Mittwoch, 27. Januar 2021

„Ene, mene muh und raus musst Du!“

01. September 2011
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„... lange schon war die Entenmutter gesessen, bis endlich auch das letzte Ei platzte. „Piep, piep!“ sagte das Junge und kroch heraus. Es war sehr groß und hässlich! „Pfui, wie das Entlein aussieht, das wollen wir nicht dulden!“ sagte eine der anderen Enten und biss es in den Nacken. „Lass es gehen!“ sagte die Mutter; „es tut ja niemanden etwas.“ Aber das arme Entlein, welches zuletzt aus dem Ei gekrochen war und so hässlich aussah, wurde gebissen, gestoßen und ausgelacht, und das sowohl von den Enten, wie von den Hühnern.

Foto: flickr.com - Capture Queen ™ Das arme Entlein wusste nicht, wo es stehen oder gehen sollte; es war so betrübt, weil es hässlich aussah und vom ganzen Entenhof verspottet wurde. „Ich glaube, ich gehe hinaus in die weite Welt!“ sagte das Entlein. „Ja, tue das!“ sagte die Henne. Und das Entlein ging; es schwamm auf dem Wasser, es tauchte unter, aber von allen Tieren wurde es wegen seiner Hässlichkeit übersehen. Der Winter wurde kalt, so kalt! Aber all die Not und das Elend, welches das Entlein in dem harten Winter erdulden musste, zu erzählen, würde zu trübe sein.

Es lag im Moor zwischen dem Schilf, als die Sonne wieder warm zu scheinen begann. Die Lerchen sangen; es war herrlicher Frühling. Da konnte auf einmal das Entlein seine Flügel schwingen; sie schlugen stärker als früher und trugen es kräftig davon. Plötzlich entdeckte das hässliche Entlein drei prächtige weiße Schwäne; sie brausten mit den Federn und schwammen ganz leicht auf dem Wasser. Das Entlein bestaunte die prächtigen Tiere und wurde von einer eigentümlichen Traurigkeit befangen. „Ich will zu ihnen hinfliegen, zu den königlichen Vögeln!“ sagte es und es flog hinaus in das Wasser und schwamm den prächtigen Schwänen entgegen. Diese erblickten es und schossen mit empor gesträubtem Gefieder auf es los. Das arme Entlein neigte seinen Kopf der Wasserfläche zu und erwartete ihren Spott. Aber was erblickte es da im Wasser? Es sah sein eigenes Bild unter sich, das kein plumper schwarzgrauer Vogel mehr, hässlich und garstig, sondern selbst ein Schwan war. Nun erkannte es erst recht sein Glück an all der Herzlichkeit, die es begrüßte. Und die großen Schwäne umschwammen es und streichelten es mit dem Schnabel.“

Wer kennt nicht Hans Christian Andersens Märchen vom hässlichen grauen Entlein? Und wie bei allen Märchen, die doch „nur“ erdichtet sind, steckt auch hier ein Fünkchen Wahrheit und Lebensweisheit drinnen. So war und ist es für heranwachsende junge Menschen zu allen Zeiten eine große Herausforderung, den eigenen Weg zu finden, sich selbst kennen zu lernen und mit allen seinen Besonderheiten und Möglichkeiten anzunehmen und von anderen angenommen zu werden, ohne die eigenen Besonderheiten leugnen zu müssen.

Aus der psychologischen Forschung wissen wir heute, dass es für Kinder nicht nur schön und lustig ist, Freunde zu haben, mit denen man spielen kann, sondern dass Freundschaften für die kognitive, soziale und moralische Entwicklung des Kindes eine wichtige Rolle spielen.

Freundschaftsbeziehungen helfen Kindern bereits sehr früh, ihre Selbstbezogenheit zu überwinden, und sich mit einem gleichwertigen „Du“ auseinander zu setzen, auf es einzugehen und Rücksicht zu nehmen. Freundschaften sind ein Übungsfeld für sich entwickelnde soziale Verhaltensweisen. Sie sind im Gegensatz zur Eltern-Kind-Beziehung von Gleichrangigkeit gekennzeichnet und liefern Kindern daher im gegenseitigen Messen im gemeinsamen Spiel Verhaltens und Bewertungsstandards, die Orientierungssicherheit und die Entwicklung eines realistischen Selbstbildes ermöglichen, ebenso wie die Entwicklung von moralischen Standards.

Mit dem Heranwachsen eines Kindes ändern sich auch seine Ansprüche, Vorstellungen und Motive von Freundschaften. Während Kleinkinder, sowohl Menschen als auch Tiere, die zu ihnen nett sind, oftmals sofort als Freunde bezeichnen das momentane Miteinanderspielen also bereits Freundschaft begründet und Freundschaften in diesem Alter daher auch rasch wechseln, nimmt mit steigendem Alter die Zahl der Freunde zunächst ab. Acht bis Zwölfjährige nennen meistens nur noch einen „besten Freund“ (und dazu mehrere andere Freunde), der in der Regel dem eigenen Geschlecht entspricht. Jugendliche ab 16 Jahren geben in der Mehrzahl der Fälle wieder mehrere Freunde an, die häufig eine „Clique“ bilden. Ausschließlichkeit ist hier also nicht mehr in Freundschaftsbeziehungen, sondern bereits in den ersten Liebesbeziehungen gegeben. Bei jungen Kindern sind Freunde ein „Mittel zum Zweck“, man braucht sie zum Spielen und als Helfer in schwierigen Situationen, wenn man irgendwie „in der Klemme steckt“. Bei Volksschulkindern gewinnt aber bereits zunehmend auch der soziale Aspekt als Motiv für Freundschaften an Bedeutung; der Freund wird als Gesellschafter und Unterhalter, als Partner gegen das Alleinsein und die Langeweile begriffen. Auch der Begriff „Vertrauen“ gewinnt für Freundschaften jetzt zunehmend an Bedeutung. Später im Jugendalter wird das Alleinsein als existentielle Grunderfahrung begriffen – das Alleinsein wird sowohl als eigenes „EinmaligSein“, als auch als „EinsamSein“ erfahren – was auch die Voraussetzung für die besondere Freundschaft im Jugendalter schafft, die sich zwischen den Polen der Selbsterfahrung als Individuum auf der einen Seite und der zukunftsgerichteten Gemeinsamkeit auf der anderen Seite entfaltet.


Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 „Ene, mene muh und raus musst Du!“
Seite 2 Jugendalter


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