Gesund sein. Gesund bleiben.

Ausgabe 2015.12/2016.01

Neues Jahr, neues Glück. Und was ist dabei am wichtigsten? Ihre Gesundheit natürlich! GESÜNDER LEBEN zeigt, wie.


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Prosit 2016!

Da wird es Zeit für viele gute Vorsätze. Die reichen meist von mehr Bewegung, am bes-ten an der frischen Luft, über weniger Naschen und generell mehr auf die Ernährung achten bis zum Rauchstopp nach dem Motto „Jetzt aber wirklich!“. Für uns Österreicher sollte außerdem der jährliche Gesundheitscheck beim Arzt des Vertrauens dazugehören, gelten wir doch eher als „Vorsorgemuffel“ – speziell Herr Öster­reicher, wie eine Studie von marketagent.com unter 500 Männern zwischen 20 und 69 Jahren ergab:

Zwar machen sich sechs von zehn Männern Gedanken über ihre Gesundheit und die Mehrheit befürwortet auch regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen. In der Praxis schaut die Sache jedoch anders aus, denn nur 36,5 Prozent geben sich tatsächlich einmal im Jahr ein Stelldichein mit ihrem Arzt. Ein Fünftel hat sich sogar noch nie einer Vorsorgeuntersuchung unterzogen.

Gesund bis ins hohe Alter

Experten plädieren für mehr Prävention

Die Lebenserwartung steigt kontinuierlich an: Bis 2050 werden rund 37 Prozent der Europäer über 60 Jahre alt sein und schon heute hat ein in Österreich geborenes Mädchen gute Chancen, 100 Jahre alt zu werden. Zugleich leiden immer mehr Menschen immer länger unter chronischen Erkrankungen: Acht von zehn Europäern über 65 sind von einer chronischen Krankheit betroffen, deren Behandlung für bis zu 75 Prozent der Gesundheitsausgaben verantwortlich ist. Und das, obwohl sich sämtliche Gesundheitsakteure mit Sparmaßnahmen konfrontiert sehen.

Empfehlungen für gesundes Altern

Die Gesundheitssysteme stehen also vor einer Vielzahl von Herausforderungen. Mögliche Lösungen wurden etwa im Rahmen der Konferenz „Roadmap for Sustainable Healthcare“, die im Frühjahr in Brüssel auf Initiative des biopharmazeutischen Unternehmens AbbVie stattfand, diskutiert. Dabei präsentierte die European Steering Group for Sustainable Healthcare (Initiative aus international führenden Wissenschaftern, Politikern, Experten der Gesundheits- und Pharmaindustrie, Vertretern von Patientenorganisationen) das White Paper „Acting Together – Roadmap for Sustainable Healthcare“. Darin finden sich 18 Empfehlungen für nachhaltige Gesundheitssysteme und Maßnahmen für ein gesundes Altern. Unter anderem soll künftig noch mehr in Prävention, Gesundheitsförderung, Früherkennung und die Behandlung von Frühstadien chronischer Erkrankungen investiert werden. Einen weiteren wesentlichen Beitrag sehen die Experten im Patienten-Empowerment, denn gesundes Altern brauche verantwortungsbewusste und informierte Bürger.

