Frauen ticken andres

Ausgabe 2016.11

Sie leben länger – und das auch meist gesünder. Trotzdem werden Frauen von Jahrzehnt zu Jahrzehnt von ganz typischen Beschwerden und Erkrankungen begleitet. Wir zeigen, welche das sind und wie Sie sinnvoll vorbeugen können.


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Wer an Frauengesundheit denkt, hat oft Bilder von Gynäkologen-Ordinationen, Bruströntgen oder Kreißsälen im Kopf. Doch: Frauengesundheit ist ein medizinisches, oft knifflig zu lösendes Puzzle mit weitaus mehr Teilstücken.

In welcher Lebensphase sind Frauen mit welchen Problemen konfrontiert?


Welche Beschwerden machen ihnen wann zu schaffen?


GESÜNDER LEBEN wirft einen Blick auf die (hormonelle) Achterbahn, die Frauen von Pubertät über Schwangerschaft bis zu den Wechseljahren und darüber hinaus fahren (müssen).

Seitdem man seit Anfang der 2000er-Jahre nun (endlich) dank Forcierung der Gender-Medizin weiß, dass Frauen anders als Männer erkranken, dabei oft eine unterschiedliche Symptomatik entwickeln, auf Medikamente verschieden reagieren und mit anderen Nebenwirkungen zu kämpfen haben, können Therapien gezielter geschlechtsspezifisch und so Erfolg versprechender durchgeführt werden.


Mädchen zwischen 11 und 18

Aktuellen Studien zufolge fühlen sich Mädchen ab der Pubertät weniger gesund als gleichaltrige Buben: Während mehr als die Hälfte aller Jungen im Alter von 11 Jahren ihrem Gesundheitszustand ein „ausgezeichnet“ geben, sind es bei den Mädchen etwa 47 Prozent. Diese Bewertung sinkt mit steigendem Alter. „Gesundheitsförderung für heranwachsende Frauen bietet daher die Chance, das Selbstwertgefühl zu stärken und Verhaltensweisen zu fördern, die das physische und psychische Wohl nachhaltig beeinflussen“, so Frauen- und Gendermedizinexpertin Univ.-Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer. Eltern können hier eine große Stütze sein, indem sie Anlaufstelle für Probleme bleiben und in puncto Gesundheit selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Um Übergewicht einerseits und Essstörungen andererseits effektiv vorzubeugen, sollte in der Familie Wert auf ein vertrauensvolles Miteinander und einen gesunden Lebensstil gelegt werden. „Selbstbewusste und gut informierte Mädchen nehmen die körperlichen und emotionalen Veränderungen, die in der Pubertät stattfinden, natürlicher an“, ist Kautzky-Willer überzeugt. „Zudem sind sie tendenziell vor Suchtkrankheiten besser geschützt.“

Hormonkarussel. Mädchen sind in der Pubertät zum Teil mit massiven körperlichen Veränderungen konfrontiert: Nicht nur äußerlich dank der Entwicklung einer weiblicheren Silhouette – auch innerlich: Jedes Mädchen kommt bereits mit einem kompletten Vorrat an Eizellen – das können bis zu 2 Millionen sein – zur Welt. Da viele von ihnen im Lauf der Zeit absterben, sind bis zum Einsetzen der ersten Regelblutung (mit ca. 12 Jahren) noch etwa 200.000 bis 400.000 vorhanden. Damit der weibliche Zyklus funktionieren kann, produziert er nun in ganz unterschiedlichen Körperteilen wie z. B. in der Hypophyse oder in den Eierstöcken eine Reihe von Hormonen – und leitet damit die fruchtbare Periode im Leben einer Frau ein. Mütter sind oft die erste Ansprechperson, wenn es nun um zusätzliche körperliche Hygienemaßnahmen, Regelschmerzen, später um Liebeskummer oder sexuelle Identität geht. „Viele Mädchen sammeln heute ihre Informationen aber auch – oder sogar überwiegend – aus dem Internet. Da qualitätsvolle Online-Ressourcen rar gesät sind, können Recherche-Hilfestellungen von Erwachsenen oder das persönliche Gespräch sehr dienlich sein“, betont Kautzky-Willer. Der Gynäkologe muss übrigens nicht sofort mit Einsetzen der ersten Regelblutung aufgesucht werden. Ein Besuch empfiehlt sich aber spätestens, wenn sich Mädchen über passende Verhütungsmethoden informieren möchten, bis zum 16. Lebensjahr keine Menstruation eingesetzt hat, sich ungewöhnlicher Ausfluss bemerkbar macht, starke Regelbeschwerden bzw. Schmerzen im Unterleib anhalten und natürlich wenn eine Schwangerschaft vermutet wird. Um einer HPV-Infektion entgegenzuwirken, die zu Gebärmutterhalskrebs führen kann, ist es zudem ratsam, Mädchen (aber auch Buben!) rechtzeitig – also noch bevor die ersten sexuellen Kontakte stattfinden – zu impfen. „Der 9-fach-Impfstoff steht Kindern in Österreich zwischen dem vollendeten 9. und dem vollendeten 12. Lebensjahr kostenfrei zur Verfügung“, so Kautzky-Willer.


