Freitag, 15. November 2019

Ess-Brechsucht (Bulimia Nervosa)

13. Oktober 2011
Bulimie ist eine Essstörung, die meist junge Frauen der Altersgruppe um Mitte zwanzig erfasst. Häufig waren diese Frauen als Kinder ein wenig pummelig. Brechsüchtige Frauen leiden unter der panischen Angst, sie könnten zu dick werden.


Sie nehmen meist nicht so extrem ab wie Magersüchtige und halten ihr Gewicht oft noch im Normbereich.

Die betroffenen Frauen leiden unter „Essanfällen“. Innerhalb kürzester Zeit stopfen sie Unmengen hochkalorischer und dickmachender Nahrungsmittel (z.B. Schokolade, Torten) in sich hinein. Anschließend wird die ganze Mahlzeit erbrochen.

Dieses Erbrechen verursacht starke Scham- und Schuldgefühle und in weiterer Folge depressive Zustände. Das Erbrechen müssen sie häufig nicht mehr manuell herbeiführen, der Gedanke daran verursacht es schon. Ähnlich wie bei Alkoholabhängigkeit erleben die Ess-Brechsüchtigen während des Essens euphorische Zustände und nach dem Erbrechen die Katerstimmung.

Ess-Brechsüchtigen ist bewusst, dass ihr Essverhalten gestört ist. Dieses Bewusstsein führt meist zu einer starken Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls. Das häufige Erbrechen führt auch dazu, dass das natürliche Völlegefühl verloren geht, sodass die Essanfälle häufiger und exzessiver werden.

Rund 5% der 15 bis 35-jährigen Mädchen und Frauen leiden unter Bulimie.

Diagnosekriterien
  1. Wiederholte Episoden von Essattacken, die durch den Verzehr von Mengen an Nahrung gekennzeichnet sind, welche die meisten Menschen im gleichen Zeitraum nicht essen würden. Dabei haben die Betroffenen das Gefühl, die Kontrolle über das Essverhalten (Menge und Art der aufgenommenen Nahrung) zu verlieren
  2. Wiederholte Anwendung von unangemessenen, eine Gewichtszunahme verhindernden Maßnahmen, wie z.B. absichtlich herbeigeführtes Erbrechen, Verwendung von Brechmitteln, Entwässerungstabletten, Klistieren, Fasten oder übermäßige körperliche Betätigung
  3. Die Essattacken sowie die Maßnahmen, die eine Gewichtszunahme verhindern sollen, kommen drei Monate lang mindestens zweimal pro Woche vor
  4. Figur und Körpergewicht haben einen übermäßig großen Einfluss auf das Selbstwertgefühl und die Selbsteinschätzung

Symptome und mögliche Folgen der Ess-Brechsucht
  • Große Gewichtsschwankungen innerhalb kürzester Zeit
  • Essen in Gesellschaft wird so oft wie möglich vermieden.
  • Wenn Essen im sozialen Rahmen (bei Feiern oder offiziellen Essen) unvermeidbar ist, ziehen sich die Betroffen während der Mahlzeit auffällig lange zurück, um zwischendurch zu erbrechen.
  • Starke Neigung sich selbst zu isolieren. Dadurch gehen Freundschaften und unter Umständen die gesamte Einbindung in soziale Systeme verloren.
  • Depressive Verstimmungen treten häufig auf
  • Das Gefühl der Hilflosigkeit beherrscht das Denken
  • Geringes Selbstwertgefühl
  • Vernachlässigung von Aufgaben in Schule, Arbeit oder Studium
  • Lebensfreude und Vitalität gehen verloren.
  • Das Suchtverhalten bestimmt den Tagesablauf.
  • Die Magensäure greift beim Erbrechen den Zahnschmelz an. Das Zähneputzen nach dem Erbrechen hat einen kontraproduktiven Effekt, weil dadurch die Magensäure in die Zähne gerieben wird.
  • Durch das Erbrechen schwellen die Speicheldrüsen an, wodurch das Gesicht aufgedunsen wirkt.
  • Aufgrund der Einnahme von Entwässerungsmitteln kann es zu Nierenschädigungen kommen.
  • Der Gebrauch von Abführmitteln führt zu Eiweißmangel und Störungen im Elektrolythaushalt
  • Magendarmbeschwerden, wie z.B. Blähungen, Verstopfung
  • Schmerzhafte Reizung der Speiseröhre
  • Herzrhythmusstörungen
  • Muskelschwäche und Mattigkeit
  • In seltenen Fällen kann es auch zu epileptischen Anfällen kommen.
  • Wegen der großen Mengen an Lebensmitteln, die bei Essattacken konsumiert werden, kann es auch zu finanziellen Problemen kommen.

Ursachen der Ess-Brechsucht
  • Das Bestreben, dem herrschenden Schönheitsideal zu entsprechen, schlank und dadurch attraktiv zu sein
  • Zu wenig bzw. die falsche Zuwendung, die für die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls notwendig wäre
  • Große Erwartungshaltungen von Seiten der Eltern - Die Betroffenen sind oft damit aufgewachsen, dass sie nur dann etwas wert sind, wenn sie besonders gut, besonders tüchtig, besonders schön, besonders begehrenswert, besonders witzig und schlagfertig, besonders klug usw. sind.
  • Der Hunger nach Anerkennung wird oft als Hunger auf Essen wahrgenommen
  • Sexueller Missbrauch und Misshandlungen – Dadurch wird die sexuelle Identität und damit die gesamte Persönlichkeit verletzt.
  • In ihren Beziehungen haben die Betroffenen oft das Gefühl, benutzt und ausgebeutet zu werden.

Literatur:
1. Suchtpräventionsstelle Salzburg: Thema ist...Essen.; in Akzente
2. Bärbel Wardetzki: Bulimie: der Hunger nach Anerkennung
3. Trojovsky et al.: Anorexia nervosa – Magersucht; in Paediatrie und Paedologie 30, 1995), A93-99;
4. König et al.: Anorexie und Bulimie...wenn Essen unnatürlich wird; Informationsbroschüre der Österr. Ges. für Neurolgie und Psychiatrie
5. Saß, Wittchen, Zaudig: Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen (DSM-IV), Hogreve, 1998
6. Dt. Ges. f. Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychiatrie u.a.(Hrsg.) Leitlinien zur Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter. Dt. Ärzteverlag, 3. überarbeitete Auflage 2007, S. 117 - 130

Autor: Dr. Gerlinde Stern-Pauer, Mag. Christian Reumann

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