Gesund mit Mutter Natur

Ausgabe 2020.07-08

Ob Bergseen, Schwefelbäder, Moorpackungen oder Waldspaziergänge: Die Natur bietet viele Möglichkeiten, unsere Selbstheilungskräfte zu aktivieren und zu fördern. Ein kleiner Überblick. 


Foto: © iStock - Oleh_Slobodeni

Mehr als 70 Prozent der österreichischen Bevölkerung leben in Ballungszentren. Fast 95 Prozent der Zeit verbringen die Menschen in geschlossenen Räumen – Transportmittel mitgerechnet. „Das führt zu den bekannten Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Übergewicht, Osteoporose oder Burn-out“, gibt Dr. Wolfgang Marktl zu bedenken, Physiologe und Präsident der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin. Dass das Abwenden von der Natur im Grunde auch dem Wesen des Menschen widerstrebt, zeigt sich unter anderem an der Sehnsucht nach natürlichen und traditionellen Behandlungsmethoden, die seit vielen Jahren in der Bevölkerung immer größer zu werden scheint. „Es ist ein Trend zur Naturmedizin zu bemerken“, bestätigt Marktl. „Es gibt Statistiken, die besagen, dass 70 Prozent der Menschen auch diese Art von Medizin in Anspruch nehmen und ihr vertrauen.“ Ein Ausspielen gegen die Schulmedizin sei aber nicht angebracht, betont er: „Man sollte prinzipiell die Naturheilkunde und die Schulmedizin nicht voneinander trennen, sondern sie miteinander verbinden.“ Naturheilkunde ist allen voran das Wahrnehmen als auch das Wissen darüber, dass die Umwelt rund um uns unsere Gesundheit fördert. „Schon Hippokrates stellte in seiner Lehre klar, dass die vier Elemente Wasser, Luft, Erde und Feuer heilende Wirkung haben können“, so Marktl. Natürliche Heilvorkommen wie Quellen, Heilerde etc. sind mittlerweile in zahlreichen Studien ausgiebig erforscht, deren gesundheitsfördernde Wirksamkeit belegt.

Buchtipp

buch1GESUND MIT DER KRAFT DER NATUR
NEUES WISSEN UM SANFTE HEILUNG

Tanja Braune, Andrea Pascher,
Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Marktl

160 Seiten
Ampuls Verlag, 2020
24,90 Euro

Lebenselixier Wasser

Da wäre beispielsweise das Wasser, immerhin Ursprung allen Lebens, auch der menschliche Körper besteht zu circa 70 Prozent aus Wasser. In der modernen physikalischen Medizin wird Wasser vor allem in Form von Hydrotherapie eingesetzt, also als Wasser-Bewegungstherapie. Diese kann mit jeder Art von Wasser angewandt werden, erklärt Marktl, „denn Wasser verfügt generell über einen größeren Auftrieb, wodurch der Widerstand bei der Bewegung geringer wird. Sport ist im und unter Wasser also gelenksschonender, wodurch es sich zur physikalischen Behandlung bei Verletzungen oder Krankheiten des Bewegungsapparats bestens eignet.“ Auch das Schwimmen in einem wunderbar erfrischenden Bergsee kann der Experte empfehlen, nicht nur aufgrund des Bewegungsaspektes: „Auch beim Kneippen wird gezielt kaltes Wasser eingesetzt, um das Immunsystem zu stärken, die Atmung und das Herz anzuregen und auch den Stoffwechsel zu unterstützen.“ Noch dazu tut die Bergluft sowohl Körper, als auch Seele gut: Je höher man hinaufsteigt, desto geringer ist der Anteil von Feinstaub und Kohlenmonoxid in der Luft, aber auch Pollen und andere Allergene werden messbar weniger. Für Asthmatiker und Allergiker also ideale Bedingungen! Übrigens: Für diese Patienten sind auch Ausflüge zu Wasserfällen sinnvoll, denn die Wasserfallaerosole sind so winzig, dass sie besonders tief in die Atemwege eindringen und diese dort gründlich reinigen können.

Solewasser

Ähnlich wie beim See spielen auch beim beliebten Aufenthalt am Meer sowohl das gesunde Klima als auch das Salzwasser eine wichtige Rolle. Das Salz im Wasser löst Hautschuppen und wirkt entzündungshemmend und durchblutungsfördernd; Neurodermitis- und Schuppenflechte-Patienten profitieren beispielsweise stark von dieser Wirkung. „Der Auftrieb ist noch stärker als im Süßwasser, weshalb zum Beispiel Rheumapatienten das Schwimmen in Salzwasser zu empfehlen ist“, ergänzt Marktl. Da wir dieses Jahr auf Urlaub am Meer wohl zumeist verzichten müssen, sind Solebäder, die man auch problemlos in der eigenen Badewanne zubereiten kann, eine sehr gute Alternative. „Waschen und trocknen Sie sich nach dem Bad nicht sofort ab, sondern lassen Sie die Salzschicht auf Ihrer Haut wirken!“, rät der Experte. Auch bei Nieren- und Harnblasenleiden können Solebäder gute Erfolge erzielen. Asthmatiker oder andere Lungenerkrankte sollten die Sole inhalieren, denn diese lassen die Schleimhäute abschwellen und Sekrete lösen sich somit besser. Trinkt man Solewasser, wirkt sich dies positiv auf den gesamten Magen-Darm-Trakt aus.

