Montag, 20. Mai 2019

Einfach zum Gähnen?

Ausgabe 03/2013

Es ist wie verhext: Kaum verabschiedet sich der Winter, macht sich bei vielen die berüchtigte Frühjahrsmüdigkeit breit. Doch dagegen können Sie ganz leicht etwas unternehmen!


Foto: Can Stock Photo Inc. - wacker

Draußen wehen die ersten feinen Lüftchen, kleine grüne Blätter sprossen an Sträuchern, die Sonnenstrahlen werden immer heller und kräftiger, und trotzdem: Man sitzt zu Hause, ist wie erschlagen von einer lähmenden Müdigkeit, kann sich zu nichts aufraffen und fühlt sich vielleicht auch noch leicht depressiv: Frühjahrsmüdigkeit!

Tipps gegen Frühjahrsmüdigkeit

Mit diesen sieben Tipps hat die Frühjahrsmüdigkeit keine Chance!

  • frische Kost (vitaminreich, Obst, Gemüse, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, leicht Verdauliches statt Fast Food)
  • ausreichend Flüssigkeitszufuhr gegen die „Austrocknung des Winters“
  • mehrere Mahlzeiten täglich (fünf statt drei)
  • wenig bis kein Alkohol und Nikotin
  • kalt-warme Wechselduschen (wirken kreislaufanregend)
  • Morgengymnastik (wirkt belebend)
  • positive Reize setzen (etwas im Freien unternehmen; lachen; helle, frische Kleiderfarben wählen ...)

Phase der Erneuerung. „Von der Frühjahrsmüdigkeit ist im Grunde jeder betroffen, denn der Jahreszeitenwechsel beeinflusst auch den Energiehaushalt des Menschen. Der Körper stellt sich nun um – auf mehr Licht, Wärme usw., und wir gehen von einer Phase der Ruhe in eine Phase der Aktivität, des Wachsens und Erneuerns. Das spürt man ganz einfach“, erklärt Allgemeinmedizinerin Dr. Michaela Trnka, die auch darauf hinweist, dass manche Menschen diesbezüglich empfindlicher sind als andere. Kriecht man also langsam heraus aus der „Schwere des Winters“, können einen typische Symptome wie Müdigkeit, Energielosigkeit und Lustlosigkeit packen. Und das hat mehrere Gründe: So ist etwa das für Schlaf und Ruhe zuständige Hormon Melatonin noch reichlich durch den dunklen Winter „aktiv“, während die Speicher des Glückshormons Serotonin, dessen Ausschüttung unter anderem durch die Sonne gefördert wird, weitgehend leer sind. Auch das kann den Körper müde machen bzw. Ruhephasen zu unpassenden Zeiten fordern lassen.  

Ungewohnte Wetterverhältnisse. Aber auch die veränderten Temperatur- und Luftdruckbedingungen spielen im Frühjahr eine Rolle. „Wenn es etwa mit Föhn zu einem plötzlichen Wärmeeinbruch kommt und somit eine große Temperaturschwankung gegeben ist, so stellt das für den Körper naturgemäß eine Belastung dar. Oft drückt sich das in einem Abfall von Stimmungs- und Energielevel aus, und manche Menschen leiden dann auch unter Kopfschmerzen, spüren ihre Narben oder ähnliches“, sagt Dr. Trnka. Die ungewohnte Wärme der schönen Jahreszeit kann zudem zur Blutgefäßerweiterung und zum Absinken des Blutdrucks führen, was oft mit einem Gefühl der Schwäche und Müdigkeit einhergeht. Außerdem führt der frühjahrstypische rasche Wechsel von Wärme und Kälte zu vermehrten Reizen auf das vegetative Nervensystem bzw. die Stresshormonausschüttung.

Altlasten des Winters. Was weiters eine Rolle spielen kann, sind gewisse „Altlasten“ des Winters. Dazu zählt etwa die Schwächung des Körpers durch grippale Infekte, denen die meisten in der kalten Jahreszeit vermehrt ausgesetzt sind. Und dazu zählt auch ganz prominent die typische Ernährung, der wir im Winter frönen, und die ist oft einseitig, reicher an Kalorien, Fett, Kohlenhydraten, aber ärmer an Vitaminen und Proteinen. Auch darauf kann der Körper mit Müdigkeit und Abgespanntheit reagieren.

Hören Sie auf die Natur!

GESÜNDER LEBEN bat die Allgemein- und Ganzheitsmedizinerin Dr. Michaela Trnka zum Interview.

GESÜNDER LEBEN: Was kann man gegen Frühjahrsmüdigkeit tun?
Michaela Trnka: Es geht in dieser Zeit um Reinigung und Vorbereitung auf etwas Neues. Ich empfehle dabei immer, zunächst einmal auf das zu achten, was die Natur ohnehin vorgibt. Das sind zum Beispiel ab März Pflanzen und Gemüsesorten wie etwa Bärlauch oder Radieschen. Diese wohlschmeckenden, scharf-würzigen Nahrungsmittel, auf die wir in dieser Zeit meist ohnehin Appetit haben, regen die Verdauungssäfte an, und wenn diese angeregt sind, so ist es der Energiefluss in der Regel auch.

GL: An welche weiteren Ernährungsempfehlungen sollte man sich halten?
Trnka: Eine gute Idee ist, sich in  dieser Zeit an die kulturell vorgegebene Fastenzeit zu halten. Das bedeutet nicht, dass man streng fasten muss. Es geht eher darum, eine Zeit lang schweres Essen, Alkohol und Nikotin wegzulassen und darauf zu achten, sich gut zu ernähren – also statt Junkfood und Fertigprodukten etwa selbst gemachte Suppen, vitaminreiche Ernährung, Obst, Gemüse oder Vollkornprodukte zu genießen.  

