Genuss statt Verdruss

Ausgabe 2019.06

Wenn Ihnen Rotwein und Schokolade nicht bekommen, könnte eine Histaminunverträglichkeit dahinterstecken. GESÜNDER LEBEN zeigt, wie sie sich bemerkbar macht, worauf Sie besser verzichten und was Sie unbesorgt essen dürfen.

 


Foto: iStock-selvanegra

Experten gehen davon aus, dass ein bis fünf Prozent der Österreicher an einer Histaminintoleranz leiden. Bei etwa drei Viertel der Betroffenen handelt es sich um Frauen; meistens sind sie über 40 Jahre alt. „Hauptursache dafür dürfte eine Abnahme der weiblichen Geschlechtshormone sein“, erläutert Dr. Kathrin Oberleitner, Fachärztin für innere Medizin, Endokrinologie und Stoffwechselmedizin am Ordensklinikum Linz. „Dieser Mechanismus ist aber noch nicht ausreichend untersucht.“ Grundsätzlich trägt eine reduzierte Aktivität der histaminabbauenden Enzyme Diaminoxidase (DAO) und Histamin-N-Methyltransferase (HNMT) zu einer Histaminintoleranz bei. „Der entgleiste Histaminstoffwechsel führt zu einer Anhäufung von Histamin im Körper, welche zu den klassischen Beschwerden führt. Zu den häufigsten Ursachen zählt dabei der erworbene DAO-Mangel. Ein gleichzeitig vorliegender HNMT-Defekt verstärkt die Symptome“, so Oberleitner.

Spektrum der Symptome
Da die Wirkung von Histamin über eine Stimulation von Rezeptoren erfolgt, die über alle Organsysteme des Körpers verteilt sind, ist auch das Beschwerdebild facettenreicher und uneinheitlicher. Der H1-Rezeptor vermittelt Juckreiz, Schmerz, Entzündung und Erweiterung der kleinen Blutgefäße, wodurch es beispielsweise zu einer Nesselsucht (juckenden Quaddeln) und Flush (Gesichtsrötung) sowie zu Blutdruckabfall kommen kann. „Auch Kopfschmerzen und Schwellungen der Nasenschleimhaut erklären sich über diesen Mechanismus“, weiß Oberleitner. „Darüber hinaus kommt es zu Kontraktionen an den Bronchien, die das Entstehen von Asthma begünstigen können.“ Der H2-Rezeptor regt laut Expertin wiederum die Magensäureproduktion und die Bewegungsfähigkeit des Darmes an. Mögliche Folgen: Durchfall oder Sodbrennen. Auch der Herzschlag kann beschleunigt werden. Zu weiteren unspezifischen Symptomen zählen Müdigkeit nach dem Essen, Bauchschmerzen, Blähungen, Übelkeit oder Völlegefühl. Bei Frauen gesellen sich mitunter verstärkte Menstruationsbeschwerden dazu. Interessant: In der Schwangerschaft kommt es häufig zu einer Verbesserung der Symptome. Denn: Ab dem zweiten Trimenon produziert die Plazenta viel DAO, um vorzeitigen Wehen und damit Frühgeburten vorzubeugen.

