Montag, 27. Mai 2019

Erschöpft oder ausgebrannt?

Ausgabe 09/2013
Seite 1 von 2

Es gibt eine Reihe von Symptomen, die auf ein Burn-out hinweisen können. Nicht jede Erschöpfung ist indes ein Burn-out. GESÜNDER LEBEN hat mit Experten gesprochen. Plus: So können Sie vorbeugen.


Foto: Can Stock Photo Inc. - evgenyatamanenko

Laut Schätzungen sollen in Österreich eine halbe Million Menschen unter einem Burn-out-Syndrom leiden, an den Vorstufen eineinhalb Millionen. Tendenz steigend. Genaue Zahlen gibt es nicht, da Burn-out keine „eigenständige" Krankheit ist, sondern eine Palette von Symptomen – mehr als 150 verschiedene bislang –, die auch bei vielen anderen psychischen Erkrankungen auftreten. Laut einer EU-weiten Erhebung der Arbeitsbelastungen betreffen Stress und Burn-out etwa ein Viertel der arbeitenden Bevölkerung Europas. Erschreckend: In Österreich hat die Zahl der Krankenstandstage durch psychische Erkrankungen seit dem Jahr 2000 um nahezu 77 Prozent zugenommen. Der volkswirtschaftliche Schaden, der durch ausgebrannte Mitarbeiter entsteht, ist enorm: In der Schweiz errechnete das Bundesamt für Statistik den entstandenen Schaden mit knapp drei Milliarden Euro.

Wenn die Seele um Hilfe schreit.

Das Burn-out-Syndrom (Syndrom kommt aus dem Griechischen und wird in der Medizin und in der Psychologie verwendet, wenn gleichzeitig verschiedene Krankheitszeichen vorliegen) trifft vor allem Menschen, die überaus engagiert sind, sich für alles und jeden verantwortlich fühlen, die in ihrer Arbeit aufgehen. Menschen also, die Schwierigkeiten haben, sich abzugrenzen, Menschen, die ihre Grenzen nicht kennen oder aber sie nicht anerkennen. Vor dreißig Jahren wurde der Begriff Burn-out (zu Deutsch: ausgebrannt) das erste Mal verwendet. Betroffen waren vor allem Menschen in helfenden Berufen (Ärzte, Krankenschwestern, Lehrer, Sozialarbeiter) und Manager. Heute geht es quer durch alle Berufsgruppen. Den Grund dafür orten Experten in den ständig steigernden Anforderungen der Arbeitswelt und dem enormen Druck, der inzwischen auf jedem lastet. Vielfach liegt die Belastung auch nicht an der Anzahl der Stunden – oder Überstunden –, sondern auch an der Qualität des Arbeitsplatzes und -umfelds. Emotionale Beanspruchung durch schlechte Stimmung im Betrieb, mangelnde Anerkennung, aber auch unnachvollziehbare Änderungen der Betriebsleitung können Mitarbeitern enorm zusetzen.

Sind Sie Burn-out gefährdet?

Es gibt eine Reihe von Symptomen – anbei die häufigsten –, die auf ein Burn-out hinweisen. Eine eindeutige Diagnose können nur Fachleute – Ärzte, Psychologen oder Psychotherapeuten –
stellen.

  • Psychische Symptome. Niedergeschlagenheit, Schuldgefühle, Zweifel, Negativität, Selbstkritik, Konzentrationsstörungen, Ängste, Nervosität.
  • Körperliche Symptome. Stress, Müdigkeit, Manie, Herzrasen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Gewichtsveränderungen, Libidoverlust, nicht genau definierbare körperliche Schmerzen.
  • Verhaltensmerkmale. Gereiztheit, Wut, Ärger, Zynismus, Risikobereitschaft, Überforderung, emotionale Distanz zur Arbeit, sozialer Rückzug, Suchtmittelmissbrauch, Hinausschieben,Entscheidungsschwäche.

Eine Erschöpfungsdepression kommt nicht von heute auf morgen.

Das Burn-out-Syndrom zeichnet sich in der Regel schon sehr lange ab, oft Jahre bevor der betroffene Mensch zusammenbricht – emotional und körperlich, im sozialen Bereich, auf der kognitiven Ebene – und nicht mehr in der Lage ist, seine Arbeit fortzusetzen. „Es ist ein schleichender Prozess", sagt Psychotherapeutin und Coach Dr. Marlies Garbsch. „Die ersten Anzeichen sind sehr alltäglich, jeder ist mal erschöpft, müde und antriebslos." Oft hilft da ein Kurzurlaub, ein Gespräch mit Freunden, ein Wochenende, in dem man einfach einmal ausschläft. Kurz und gut: seine Batterien wieder auflädt. Treten die Symptome allerdings geballt und über längere Zeit auf, dann können diese Anzeichen eines beginnenden Burn-out-Syndroms sein. Und da ist Handeln angesagt. Denn: „Es hilft, wenn man schon die ersten Anzeichen wahrnimmt und damit beginnt gegenzusteuern", so die Expertin. „Je stärker die Probleme werden, desto schwieriger ist es, da wieder herauszukommen."

Die Erkenntnis ist der erste Weg zur Besserung.

Zuwarten, nichts tun, ein bisschen sporteln, ab und an entspannen – wenn es doch nur so einfach wäre. Das ist es jedoch nicht. „Ein umfassendes Diagnosegespräch ist in diesem Stadium das Sinnvollste, um die individuellen Entstehungsgründe abzuklären", sagt Garbsch. Dafür müsste sich die betreffende Person jedoch krankheitseinsichtig zeigen und bereit sein, professionelle Unterstützung zu holen. Und genau daran scheitert es leider oft. Folgende Fragen lassen sich schon zu Beginn klären: Welche Schwierigkeiten gibt es am Arbeitsplatz, im familiären Umfeld, im Freundeskreis? Welche psychischen Probleme bestehen? Ist es eine klassische oder eine Erschöpfungsdepression? Ist es eine Angststörung? Besteht eine Arbeitssucht? Ist es eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung? Liegt es am Perfektionismus? An den Glaubenssätzen, den Verhaltensmustern? Daraus ergibt sich dann die Behandlung und der Therapieprozess. Da können Betroffene bereits in einem frühen Stadium lernen, Sensibilität für eigene Bedürfnisse zu entwickeln, Ansprüche zu relativieren, Erwartungen zu überprüfen, bewusste und unbewusste Verhaltensmuster zu erkennen, Stress zu identifizieren und so weit wie möglich zu reduzieren.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Erschöpft oder ausgebrannt?
Seite 2 Rechtzeitig die Notbremse ziehen!

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