Montag, 18. Februar 2019

Frauen & Männer Eine (medizinische) Gebrauchsanleitung

Ausgabe 05/2012
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Frauen sind anders, Männer auch. Das gilt besonders für Angelegenheiten der Gesundheit. Die neue Disziplin der Gendermedizin analysiert und respektiert beide Geschlechter in ihrer Eigenart. Mit verblüffenden Ergebnissen.

Foto: iStock - lisegagne
Männlich, weiß, mittleres Alter“: An diesem Prototyp wurden jahrzehntelang und bis vor kurzem die meisten wissenschaftlichen Untersuchungen zur Wirksamkeit von Medikamenten durchgeführt. Was Wunder also, dass diesbezüglich verlässliche Daten für das weibliche Geschlecht fehlen? Aber: Heutzutage müssen in solche Studien auch Frauen miteinbezogen werden, und durch diesen Fortschritt haben sich viele wichtige neue Erkenntnisse ergeben. Zu verdanken ist dies dem innovativen wissenschaftlichen Zweig der Gendermedizin, deren Ursprünge in den USA der 1980er Jahre liegen und die sich nun auch hierzulande durchzusetzen beginnt. Doch was steckt hinter dem Zauberwort, das auch Schluss macht mit einer medizinischen Behandlung von Mann und Frau, bei der beide Geschlechter – zu Unrecht – über einen Kamm geschoren werden? „Die Gendermedizin orientiert sich an biologischen und psychosozialen Faktoren und an individuellen Bedürfnissen beider Geschlechter in allen Sparten der Medizin. Das beginnt schon mit den verschiedenen Zugängen von Frauen und Männern zu den Themen Vorsorge, Lebensstil und Therapien“, erklärt die Stoffwechselexpertin und erste Professorin für Gendermedizin an der Medizinischen Universität Wien, Univ.-Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer. „Dieser Forschungsansatz beschäftigt sich zudem nicht nur mit körperlichen Unterschieden zwischen Mann und Frau und Krankheitsbehandlung und -entstehung, sondern auch mit Gesundheitsverhalten und Prävention von Krankheiten.“

Was ist Gendermedizin? Der ebenso spannende wie wichtige neue Forschungszweig steht wie gesagt auf zwei großen Pfeilern: dem biologischen und dem psychosozialen. Die biologische Ebene umfasst die Geschlechtsorgane, die Anatomie im Allgemeinen, die Hormone, die Geschlechtschromosomen, das Gefäßsystem, den Stoffwechsel und das Immunsystem. Die psychosozialen Faktoren betreffen die Kultur, die Umwelt, die Lebenswelten von Frauen und Männern sowie ihre individuellen Bedürfnisse. Bedeutsam ist das zum Beispiel deshalb, weil etwa das Thema Ernährung für Frauen ein sehr zentrales ist, oder weil sich Männer leichter zu körperlicher Betätigung motivieren lassen als Frauen. „Gendermedizin ist aber keine ,Frauenmedizin‘, sondern sie gilt für beide Geschlechter, und durch ihre Ergebnisse haben Männer wie Frauen ihren Nutzen“, sagt Kautzky-Willer, und: „Gender ist letztlich ein Faktor in einem großen Ganzen, den man immer bedenken muss.“

Was Frauen und Männer brauchen. Tatsächlich zeigen sich schon in der Diagnosestellung beträchtliche Unterschiede zwischen Frau und Mann: Männer schildern zielgerichtet ihre Beschwerden, Frauen hingegen brauchen meist mehr Zeit, um ihre individuelle Situation zu beschreiben. Zudem neigen sie dazu, ihre Beschwerden zu verharmlosen – so werden viele Erkrankungen bei ihnen übersehen oder erst später richtig diagnostiziert. Männer hingegen interessieren sich weniger für Vorsorge und kommen deswegen oft erst in späteren Erkrankungsstadien erstmals zur ärztlichen Untersuchung. Ein weiterer heikler Punkt ist das Arzt-Patientengespräch: Es orientiert sich nämlich oft am männlichen Gesprächsstil. Eine ausführliche und einfühlsame Gesprächsführung und ein wertschätzendes Klima kommen vielfach zu kurz. Das aber würden Frauen hoch schätzen, denn für sie ist die Beziehung zu ihrem Arzt oder ihrer Ärztin wichtiger als für Männer. Sie legen Wert auf gute Betreuung und eine emotionale, zwischenmenschliche Tiefe. Die wird ihnen eher von Ärztinnen geboten, welche sich mehr Zeit für ihre Patienten nehmen, sich mehr mit Details auseinandersetzen und auf das psychische Umfeld eingehen. Heute weiß man, dass diese Dinge von entscheidender Bedeutung sein können, denn – so Kautzky-Willer: „Ein ungeeigneter Kommunikationsstil kann unter Umständen eine Ursache für falsche oder mangelhafte Diagnosestellung sein.“

Der kleine Unterschied
Männer und Frauen unterscheiden sich in medizinischer Hinsicht ganz massiv. Hier einige Fakten:
  • Lebenserwartung. Rund zwei Drittel der älteren Menschen sind Frauen. Die Lebenserwartung von Frauen liegt um sechs Jahre über jener der Männer.
  • Gesundheitsbewusstsein. Frauen sind gesundheitsbewusster als Männer. Sie schätzen ihre Gesundheitsrisiken aber oft falsch ein.
  • Diagnoseverhalte. Frauen gehen häufiger zum Arzt. Da sie aber dazu tendieren, ihre Beschwerden zu verharmlosen, werden organische Erkrankungen oftmals übersehen oder später diagnostiziert als bei Männern. Während Männer körperlich untersucht werden, erhalten Frauen oftmals eine psychosomatische Diagnose und werden in weiterer Folge gar nicht oder erst später behandelt.
  • Zusammensetzung des Körpers. Der Körper des Mannes besteht zu 60 bis 70 Prozent aus Wasser, jener der Frauen nur zu 50 bis 60 Prozent. Das Körperfettgewebe macht bei Frauen 27 Prozent, bei Männern hingegen nur 15 Prozent aus. Das Körperfett sammelt sich bei Frauen an Bauch, Hüften und Po, bei Männern am Oberbauch. Im Ruhezustand ist der Kalorienverbrauch bei Männern etwas höher als bei Frauen.
  • Blut. Während Frauen nur über 3,6 Liter Blut verfügen, sind es bei Männern 4,5 Liter. Die Anzahl der roten Blutkörperchen ist bei Männern um 20 Prozent größer, der durchschnittliche Blutdruck mit 140:88 höher als bei Frauen mit 130:80.
  • Atmung. Frauen atmen mit durchschnittlich 22 Atmungen pro Minute deutlich häufiger als Männer mit 16 Atmungen.
  • Immunsystem. Frauen haben ein besseres Immunsystem als Männer. Sie sind weniger oft von Infektionskrankheiten betroffen.
  • Nebenwirkungen von Medikamenten. Da sich der männliche und der weibliche Körper unterscheiden, wirken sich Medikamente auch anders aus. Unerwünschte Wirkungen oder Überdosierungen sind bei Frauen häufiger anzutreffen.


Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Frauen & Männer Eine (medizinische) Gebrauchsanleitung
Seite 2 Die unterschiedlichen Krankheiten der Geschlechter

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