 


 

Heilwässer

Womit wir auch bereits bei den „speziellen Gewässern“ wären, die in der Naturmedizin einen hohen Stellenwert einnehmen. Dazu der Experte: „Mit Aufkommen der naturwissenschaftlichen Denkart wurde im Rahmen von Untersuchungen und Studien klar, dass besonders jene Gewässer über gesundheitsfördernde Wirkungen verfügen, die einen hohen Gehalt an Kohlensäure, Schwefel, Jod, Sulfat oder Sole besitzen. Auf dieser Erkenntnis basiert auch die heutige Bädertherapie.“ Der hohe Spiegel an Mineralstoffen und Spurenelementen, nämlich Kalzium, Magnesium, Natrium, Hydrogenkarbonat und/oder Chlorid, sind im Heilwasser natürlich vorhanden und gelöst, wodurch sie der menschliche Organismus gut aufnehmen und direkt verwerten kann. In vielen Fällen sind diese Gewässer sogenannte Thermalgewässer, also Wässer, die beim Quellaustritt eine Temperatur von mindestens 20 Grad Celsius aufweisen. Was man als Heilwasser bezeichnen darf, ist streng gesetzlich geregelt – sobald beispielsweise ein Zusatzstoff wie Chlor hinzugefügt wird, wie es bei Thermenzentren oftmals der Fall ist, darf es nicht mehr als Heilwasser beworben werden.

Auf den Inhalt kommt es an

In allen zuvor genannten Heilwässern kann man baden, man kann sie aber auch inhalieren und in Form von Trinkkuren zu sich nehmen. Je nach Zusammensetzung haben Heilwässer unterschiedliche Wirkungen. Das bekannte Schwefelbad wirkt antibakteriell, entzündungshemmend, schmerzstillend und durchblutungsfördernd, auch der Blutdruck kann leicht sinken. Empfehlenswert ist es bei entzündlichen Hauterkrankungen und Gelenksund Wirbelsäulenrheumatismus. Das Jodbad wiederum ist desinfizierend und deshalb zum Beispiel bei Arteriosklerose und Schweißdrüsenabszessen hilfreich. Oftmals wird Jod auch mit Schwefel oder Sole kombiniert. Ein angenehmes Kohlensäurebad wird bei Bluthochdruck, Durchblutungsstörungen (auch des Gehirns!) sowie bei Haut- und rheumatischen Erkrankungen angewandt. Sulfathältige Wässer sind klassische Trinkquellen und gesundheitsfördernd bei Problemen mit Magen, Darm, Leber, Galle und Bauchspeicheldrüse.

Moor und Fango

Eine Unterkategorie der Bädertherapie stellen Anwendungen mit Moor und Heilerde dar. „Moore sind gute Wärmeträger und geben die Temperaturen sehr langsam und schonend ab, weshalb bei Moorbädern höhere Temperaturgrade vertragen werden als im Wasser“, erklärt Marktl. Diese gleichmäßige Wärmeübertragung wirkt sich positiv auf den gesamten Bewegungs- und Stützapparat aus, besonders bei Gelenks- und Wirbelsäulenbeschwerden, rheumatischen Arthrosen sowie Regelschmerzen bei Frauen. Wird Moor getrunken, beruhigt es die Schleimhäute des Verdauungstrakts. Eine weitere jahrtausendealte Art von Heilerde ist Fango, die meist in Form von Packungen zum Einsatz kommt und sowohl schmerzstillend als auch entspannend wirkt, da sie muskuläre Verspannungen löst. Aber auch Hautentzündungen lassen sich mit Fango gut unterstützend behandeln.

Die Natur nutzen

Natürlich gibt es auch noch andere natürliche Heilvorkommen, die helfen, die Selbstheilungskräfte des menschlichen Körpers zu aktivieren und zu unterstützen. Bekannt ist etwa die radonhaltige Stollentherapie: Das radioaktive Edelgas wird in geringer Dosierung bei rheumatischentzündlichen Erkrankungen des Bewegungsapparates, der Atemwege und der Haut angewandt. Es gibt auch radonhaltige Sitzbäder. Immer beliebter wird zudem das sogenannte „Waldbaden“, also ein bewusster, entspannter Spaziergang durch den Wald, bei dem die Natur erfühlt und besonders tief eingeatmet wird. Aufgrund des hohen Gehalts an bioaktiven Pflanzenstoffen im Wald schützt ein regelmäßiger Aufenthalt vor Krebs, hilft bei Lungenerkrankungen und hellt die Stimmung auf. Apropos: Laut Studien beträgt der Langzeiteffekt von natürlichen Behandlungsmethoden bis zu zwölf Monate – allerdings nur dann, wenn sie über einen Zeitraum von drei bis vier Wochen regelmäßig wiederholt werden, betont Marktl. Kuren bieten sich dafür natürlich am besten an; aber auch zumindest die Wochenenden in der Natur zu verbringen, lässt unseren Körper aufblühen. Marktl, zusammenfassend: „Nutzen wir alle gesundheitlichen Möglichkeiten, die die Natur uns schenkt!“

 

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