hestamin2Quelle: Österreichische Gesellschaft für Ernährung, www.oege.at


Reden Sie darüber!
Bis heute gibt es leider keine validen laborchemischen Diagnose-Tools, um einer Histaminintoleranz aufzulauern. Vielmehr gelingt die Diagnose mittels einer eingehenden Befragung des Patienten zu seiner gesundheitlichen Vorgeschichte inklusive Ernährungsgewohnheiten. Suchen Sie idealerweise einen Gastroenterologen bzw. Allergologen auf; sie stehen dem Thema Histaminunverträglichkeit prinzipiell am nächsten. Erzählen Sie im Rahmen des Anamnesegesprächs möglichst viel über sich, auch vermeintliche Nebensächlichkeiten können wichtig sein: Ihr Arzt wird die wichtigsten Informationen herausfiltern. „Wie vertragen Sie Rotwein?“ wird übrigens eine der wichtigsten Fragen Ihres Arztes sein. Bei entsprechenden Verdachtsmomenten ist es empfehlenswert, drei bis vier Wochen vollständig auf histaminhältige Speisen bzw. Nahrungsmittel, welche die Ausschüttung von Histamin aus den Körperzellen fördern (Histaminliberatoren), zu verzichten. Klingen die Beschwerden während dieser Eliminationsdiät ab, ist dies ein deutlicher Hinweis für eine Histaminintoleranz. Weitere Indizien liefert der Provokationstest: Gezielt und kontrolliert wird hier nach der Karenzphase eine kleine Menge histaminreicher Lebensmittel zugeführt und protokolliert, ob wieder Symptome auftreten.


 

Wo versteckt sich aber Histamin?
„Zu histaminhältigen Lebensmitteln gehören lang gereifte Käsesorten, geräuchertes Fleisch, einige Fischprodukte, fermentierte Lebensmittel wie Sauerkraut und Sojaprodukte, essighältige Produkte, Pilze, Paradeiser, Spinat oder Avocados“, zählt Oberleitner auf. Wichtigste Maßnahme für Menschen mit Histaminintoleranz ist daher in erster Linie eine histaminfreie bzw. histaminarme Ernährung und das Meiden von Histaminliberatoren (siehe Kasten). Gut, zu wissen: Histamin reichert sich während des bakteriellen Reifungsprozesses in Lebensmitteln an. „Daher sollten möglichst frische Nahrungsmittel bzw. nicht aufgewärmte Speisen bevorzugt werden“, so Oberleitner. „Sie haben einen deutlich niedrigeren Histamingehalt.“ Vorsicht gilt auch bei Medikamenten, die den Abbau von Histamin zusätzlich hemmen oder das Enzym Diaminoxidase blockieren. Beispiele für kritische Wirkstoffe sind Acetylcystein, Acetylsalicylsäure, Ambroxol, Codein, Diazepam, Diclofenac, Furosemid oder Naproxen.

Lindern, nicht leiden
Falls es sich einmal nicht vermeiden lässt und Sie beispielsweise im Urlaub oder im Restaurant zu histaminhaltigen Speisen greifen (müssen), finden Sie mit DAO-Ersatzprodukten ein Auslangen. Nehmen Sie die Arzneimittel etwa 15 Minuten vor der Mahlzeit ein, um unbesorgt zu genießen. Die Behandlung histaminbedingter Symptome wiederum erfolgt durch die Einnahme von Antihistaminika, die Ihnen Ihr Arzt verschreibt. „Die wichtigste Gruppe sind hier die H1-Antihistaminika gegen Beschwerden wie Kopfschmerzen oder Hautausschläge bzw. H2-Antihistaminika bei Durchfall oder Sodbrennen“, erklärt Oberleitner. „Dabei handelt es sich aber um keine kausale Therapie. Vielmehr dient sie zur Linderung spezifischer Symptome.“

Kann’s gefährlich werden?
Eine Histaminintoleranz ist keine schwere Erkrankung, sondern erfordert in der Regel eine Ernährungsumstellung. Schließlich ist der Leidensdruck durch unbehandelte Symptome nicht zu unterschätzen. Sind jedoch hohe Histaminmengen im Spiel – beispielsweise nach dem Konsum von verdorbenem Fisch – , droht eine Histaminvergiftung. Sie kann sich – natürlich auch bei Personen ohne Histaminintoleranz – mit einem allergischen Schock, also einer anaphylaktischen Reaktion, äußern, die mit Juckreiz, Blutdruckabfall, Schwellung bzw. Atemnot einhergehen kann. Sie erfordert selbstverständlich die sofortige Behandlung durch einen Arzt. 

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