 

Frauen zwischen 19 und 35

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Ab dem 18. Lebensjahr sollte einmal jährlich vom Frauenarzt – zwecks Gebärmutterhalskrebsvorsorge – ein Abstrich vom Muttermund sowie eine Kolposkopie, also eine Untersuchung des Gebärmutterhalses mit einer starken Lupe, erfolgen. Das gilt übrigens auch für geimpfte Frauen! Zusätzlich werden im Rahmen dieses Gynäkologenbesuchs auch die inneren Geschlechtsorgane über Bauch und Vagina abgetastet, um Auffälligkeiten rechtzeitig zu erkennen. Ab dem 30. Lebensjahr tastet der Arzt zusätzlich auch die Brüste ab, um Veränderungen, die beispielsweise auf Zysten oder Brustkrebs hinweisen, festzustellen. Viele Mediziner raten auch zu regelmäßigen Selbstuntersuchungen, um mögliche Tumore früh zu entlarven.

Kinderwunsch? Bei vielen Frauen zwischen 19 und 35 erfüllt sich nun auch ein Kinderwunsch – bei den einen leichter, bei den anderen schwerer. Die Wahrscheinlichkeit, innerhalb eines Monatszyklus schwanger zu werden, liegt bei einer Frau zwischen 20 und 30 Jahren bei etwa 30 Prozent. Optimale Bedingungen schafft man bereits im Vorfeld mit einer ausgewogenen Ernährung, der ausreichenden Zufuhr von Folsäure, regelmäßiger Bewegung, Stressreduktion, dem Verzicht auf Tabak und Alkohol und einer ärztlichen Überprüfung, ob eine ausreichende Rötelimmunität besteht. Empfehlenswert ist – wie übrigens natürlich in jeder Lebensphase – auch ein Besuch beim Zahnarzt, da Entzündungen im Zahnfleisch oder im Bereich von wurzelbehandelten Zähnen einen ungünstigen Einfluss auf die Entstehung und den Verlauf einer Schwangerschaft haben können. Wenn innerhalb eines Jahres – trotz regelmäßigen Geschlechtsverkehrs und unauffälligem Gesundheitszustand – die ersehnte Schwangerschaft doch nicht eintritt, können die Ursachen vielfältig sein. Sie reichen von verklebten Eileitern über Endometriose (Wachstum der Gebärmutterschleimhaut außerhalb des Uterus‘) bis zu Eierstockzysten – um nur einige zu nennen. „Eine rechtzeitige Abklärung mit dem Arzt ist notwendig, um etwaige hormonelle Störungen oder Krankheiten zu erkennen bzw. zu behandeln und gegebenenfalls auch an eine künstliche Befruchtung zu denken“, so Kautzky-Willer. Übrigens: Die Endometriose ist laut Österreichischem Frauengesundheitsbericht 2010/2011 bei 30 bis 40 Prozent aller Fälle für ungewollte Kinderlosigkeit verantwortlich – und tarnt sich dabei oft hinter „intensiven Regelschmerzen“, die noch dazu häufig bagatellisiert werden. Dabei ist Endometriose die zweithäufigste gutartige gynäkologische Erkrankung von Frauen im gebärfähigen Alter. Rund zwei Drittel aller Patientinnen sind unter 35 Jahre. Bei chronischen und unerträglichen Regelschmerzen, die auch mit Bauch-, Kreuz- und Beckenbodenschmerzen sowie Übelkeit einhergehen können, sollten Sie daher umgehend einen Arzt konsultieren. Dieser kann nach einer genauen gynäkologischen Untersuchung etwaig notwendige Therapiemöglichkeiten aufzeigen.
Übrigens: Zu weiteren häufigen und behandlungsbedürftigen Beschwerden in dieser Altersklasse zählen gynäkologische Erkrankungen wie Harnwegsinfekte und Scheidenpilz oder das Reizdarmsyndrom. „Auch Autoimmunkrankheiten wie Schilddrüsenfunktionsstörungen, rheumatische Erkrankungen oder multiple Sklerose erreichen hier ihren Altersgipfel“, ergänzt Kaut-zky-Willer.


