Frei von Schmerz dank Hypnose

Ausgabe 2018.05

Wissenschaftlich längst bewiesen, im Wiener AKH und von Psycho­therapeuten in ganz Österreich erfolgreich angeboten: Dank Hypnose können die belastenden Symptome des Reizdarms in den meisten Fällen gänzlich beseitigt werden.


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Bauchschmerzen, die nach dem Essen mehr und nach dem Stuhlgang weniger werden, Durchfälle, Verstopfung oder beides abwechselnd sind mit hoher Wahrscheinlichkeit Hinweise auf das sogenannte Reizdarmsyndrom. Meistens sind auch Blähungen, Völlegefühl, Schleimabgänge oder das Gefühl der unvollständigen Entleerung damit verbunden. An erster Stelle steht natürlich eine fundierte medizinische Abklärung. Wenn Sie dann von Ihrem Arzt hören: „Es ist alles in Ordnung, wir haben nichts Krankhaftes gefunden. Sie haben einfach einen überempfindlichen Darm, damit müssen Sie leben“, ist es Zeit, sich nach anderen Methoden umzusehen. Dazu zählen auch psychotherapeutische Behandlungen, ganz besonders erfolgreich ist die Hypnosetherapie.

So alt wie die Menschheit. Wenn Sie „Hypnose“ hören, denken Sie vielleicht an Shows auf Varietébühnen, wo ein Freiwilliger „hypnotisiert“ wird und alles tut, was der Hypnotiseur von ihm verlangt, und sich anschließend an nichts erinnern kann. In Wirklichkeit ist Hypnose aber eine der ältesten Behandlungsmethoden der Menschheit für körperliche und seelische Störungen. Auch Sigmund Freud verwendete sie bei seinen Patienten. Ursprünglich dachte man, dass es sich dabei um einen schlafähnlichen Zustand handle. Tatsächlich ist es eine induzierte Trance, also ein tief entspannter Wachzustand, bei dem man seine Aufmerksamkeit – gelenkt durch den Hypnotiseur – auf bestimmte Inhalte richtet.

Reizdarm, Reizmagen. Reizdarm und Reizmagen zählen zu den häufigste Erkrankungen in ärztlichen Ordinationen. Weltweit leiden rund 20 Prozent der Bevölkerung darunter. „Es handelt sich um eine Überreaktion der Verdauungsorgane auf normale Reize wie Nahrung oder Stress, und langsam entwickelt sich eine Überempfindlichkeit mit Schmerzen, gesteigerter Darmtätigkeit, Krämpfen und Durchfall. Psychosoziale Faktoren beeinflussen den Beschwerdeverlauf ebenso wie physiologische Fehlregulationen“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Gabriele Moser, Leiterin der Ambulanz für gastroenterologische Psychosomatik, die seit 1991 im AKH Wien besteht. „Betroffene haben ein gesteigertes Schmerzempfinden auf eine normale Dehnung der Magen- oder Darmwand durch Nahrung oder Gase. Die allgemeine Schmerzempfindlichkeit ist allerdings nicht gesteigert.“ Und weiter: „Im Gehirn und im Magen-Darm-Trakt findet man eine Unzahl von Botenstoffen. Diese Gehirn-Bauch-Achse lässt vermuten, dass neben biologischen Prozessen auch die psychische Situation einen wesentlichen Anteil am Reizdarmsyndrom hat“, sagt Professor Moser. Darm und Gehirn sind eng verbunden, denn sie haben den gleichen Ursprung. Der Nervus vagus verbindet das Gehirn direkt mit dem Bauch. „Alle funktionellen Störungen im Magen-DarmBereich sind Störungen der Gehirn-Bauch-Achse“, weiß Moser.


