Montag, 16. September 2019

Gesunder Darm … und plötzlich geht’s mir gut!

Ausgabe 2017.09

„Da krampft es mir den Bauch zusammen“ oder „Das muss ich erst einmal verdauen“, – das hat wohl schon jeder einmal in einer belastenden Situation gesagt. gesünder leben zeigt, wie der Darm unser Wohlbefinden und unser seelisches Gleichgewicht steuert. Und was Sie gegen Reizdarm und Bauchbeschwerden tun können.


Foto: iStock - Peopleimages

Der Zusammenhang von Darm und Psyche ist seit Jahrhunderten und in vielen verschiedenen Kulturen bekannt. Der Magen-Darm-Trakt ist lernfähig und von der Psyche und den Erwartungen abhängig. Das bekannteste Beispiel ist der Pawlow´sche’ Hund, der immer bei einem Glockenton Futter bekam. Nach mehreren Wiederholungen war schon allein beim Glockenton, ohne Futtergabe, in seinem Maul Speichelfluss zu beobachten“, erklärt Univ.-Prof. Dr. med. Gabriele Moser, Leiterin der Ambulanz für gastroenterologische Psychosomatik, die seit 1991 im AKH Wien besteht.

Der Bauch informiert das Gehirn. Wir Menschen sind ja stolz auf unser komplexes Gehirn. In den neuesten Forschungen findet aber ein Umdenken statt, die absolute Vormachtstellung des Gehirns wird hinterfragt und ein Organ rückt in den Vordergrund: der Darm. Unser Darm hat sogar eine ganz enge Beziehung zu unserem Gehirn – kein Wunder, sie haben den gleichen Ursprung! Wir haben Nervenzellen im Gehirn, aber es gibt ebensolche im Darm. Das kommt daher, weil bereits bei der Entwicklung des Embryos in der Schwangerschaft ein Teil des Gewebes, das für die Nervenentstehung zuständig ist, in das zukünftige Gehirn und das Rückenmark wandert. Dort wird es später zum sogenannten zentralen Nervensystem (ZNS). Ein anderer Teil desselben embryonalen Ausgangsgewebes wandert in den Bauch und lagert sich später an den gesamten Verdauungstrakt an, insbesondere an den Darm. Man nennt es das enterische Nervensystem (ENS), das wegen seiner vielen Nervenzellen auch manchmal als unser Bauchgehirn bezeichnet wird. Vom ZNS gehen zehn Hauptnerven in den Körper, die sogenannten Hirnnerven. Einer davon verbindet das ZNS direkt mit dem ENS: der Nervus vagus. Bisher dachte die Medizin, dass das Gehirn über den Vagus den Bauch „dirigiert“. Tatsächlich ist es jedoch umgekehrt. „90 Prozent der Signale gehen vom Bauch zum Gehirn, nur 10 Prozent schickt das Gehirn zum Bauch. Das funktioniert über den Nervus vagus“, bestätigt Professor Moser. Ihr Fazit: „Alle funktionellen Störungen im Magen-Darm-Bereich sind Störungen der Gehirn-Bauch-Achse. Sie können beispielsweise durch Stress oder schwere Entzündungen wie bei Darminfektionen mit Störung des Gleichgewichts der Bakterien im Darm bedingt sein.“

Reizdarm durch Stress. Die beiden Nervensysteme kommunizieren über Botenstoffe, sogenannte Neurotransmitter. Bekannte Beispiele dafür sind Serotonin, das oft auch als „Glückshormon“ bezeichnet wird, Dopamin, das zum Beispiel unsere Motivation verbessert, oder auch Gamma-Aminobuttersäure (GABA), ein hemmend und beruhigend wirkender Neurotransmitter im Nervensystem. Alle diese Botenstoffe werden sowohl im ZNS wie auch im ENS gebildet und als Information „verstanden“, weil beide Systeme so nah verwandt sind. Und genau hier setzt die Wirkung des Bauches auf die Psyche ein! „Das Reizdarmsyndrom ist nur eine von einer Vielzahl von Störungen im menschlichen Körper, die von der Psyche mitbestimmt sind und keine primär erkennbare organische Ursache haben“, erklärt Moser. „Es gehören auch der Reizmagen oder das Globusgefühl im Hals dazu. Eigentlich kann der gesamte Verdauungstrakt vom Mund bis zum After von diesen funktionellen Beschwerden betroffen sein.“ Das gilt aber auch für alle anderen Organe, deren Funktion ohne einen nachweisbaren Grund gestört ist, also z. B. im urologischen Bereich die Reizblase oder auch für Lunge und Herz. „Oftmals haben Menschen mit einem Reizdarmsyndrom auch eine Reizblase oder Herzklopfen. Das vegetative System wird auch bei einem völlig gesunden Menschen sehr von der Psyche beeinflusst. Wenn dann Beschwerden daraus werden und eine Überempfindlichkeit entsteht, die das ganze Leben beeinträchtigt, muss und kann man etwas dagegen tun“, macht Moser Betroffenen Hoffnung. Und: „Sie sind nicht alleine, denn diese sogenannten funktionellen gastrointestinalen Störungen (FGIS) wie das Reizdarmsyndrom kommen weltweit bei ca. 20 Prozent der Bevölkerung vor.“