 

Frauen zwischen 36 und 55

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Der Trend zur „späten Mutterschaft“ steigt. Immer mehr Frauen entscheiden sich erst nach dem 35. Lebensjahr für eine Schwangerschaft. Darunter sind auch viele Erstgebärende. „Medizinisch gesehen gelten sie als ,Risikoschwangere’, jedoch müssen sie nicht zwangsläufig mit Komplikationen rechnen. Vorbeugend sollten aber engmaschigere Kontrollen wahrgenommen werden, um Risikofaktoren wie Schwangerschaftsbluthochdruck oder -diabetes zu minimieren“, empfiehlt Kautzky-Willer. Ein Zuckerbelastungstest wird beispielsweise in der 24. bis 28. Schwangerschaftswoche im Rahmen der Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen kostenlos durchgeführt. Frauen mit höherem Risiko sollten aber schon zu Beginn der Schwangerschaft auf einen bereits bestehenden unerkannten Diabetes getestet werden. Da Kinder von Spätgebärenden auch ein höheres Risiko für Chromosomenstörungen besitzen, wird der behandelnde Arzt auf Möglichkeiten der Pränataldiagnostik hinweisen. Grundsätzlich sinkt die relative Wahrscheinlichkeit für eine Schwangerschaft mit steigendem Alter. Liegt sie im Alter von weniger als 35 Jahren noch bei 85 Prozent, so sinkt diese danach auf 55 Prozent. Eine nur knapp 5-prozentige Wahrscheinlichkeit besteht ab einem Alter von 45 Jahren. Danach stellt sich der Körper bei vielen Frauen schon auf die kommende Menopause ein und verringert die Produktion des Gelbkörperhormons. „Diese Abnahme führt zu unregelmäßigen Menstruationen, ausbleibenden Eisprüngen und prämenstruellen Begleiterscheinen wie Brustspannen oder Migräne“, weiß Kautzky-Willer.

Rechtzeitig vorsorgen. Ab dem 40. Lebensjahr steigt die Wahrscheinlichkeit für beginnende Augenerkrankungen. Daher ist es ab diesem Zeitpunkt ratsam, alle 2 Jahre einen Augenarzt zu konsultieren, um einerseits Sehschwächen und andererseits Erkrankungen wie grauen und grünen Star oder sogar Augentumore rechtzeitig zu erkennen. Etwa ab dem 45. Lebensjahr ist es außerdem alle 2 Jahre empfehlenswert, im Rahmen der Brustkrebsvorsorge Mammografien durchführen zu lassen – bei familiärer Vorbelastung natürlich schon früher. „Brustkrebs ist zwar die häufigste Krebserkrankung bei Frauen, aber mittlerweile dank ausgereifter Früherkennungsprogramme und Therapiemöglichkeiten meist gut behandelbar“, so Kautzky-Willer. Nach dem 45. Lebensjahr raten viele Experten zur Durchführung einer Knochendichtemessung, um den Knochenkalkmineralgehalt zu definieren. Gut zu wissen: „Da wir schon ab dem 40. Lebensjahr Knochenmasse verlieren, können mit kalziumreicher Ernährung und der Zufuhr von Vitamin D Präventionsmaßnahmen gesetzt werden“, erläutert Kautzky-Willer. Viel Bewegung hilft zudem, unser Knochengerüst „geschmeidig“ zu halten, den weitverbreiteten Rückenbeschwerden vorzubeugen und Stress, dem Frauen „dank“ Doppel- und Dreifachbelastung zweifelsohne ausgesetzt sind, abzubauen.