Gesundheitscoach Arzt. Freilich gibt es unterschiedliche Meinungen darüber, ob der regelmäßige Gesundheitscheck tatsächlich Sinn hat. Laut Dr. Martin Sprenger vom Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie an der Medizinischen Universität Graz zeigt etwa eine aktuelle, unabhängige Auswertung aller Studien zu diesem Thema keinen Einfluss auf das Erkrankungs- und Sterberisiko. Trotzdem sieht der Gesundheitswissenschafter auch einen Nutzen dieses Angebots: „Unter anderem ist die  Vorsorgeuntersuchung für die Beziehungspflege zwischen Arzt und Versichertem sicher zu empfehlen. Vorausgesetzt natürlich, dass sich der Arzt dabei wirklich Zeit nimmt, dass er mit der jeweiligen Person spricht und sich über dessen aktuelle Lebensumstände sowie Lebensstil informiert.“ Wertvoll ist die Vorsorgeuntersuchung außerdem für sogenannte Risikogruppen: beispielsweise Personen, die unter hohem Blutdruck leiden, übergewichtig sind, rauchen, sich wenig bewegen oder anderweitig „ungesund“ leben. Für diese Menschen kann es sich lohnen, wenn der Arzt im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung das individuelle Risiko aufzeigt. Entscheidend ist dabei freilich, dass er dies korrekt und verständlich tut, zum Beispiel gut visualisiert, und Tipps gibt, wie man sein Leben gesünder gestalten kann. Sehen Sie also die Vorsorgeuntersuchung als Chance, sich gemeinsam mit dem Arzt Ihres Vertrauens Gedanken über Ihre Gesundheit zu machen. Lassen Sie sich von Ihrem Hausarzt Blut-, Cholesterin- und sonstige Werte erklären und sprechen Sie mit ihm darüber, wie Sie in Zukunft etwa Ihre Ernährung gesünder und/oder Ihr Leben aktiver gestalten können.

Nutzt’s nix, schad’s nix? Neben der jährlichen Vorsorgeuntersuchung gibt es zahlreiche Früherkennungsprogramme (siehe „Vorsorge –  vom Baby bis zum Greis“). Hier scheiden sich allerdings so manche Geister an der Sinnhaftigkeit. Sprenger plädiert jedenfalls dafür, das Verhältnis von Nutzen und Schaden abzuwägen: „Zum Zeitpunkt der Entscheidung, an einer Früherkennungsmaßnahme teilzunehmen, fühlt man sich ja an sich gesund. Daher sollte man sich fragen: Was erwarte ich mir von der Untersuchung und was ist der potenzielle Nutzen, aber auch Schaden?“ Ein Beispiel: Jedes Jahr werden in Österreich über 5.000 neue Fälle von Brustkrebs diagnostiziert und bis zum 75. Lebensjahr erkrankt eine von zwölf Frauen an einem Mammakarzinom. Bei der Brustkrebsfrüherkennung kommt es allerdings mitunter auch zu sogenannten falsch positiven Befunden – sprich: Bei einer an sich gesunden Frau wird fälschlicherweise Brustkrebs diagnostiziert. Die Folge: Die an sich gesunde Frau muss weiter abgeklärt werden, bis durch eine oder mehrere Folgeuntersuchungen festgestellt wird, dass kein Brustkrebs vorliegt. Die Häufigkeit von falsch positiven Befunden hängt von der Qualität der Untersuchung und vorm Erkrankungsrisiko ab, weshalb es bei den Programmen zur Brustkrebsfrüherkennung auch klare Qualitätsstandards und Altersgrenzen gibt. Dennoch gibt Sprenger zu bedenken, dass „die Wahrscheinlichkeit eines falsch positiven Befundes bei Frauen unter 40 weit höher ist als bei den 50- bis 70-Jährigen. Letztere haben nämlich ein circa sechsfach erhöhtes Erkrankungsrisiko.“ Ein weiteres Problem sind Überdiagnosen und in der Folge unnötige Behandlungen: So bekommen Frauen zwar einen richtig positiven Befund, haben also tatsächlich Brustkrebs, der entdeckte Tumor hätte ihnen im Laufe ihres restlichen Lebens jedoch keine Probleme bereitet. Der Gesundheitswissenschafter rät daher gesunden Frauen, sich beim Arzt des Vertrauens über die geltenden Empfehlungen bei der Brustkrebsfrüherkennung zu informieren (Gleiches gilt übrigens für die Früherkennung von Gebärmutterhaltkrebs – siehe „Vorsorge vom Baby bis zum Greis“). Sprenger: „Suchen Sie unabhängige Informationen zum potenziellen Nutzen, aber auch Schaden dieser Untersuchungen. Andere ‚Spielregeln’ gelten für Personen, die erblich vorbelastet sind und damit ein höheres Risiko aufweisen. Und selbstverständlich sollten Personen, die unter spezifischen Beschwerden und Symptomen leiden, diese abklären lassen.“ Kurz: Der mündige Patient ist gefragt wie nie.