Psychotherapie und Hypnose statt Medikamente. Gerade für das Reizdarmsyndrom wurden verschiedene psychotherapeutische Methoden wie z. B. Verhaltenstherapie, psychodynamische Therapie, Hypnotherapie oder Entspannungstechniken untersucht und sie zeigen eine deutlich bessere Wirkung als die alleinige Gabe von Medikamenten. Besonders erfolgreich ist der Einsatz einer spezifisch auf den Bauch gerichteten Hypnose zur Behandlung von Reizdarmsyndrom oder funktionellen Oberbauchbeschwerden. „Der Ruf der Hypnose als Psychotherapie mag durch den Einsatz von Showhypnosen gelitten haben, sie ist aber eine der ältesten Behandlungsmethoden der Menschheit für körperliche und seelische Störungen. In wissenschaftlichen Studien mit standardisierten Methoden wurde nachgewiesen, dass sich Magen-Darm-Funktionen unter dem Einfluss von Hypnose verändern“, erklärt Moser. Daher wird im AKH Wien eine speziell auf den Bauch gerichtete Hypnose in Gruppentherapie für die Betroffenen kostenlos angeboten. „Für besonders ängstliche Patienten, die nicht in eine Gruppentherapie gehen wollen, oder Menschen mit Mehrfachbeschwerden, die auch zusätzliche psychotherapeutische Gespräche benötigen, empfehle ich eine Einzeltherapie. Leider übernehmen die Krankenkassen nur einen Teil dieser Kosten und es gibt nur wenige auf diese bauchbezogenene Hypnotherapie spezialisierte Kassentherapeuten“, fügt die Spezialistin hinzu.

Darm und Depressionen. Verschiedene wissenschaftliche Studien haben bestätigt, dass unser Darm direkt mit dem Gefühlszentrum im Gehirn in Kontakt steht. Nicht nur die Ernährung, sondern auch das Immunsystem und sogar die Darmflora sind offenbar in der Lage, unsere Emotionen zu steuern. Ein Beispiel für den Zusammenhang von Darm und Gehirn ist das „Glückshormon“ Serotonin. Die Serotonin-Menge in den Nervenzellen des Verdauungstraktes (ENS) ist deutlich höher als im Gehirn. Serotoninmangel im Gehirn kann eine Ursache für Depressionen sein. Daher wird ein wichtiger Grund für diese Krankheit im Darm vermutet: Denn die Serotoninmenge im Gehirn wird durch jene aus dem Darm verstärkt. Aber nicht nur Depressionen, sondern auch andere psychische Erkrankungen und sogar Autismus scheinen in Zusammenhang mit der Darmflora zu stehen. Verschiedene Forschungen zeigten, dass die Darmflora autistischer Kinder im Vergleich zu gesunden extrem verändert ist. Auch bei ADHS und sogar bei der Alzheimererkrankung spielt die Darmflora offenbar eine maßgebliche Rolle.

Übrigens: Die Gesamtheit unserer Darmlebewesen wiegt bis zu 2 Kilo und umfasst rund 100 Billionen Bakterien. In einem Gramm Kot sind mehr Bakterien enthalten, als es Menschen auf der Erde gibt! Forschungen an Mäusen wie das Experiment „Die schwimmende Maus“ zeigen auf eindrucksvolle Weise den Zusammenhang von Darmflora und Psyche: Mäuse mit depressiven Eigenschaften schwimmen nicht sehr lange, sie verharren immer wieder regungslos und reagieren stärker auf Stress. Ein irisches Wissenschaftlerteam fütterte daraufhin die Hälfte ihrer Mäuse mit einem Bakterium, das den Darm bekanntermaßen pflegt, Lactobazillus rhamnosus JB-1. Die Mäuse schwammen nicht nur länger, in ihrem Blut fand man auch weniger Stresshormone. Kurz: Achten Sie auf Ihren Darm – Ihrer Gesundheit und Ihrem Wohlbefinden zuliebe!

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