Freitag, 24. Mai 2019

Gefährliche Keime

Ausgabe 03.2015

Start unserer neuen Serie: Serien-Startschuss: Der Krankenhauskeim Clostridium difficile fordert jährlich rund 700 Todesfälle in Österreich. Warum, wissen viel zu wenige. Gesünder Leben klärt auf und informiert umfassend über das heimtückische Darmbakterium.


Foto: © Can Stock Photo Inc. - VILevi

 

Österreichs Krankenhäuser sind mit einem bis zuletzt verkannten Problem konfrontiert, das schweres Patientenleid und explodierende Kosten verursacht. Die „stille Gefahr“, wie sie von Experten zu Recht bezeichnet wird, versteckt sich hinter der Abkürzung CDI. Diese steht für „Clostridium-difficile-Infektionen“, die durch – hauptsächlich in Spitälern und Pflegeheimen erworbene – hoch ansteckende Darm-
bakterien sowie ihre produzierten Giftstoffe hervorgerufen werden. Bedingt durch die Zerstörung von Darmzellen sind sie für schwere Durchfallerkrankungen verantwortlich. Besonders gefährdet sind Senioren, immunschwache Menschen sowie Personen, die aufgrund einer langen Antibiotika-Therapie eine angegriffene Darmflora aufweisen und damit den Nährboden für die aggressiven Bakterien bieten.
Zu den Ursachen, die CDI ein leichtes Spiel machen, gehören neben einem anhaltenden Antibiotika-Konsum auch unzureichende Hygiene- und Isolierungsmaßnahmen. Schließlich erfolgt die fäkal-orale Ansteckung mit Clostridien meist über eine Schmierinfektion. In Form von widerstandsfähigen Sporen überleben die Bakterien sogar außerhalb des Magen-Darm-Traktes. „Alleiniges Händedesinfizieren ohne Händewaschen ist nicht ausreichend, um eine Ausbreitung von Clostridium difficile zu verhindern. Herkömmliche Desinfektionsmittel töten die Sporen von Clostridium difficile nicht ab“, erläutert Univ.-Prof. Dr. Franz Allerberger von der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES).

Wegschauen ist keine Lösung. „Fünf Prozent der CDI-Patienten entwickeln dramatische Symptome wie die pseudomembranöse Kolitis, eine lebensbedrohende Entzündung des Dickdarms, oder das toxische Megakolon, eine krankhafte Ausweitung des Dickdarms, die letztlich auch in einer Darmlähmung münden können“, erklärt Allerberger. „In manchen Fällen helfen, wenn überhaupt, nur chirurgische Eingriffe.“

Wichtig ist daher, Clostridium-difficile-Infektionen rechtzeitig zu erkennen. Von dieser Bewusstseinsschärfung sind auch die Experten der Initiative „CDI Europe“ und die Europa-Abgeordnete Karin Kadenbach überzeugt. Bei einer Anhörung im Europäischen Parlament, die vor kurzem stattgefunden hat, forderten sie Maßnahmen zur Verbesserung im Umgang mit CDI. Warum, das beantworten die erschreckenden Zahlen: „Rund 27.000 Menschen in Europa versterben jährlich an einer CDI. Das sind annähernd genauso viele Personen, die pro Jahr in Europa an den Folgen eines Verkehrsunfalls tödlich verunglücken “, betont Allerberger. Die Ergebnisse der systematisch angelegten EUCLID-Studie1, welche die Daten in 482 Krankenhäusern aus 20 europäischen Ländern erhoben hat, setzen noch eins drauf: „Jede vierte CDI-Erkrankung wird in Europa nicht erkannt“, so Kadenbach. „Im Vergleich zu früheren Studien handelt es sich dabei um einen besorgniserregenden Anstieg der Fallzahlen.“

Forderung nach Transparenz. Fehlende bzw. ungenaue Diagnosen seitens der Mediziner sind die Hauptursachen für diese gefährliche Entwicklung. Hinzu kommt, dass es bei gängigen Antibiotika häufig zu Rückfällen kommt und derzeit nur wenige Medikamente die anhaltende Heilung unterstützen. Kein Zweifel also, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Nicht „nur“, um das Wohl der Patienten zu verbessern, sondern auch um exorbitante Kosten in den Griff zu bekommen. „CDI-Fälle verursachen EU-weit Kosten von ca. drei Milliarden Euro pro Jahr“2, weiß Kadenbach.

Die europäische Initiative CDI spricht sich daher auf Basis der EUCLID-Studie für einheitliche Diagnoserichtlinien, ein gesetzlich verpflichtendes, homogenes Melde- und Überwachungssystem und eine entsprechende Implementierung in den einzelnen Mitgliedstaaten aus. Davon erwarten sich zahlreiche Experten, darunter Kadenbach und Allerberger, eine erste Sensibilisierung für das Thema CDI.
Und diese ist auch notwendig. „Schließlich kann man – entgegen den offiziellen Meldezahlen – davon ausgehen, dass in Österreich jährlich ca. 700 Personen an Clostridium-difficile-Infektionen sterben“, warnt Allerberger. „Zwischen den Jahren 2000 und 2013 ist die Anzahl an CDI-Todesfällen um den Faktor 21 (!) gestiegen. Diese Entwicklung kann man nicht einfach ignorieren.3“

Elf von rund 200 Krankenhäusern beteiligen sich derzeit freiwillig an einem bestehenden Meldesystem.4  Viel zu wenig, um repräsentative Daten zu erheben. Daher erhofft man sich von einer gesetzlichen Meldepflicht und der Einführung neuer Hygienestandards eine wirkungsvolle Maßnahme zur Bekämpfung von CDI. „Die neue Hygienerichtlinie soll noch heuer als Verordnung nach dem Gesundheitsqualitätsgesetz verabschiedet werden“, so Kadenbach zuversichtlich. Allerberger ist davon überzeugt, dass durch eine Verpflichtung zur Infektionssurveillance die CDI-Fallzahl sinken wird: „Es geht uns nicht darum, einen Schuldigen zu suchen. Man muss Krankheitshäufungen ehebaldig erkennen, deren Ursachen abklären und sich in weiterer Folge auf die Prävention konzentrieren“, erklärt Allerberger. „Schließlich ist ein erkanntes Problem nur ein halbes Problem.“


Referenzen
1) K. A. Davies et al. EUCLID, The Lancet Infect Dis. 2014;14:1208-19. Einsehbar unter: http://www.thelancet.com/journals/laninf/article/PIIS1473-3099(14)70991-0/fulltext . Zuletzt aufgerufen November 2014.
2) Kuijper EJ, Coignard B, Tüll P; ESCMID Study Group for Clostridium difficile; EU Member States; European Centre for Disease Prevention and Control. Clin Microbiol Infect. 2006 Oct;12 Suppl 6:2-18.
3) Allerberger F. et al. Clostridium difficile-Infektion : state of the art. Österreichische Ärzte Zeitung 2014; 5: 20-30
4) KISS Krankenhausinfektionssurveillancesystem, abgefragt am 3.2.2015 vom Meldesystem

 

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