 

Gesund – ein Leben lang

Vorsorge – vom Baby bis zum Greis

Vom Mutter-Kind-Pass bis zur Darmkrebsfrüherkennung: In jedem Alter können wir uns von Ärzten untersuchen lassen. Dr. Martin Sprenger über die Sinnhaftigkeit ausgewählter Früherkennungsuntersuchungen aus Sicht der Gesundheitswissenschaften.
Der Mutter-Kind-Pass ist bei regelmäßiger wissenschaftlicher Überarbeitung eine sinnvolle Maßnahme. „Leider stehen alle erhobenen Daten nur in den gelben Büchlein und werden in keiner Datenbank gespeichert und systematisch ausgewertet.“
„Kindes- und Jugendalter zählen zu den gesündesten Phasen unseres Lebens. Die Schuluntersuchungen sind nett, machen aber an sich nicht viel Sinn“, so der Gesundheitswissenschafter, der auch den von den Krankenkassen angebotenen Jugendlichenuntersuchungen für junge Menschen zwischen 15 und 18 Jahren kritisch gegenübersteht.
„Die Darmkrebsfrüherkennung ab 50 alle fünf Jahre scheint auf Basis der vorhandenen Studien einen Nettonutzen zu haben, kann also bei Einhaltung der Qualitätsstandards auch gesunden Menschen empfohlen werden“, so Sprenger.
Die Brustkrebsfrüherkennung wird in den letzten Jahren in internationalen Studien immer kritischer beleuchtet. In Ländern mit über 20 Jahren Erfahrung und aussagekräftigen Evaluationsergebnissen wird laut Sprenger immer offener über die Sinnhaftigkeit der Brustkrebsfrüherkennung diskutiert: „Ob eine Frau sich für oder gegen das Früherkennungsprogramm entscheidet, sollte wertfrei gesehen werden. Wichtig ist, dass sie es gut informiert und ohne äußeren Druck tun kann.“
Seit 40 Jahren wird in Österreich so gut wie bei jeder gynäkologischen Untersuchung ein PAP-Abstrich zur Früherkennung von Gebärmutterhaltkrebs gemacht. Auch hierfür gibt es klare Qualitätsstandards, Altersgrenzen und Intervalle, die eingehalten werden sollten. Im Übrigen handelt es sich bei Gebärmutterhalskrebs um eine viral bedingte Erkrankung, vor der man sich mittels Impfung in jüngeren Jahren, vor dem ersten Geschlechtsverkehr, gut schützen kann. Sprenger: „Ich kann nur allen Frauen empfehlen, sich ihres individuellen Risikos bewusst zu werden und auch beim PAP-Abstrich darauf zu achten, dass dieser richtig durchgeführt und befundet wird. Waren die ersten drei Abstriche hintereinander unauffällig, sollte die Frau mit dem Arzt in einem Gespräch klären, dass die Untersuchungsintervalle auf drei Jahre ausgedehnt werden.“ In Finnland, dem Land mit einem der besten Früherkennungsprogramme, kommen Frauen auf maximal zehn Abstriche. Das habe Sinn, so Sprenger.
Die Früherkennungsuntersuchung auf das Prostatakarzinom hat laut Sprenger bei asymptomatischen Männern ganz klar mehr Schaden als Nutzen: „Männer, die sich gesund fühlen, benötigen keinen PSA-Test. Doch: Hat zum Beispiel ein 55-jähriger Mann spezifische Beschwerden, sollte man diese definitiv vom Urologen abklären lassen.“

