medizin hilfreich sein. Das Um und Auf ist jedoch die Bewegung, denn der Bewegungsapparat heißt nicht nur so, er verlangt auch danach – selbst mit Rückenschmerzen. Sich ins Bett zu begeben, ist unzuträglich, was laut Professor Friedrich mehrfach in Studien belegt wurde: „Man darf die Beine schon mal hochlagern. Doch wir empfehlen unseren Patienten, ihren Alltagsgewohnheiten nachzugehen. Sollte dies aufgrund der Schmerzen unmöglich erscheinen, helfen Medikamente.“ Es ist nämlich so, dass es sehr rasch zu einer Reduktion der Muskulatur kommt. Womit man sich schon mittendrin im Teufelskreis befände, braucht doch die Wirbelsäule eine starke Rücken- und Bauchmuskulatur sowie, besonders Frauen, einen durchtrainierten Beckenboden.

Bandscheiben:
ruckenFoto: istock.com - Jeannet OlivetDie Stoßdämpfer des Körpers

Sie liegen zwischen den Wirbeln, sind eine Art Stoßdämpfer und machen etwa ein Viertel der Höhe der Wirbelsäule aus. Sie bestehen aus einem faserigen äußeren Ring und einem gallertigen, weichen Kern, der nicht durchblutet wird. Da der Kern durch normale Alltagsbelastungen zusammengedrückt wird, ist man abends mitunter bis zu zwei Zentimeter kleiner als morgens. Liegen entlastet die Bandscheiben.


Vorbeugen ist besser als nachheilen. Auch um Rückenbeschwerden vorzubeugen, leistet Bewegung einen sinnvollen Beitrag, weiß Doris Taurok, Leiterin der Ergotherapie am Orthopädischen Spital Speising: „Je größer das Bewegungsrepertoire, umso geringer das Risiko, sich falsch bzw. einseitig zu bewegen. Die Wirbelsäule mag nichts Einseitiges.“ Zudem sollte man nach Möglichkeit den Bereich stärken, bei dem man Defizite hat. Das heißt: Beweglichen Menschen fehlt es nicht selten an Muskelmasse und somit treten mitunter Beschwerden auf, weil sie ihren Körper nicht muskulär kontrollieren können. Dem Steifen, der meist Muskeln hat, wird indes empfohlen, seine Beweglichkeit zu trainieren. Apropos: Wer ein Rückenleiden erfolgreich überwunden hat, sollte sein Übungsprogramm auch dann fortsetzen, wenn er keine Schmerzen mehr spürt. Denn nur so wird er die Welt, die sicher wieder einmal auf seinen Schultern lastet, auch weiterhin beschwerdefrei ertragen können.


Weitere Informationen finden Sie im Buch „Rückhalt für den Rücken“ von Univ. Prof. Dr. Martin Friedrich und Hannelore Mezei bzw. auf der Homepage des Orthopädischen Spitals Speising unter www.oss.at.
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