 

Darmhypnose. Psychotherapien zeigen bei Patienten mit Reizdarmsyndrom eine deutlich bessere Wirkung als die alleinige Gabe von Medikamenten. Besonders erfolgreich ist die spezifisch auf den Bauch gerichtete Hypnose von Prof. Peter Whorwell. „Hypnotherapie ist eine wissenschaftlich untersuchte, nebenwirkungsfreie Behandlungsmethode, die in 70 bis 95 Prozent einen deutlichen Therapieerfolg zeigt, der mindestens zwei Jahre anhält. Neben der Verminderung der körperlichen Symptome vermindern sich auch psychische Störungen, und die Lebensqualität wird deutlich verbessert“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Moser. „Der Mensch kann Schmerzempfindungen durch Gewöhnung, Nichtbeachtung oder Ablenkung aus seinem Bewusstsein ,ausschalten‘. So spüren wir z. B. unsere Kleidung nach dem Anziehen nicht mehr auf der Haut. Hypnose ist die durch Fremdsuggestion immer wieder geübte Vorstellung von einer Normalisierung der Darmfunktion und der Verminderung der Schmerzen. Langsam verändert sich damit die Schmerzschwelle und die Magen-Darm-Tätigkeit.“

Wie läuft Darmhypnose ab? Obwohl Hypnose bei allen Patienten ähnlich abläuft, wird sie in der Einzeltherapie immer der betroffenen Person angepasst. Vor Beginn wird in einem Erstgespräch die individuelle Situation erfasst und dann in der Hypnose berücksichtigt. „Bei jeder weiteren Hypnotherapiesitzung reicht ein ca. 20- bis 30-minütiges Gespräch, um die aktuelle Situation in die Hypnose einzubauen“, berichtet Moser aus ihrer Praxis. „In der ersten und zweiten Hypnosesitzung wird hauptsächlich ein Gefühl der tiefen Entspannung erzeugt. Mit Formeln und Bildern wird eine Ich-Stärkung des Betroffenen herbeigeführt. Ab der zweiten Sitzung sollte zu Hause täglich 10 bis 20 Minuten geübt werden.“ Ab der dritten Sitzung wird neben der Entspannung die Vorstellung von einer Normalisierung der Funktionen des Verdauungstraktes und der Verminderung von Schmerzen eingeführt. Professor Moser: „Entspannung und Schmerzlinderung werden mit dem Auflegen der Hände des Patienten auf den Bereich der stärksten Schmerzempfindung verstärkt. Diese Haltung kann mit tiefer Zwerchfellatmung und posthypnotischem Auftrag ,verankert‘ werden, beispielsweise mit den Worten ,Langsames und tiefes Ausatmen’ mit Handauflegen werden bei Bedarf in Alltagssituationen die Krämpfe vermindert“. Damit erhalten die Betroffenen langsam auch Selbstkontrolle, und das Gefühl des Ausgeliefertseins gegenüber den Anfällen von Schmerz oder plötzlichem Stuhldrang vermindern sich schrittweise. Zum Üben bekommen die Patienten eine vom Hypnotherapeuten besprochene CD, mit deren Hilfe täglich 10 bis 20 Minuten geübt werden sollte.

Wohin können sich Betroffene wenden? Einzelhypnose erhält man bei speziell dafür ausgebildeten Ärzten und Psychotherapeuten. „Sie sind zu empfehlen, wenn jemand besonders ängstlich ist, nicht in eine Gruppe will oder zusätzliche Beschwerden hat wie etwa eine Reizblase und psychotherapeutische Zusatzgespräche benötigt“, erklärt Professor Moser. „Leider gibt es nur wenige Kassentherapeuten und die Krankenkassen refundieren das Honorar für private Einzelbehandlungen nur teilweise.“ Im AKH Wien gibt es in der Spezialambulanz für gastroenterologische Psychosomatik die kostenlose Gruppentherapie mit dem Vorteil, dass sich die Patienten in der Gruppe auch austauschen können. Außerdem gibt es im Handel CDs mit Anleitungen zur Selbsthypnose. Dazu Professor Martin Storr, Facharzt für innere Medizin und Gastroenterologie in Gauting, Deutschland: „Studien belegen, dass die Selbstanwendung und die durch einen Therapeuten vermittelte Darmhypnose gleichwertige Therapiealternativen sind.“ Probieren Sie es also aus!

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