 

Frauen zwischen 56 und 70

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Wenn die letzte Regelblutung nicht schon vor dem 55. Lebensjahr stattgefunden hat, ist es spätestens zwischen 55 und 60 so weit. Nach Jahrzehnten der regelmäßigen Zyklustätigkeit stellen die Eierstöcke die Produktion der weiblichen Geschlechtshormone ein, wodurch der Botenstoffhaushalt ins Wanken gerät. Die möglichen Folgen: Hitzewallungen, Schlafstörungen, Gewichtszunahme, Chaosblutungen, trockene Haut oder Stimmungsschwankungen. Aufgrund des individuellen Verlaufs der Hormonumstellung werden jedoch auch die Wechselbeschwerden ganz unterschiedlich empfunden: Je ein Drittel aller Frauen leidet entweder unter keinen, leichten bis mittleren oder mittleren bis starken Symptomen. Sind die Beschwerden nur leicht, reicht oft schon eine Umstellung des Lebensstils: Aktive Entspannungsmomente mit Yoga oder Meditation heben die Laune; gesunde und kalorienreduzierte Kost wirkt unerwünschter Gewichtszunahme entgegen und last, but not least stärkt viel Bewegung die Knochen sowie das Herz-Kreislauf-System. Das ist ganz besonders wichtig: „Frauen sterben nämlich häufiger an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung als Männer. Allerdings ziehen sie sich diese um circa 10 bis 15 Jahre später zu. Man vermutet, dass die weiblichen Geschlechtshormone, deren schützender Effekt mit Beginn der Wechseljahre nachlässt, dafür verantwortlich sind“, betont Kautzky-Willer.

Hormone – ja oder nein? Bei einigen Frauen in den Wechseljahren, die von starken wechselbedingten Symptomen heimgesucht werden, ist auch die kombinierte Gabe von Östrogen und Progesteron überlegenswert, um den natürlichen Hormonstatus wiederherzustellen. Da nach wie vor an Zusammenhängen zwischen Hormonersatz und bestimmten Krebsarten geforscht wird, sollte die Devise aber lauten: So viel wie nötig und so wenig wie möglich. Lassen Sie sich von Ihrem Arzt individuell beraten. Da die Stütz- und Haltefunktion des weiblichen Beckenbodens mit zunehmendem Alter immer schwächer wird, haben Frauen in dieser Altersgruppe auch verstärkt mit einer „schwachen Blase“ und folglich Harnwegsinfekten zu kämpfen. „Eine urologische Abklärung ist hier empfehlenswert“, so Kautzky-Willer. „Eventuell können die Beschwerden durch eine vaginale Östrogenzufuhr gelindert werden.“ Um es erst gar nicht so weit kommen zu lassen, kann mit einem gezielten Training für den Beckenboden – bereits in jüngeren Jahren – vorgebeugt werden.

Keine Chance dem Darmkrebs. Weiterhin „am Plan“ stehen regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen: Ab dem 50. Lebensjahr sollte man jährlich im Rahmen der Gesundenuntersuchung eine Analyse auf okkultes Blut im Darm, also Tests auf verstecktes Blut im Stuhl, durchführen. Dadurch können Hinweise auf gut- bzw. bösartige Tumore im Bereich des unteren Verdauungstraktes geliefert werden. „Ab dem 55. Lebensjahr ist es ratsam, sich zusätzlich alle 5 Jahre einer Darmspiegelung zu unterziehen“, sagt Kautzky-Willer.


 


Frauen ab 70

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Frauen leben im

Allgemeinen länger und sind auch in der Überzahl: Sie werden laut Statistik Austria durchschnittlich 84 Jahre und ihr Anteil bei den 75-Jährigen und Älteren liegt bei stolzen 62 Prozent. Dennoch: Länger zu leben bedeutet nicht zwangsläufig, gesünder zu bleiben. Entscheidend für den Gesundheitszustand sind der Lebensstil aus den früheren Jahren sowie die individuelle Gesundheitsvorsorge und Rehabilitation nach bereits aufgetretenen Einschränkungen. Zu den häufigsten Gesundheitsbedrohungen im Alter zählen laut Österreichischem Frauengesundheitsbericht 2010/2011 Demenzerkrankungen, Osteoporose, Inkontinenz, Parkinson sowie chronische Krankheiten und Beschwerden wie erhöhter Blutdruck, Erkrankungen der Gelenke, Gefäßstörungen an den Beinen oder Diabetes. Auch Rückenbeschwerden, Seh- und Hörschwächen, Schlafstörungen, Schwindel, Schwäche und Müdigkeit können sich dazugesellen. Umso wichtiger werden regelmäßige Arztbesuche und Gesundheitschecks, um eine hohe Lebensqualität so lange wie möglich zu erhalten. Darüber hinaus haben einige Studien gezeigt, dass Frauen länger und mit mehr Lebensfreude leben, wenn sie lange mobil bleiben, soziale Kontakte pflegen, ihre grauen Zellen mit „Denksportaufgaben“ wie Lesen, Schreiben, Schachspielen etc. auf Trab halten und das Interesse an der Welt nicht verlieren. – Bleiben Sie also neugierig!

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