Gesundes Österreich. Ob wir gesund sind bzw. bleiben, hängt also stark davon ab, ob wir uns ausgewogen ernähren, ausreichend bewegen und ganz generell gesund leben. Unser Lebensstil ist aber abhängig von unseren Lebensumständen, unserer Bildung, dem Einkommen und individuellen Gesundheitschancen. Der Staat muss deshalb Rahmenbedingungen schaffen, durch die es einfacher wird, die eigene Gesundheit selbst zu bestimmen. So arbeitet der Fonds Gesundes Österreich (FGÖ) auf Basis des Gesundheitsförderungsgesetzes, das vorsieht, zur Erhaltung, Förderung und Verbesserung der Gesundheit in der Bevölkerung beizutragen. Dabei gilt es, die Lebenswelten, in denen die Österreicher einen Großteil ihrer Zeit verbringen, gesundheitsförderlicher zu gestalten. Mit anderen Worten: „Es werden Bedingungen geschaffen, die ein gesundes Leben und Lernen in den Lebenswelten, den sogenannten Settings, möglich machen“, erklärt Mag. Rita Kichler, Gesundheitsreferentin beim FGÖ.

Gesundheit macht Schule. Gesundheit beginnt schon im Kindesalter. Dabei liegt die Verantwortung aber nicht nur bei den Eltern, sondern auch bei Einrichtungen wie Kindergarten und Schule. Letztere werden vom FGÖ bei der Umsetzung von Gesundheits- und Ernährungsprojekten unterstützt. Gesunde Ernährung in der Schule bedeutet, Themen der Ernährung mit den Kindern aufzubereiten und etwa das Schulbuffet gesundheitsförderlich zu gestalten. Dabei sind Getreidevollkorn- und fettarme Milchprodukte, viel frisches Obst und Gemüse in den Vordergrund zu stellen. Zudem gibt es bereits in vielen heimischen Schulen Initiativen, die den täglichen Obstkonsum fördern. Kichler: „So kommen die Kids in den Genuss von gesundem regionalem und saisonalem Obst und werden von klein auf daran gewöhnt, täglich frisches Obst zu essen.“ Gesundheitsförderungsprojekte finden auch oft in Betrieben und Gemeinden statt und beinhalten Maßnahmen, die vom gesunden Kantinenessen über Bewegungsprogramme bis zu psychosozialen Aspekten reichen. Ein Beispiel sind sogenannte Lebensstilgruppen, die in mehreren Salzburger Gemeinden installiert wurden. „Experten haben zusammen mit Gemeindevertretern und Verantwortlichen Angebote zu den Lebensstilthemen Bewegung, Ernährung und psychosoziale Gesundheit erarbeitet, die allesamt darauf abzielen, Risikofaktoren und Krankheiten wie Übergewicht, Diabetes mellitus Typ II, Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen. Das Schöne: Auch nach Abschluss unseres Projekts haben die Gruppen tatsächlich selbst weitergemacht“, zeigt sich Rita Kichler erfreut.

Vorsorge-Links

Informationen für Ihre persönliche Vorsorge

• Unabhängige Informationen des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen: www.gesundheitsinformation.de
• Österreichisches Brustkrebs-Früherkennungs­programm: www.frueh-erkennen.at  
• Vorsorgeuntersuchung der Österreichischen Sozialversicherung: www.sozialversicherung.at/vu
• Broschüren mit zahlreichen Tipps und Empfehlungen zu Bewegung, Ernährung und psychosozialer Gesundheit zum Download (inkl. Beispiele für gesunde Schulen und Gemeinden): www.fgoe.org
• Gesunde Nachbarschaft: www.gesunde-nachbarschaft.at

Gesunde Lebensräume. Ob Schule, Betrieb oder Gemeinde: Entscheidend ist, dass sie selbst die Initiative ergreifen, einen Antrag beim FGÖ stellen und damit bekunden: Bei uns gibt es Verbesserungsbedarf.  „Wir machen nicht einzelne Vorträge oder Workshops, die zeigen, wie man theoretisch gesünder leben kann, sondern wollen durch konkrete Projekte Prozesse zur Umsetzung in die Wege leiten“, so Kichler. „Gemeinsames Gestalten fördert nicht nur die Motivation aller Projektbeteiligten, sondern auch die potenzielle Nachhaltigkeit.“

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