GL: Was ist in Sachen Bewegung zu beachten?
Trnka: Bewegung ist immer gut. Man sollte sie möglichst an der frischen Luft betreiben und dabei darauf achten, was einem selbst Spaß und Freude macht. Die einen gehen gern Radfahren, die anderen Joggen, wieder andere bevorzugen das leichte Gehen. Das Was ist nicht so wichtig, entscheidend ist vielmehr, durch eine dieser Tätigkeiten den Winter so richtig „auszumisten“, Platz zu schaffen für neue Energie, für Neues generell. Das macht die ganze Sache gleich viel leichter.

GL: Was ist von Kneippkuren in dieser Zeit zu halten?
Trnka: Wenn man sich so etwas gönnen möchte, spricht nichts dagegen. Im Gegenteil: Kneippen ist eine von vielen Methoden, die uns helfen, wieder in den Zyklus der Natur einzutreten und mit ihm zu gehen. Bei allen diesen unterstützenden Dingen geht es auch darum, sich wieder zu öffnen für das Neue, das die schöne Jahreszeit naturgemäß mit sich bringt.

Was ist normal, was krankhaft? All das ist freilich ganz normal und eindeutig abgegrenzt gegenüber krankhaften Müdigkeitserscheinungen wie etwa dem chronischen Erschöpfungssyndrom (CFS), bei dem Betroffene bei Weitem nicht nur im Frühjahr unter schweren Erschöpfungs- und Müdigkeitssymptomen leiden. Denn während die Frühjahrsmüdigkeit ein Phänomen ist, das sich, wenn man sich entsprechend verhält, relativ rasch wieder verschwindet, stellt das „chronische Erschöpfungssyndrom eine krankheitswertige schwerwiegende Erschöpfung dar, für die sich keine körperlichen Ursachen finden, die auch durch Schonung und Ruhe nicht behebbar ist und die auch nicht von der Jahreszeit abhängig ist“, erklärt der CFS-Experte, Facharzt für Psychiatrie Univ.-Prof. Dr. Harald Aschauer von der Universitätsklinik für Psychiatrie am AKH Wien. „Betroffene haben oft große Schwierigkeiten, auch nur den alltäglichsten Bedürfnissen nachzukommen, und da das CFS nicht heilbar ist, kann man nur von psychiatrisch-psychotherapeutischer Seite her versuchen, ihnen zu helfen, mit den Beschwerden besser umgehen zu lernen und so wieder eine bessere Lebensqualität zu gewinnen“, so Aschauer, der Betroffenen rät, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Augen zu und durch? Nein! Doch zurück zur normalen Frühjahrsmüdigkeit, die so gar nicht zu den ersten warmen Strahlen der Sonne zu passen scheint und mit der viele von uns zu kämpfen haben. Betroffene glauben oft, „da müsse man einfach durch“, und warten ab, bis sich das Ganze mit dem kommenden Sommer von selbst gibt. Doch in Wahrheit gibt es eine Vielzahl  an Möglichkeiten, mit denen man der Frühjahrsmüdigkeit gegensteuern kann. Wie so oft steht auch hier der Grundsatz „Bewegung und richtige Ernährung“ als oberstes Prinzip auf der Liste der To-dos. Gerade was die Ernährung betrifft: Jetzt im Frühling gibt es köstliches frisches Gemüse und Obst zu kaufen (unseren Monatsplaner finden Sie auf Seite 64). Oder probieren Sie doch unsere Rezepte auf Seite 57 aus – mit frischen Kräutern aus dem Garten, aus dem Wald oder von der Wiese lassen sich jetzt originelle und muntermachende Köstlichkeiten zaubern.

Positive Reize statt Resignation. Abgesehen von diesen Möglichkeiten empfehlen Experten, positive psychologische Reize zu setzen. Frühjahrsmüde sollten nicht in der düsteren Stube sitzen, sondern – am besten gemeinsam mit ihren Lieben – etwas Genussvolles in der freien Natur unternehmen. Vom Spaziergang mit Freunden bis zum Joggen, Radfahren oder Ballspielen im Park ist alles hilfreich, was gefällt. Einfach raus in die Natur und die wärmende Sonne genießen! Und: Ihrem Humor sollten Sie freien Lauf lassen, denn Lachen wirkt als positiver Verstärker. Apropos positiver Verstärker: Lassen Sie die schwarze Winterkleidung im Schrank hängen. Wie wäre es stattdessen mit einem hellen, frischen Outfit, das die Sinne reizt und die gute Laune steigert?

Unheilbar müde?

Im Gegensatz zur Frühjahrsmüdigkeit ist das chronische Erschöpfungssyndrom eine massive Belastung mit einem vielgestaltigen Krankheitsbild.

Das chronische Erschöpfungssyndrom (CFS) ist ein Krankheitsbild, das wissenschaftlich nur schwer zu fassen ist. Und definitiv von einer harmlosen Frühjahrsmüdigkeit unterschieden werden muss. Im Vordergrund steht eine schwere und lang andauernde Erschöpfung, für die sich keine körperlichen Ursachen finden lässt. Auch Schonung und Ruhe können das CFS nicht beheben. Häufigstes Symptom ist die leichte Ermüdbarkeit und das Erschöpfungsgefühl – auch bei wenig anstrengenden Tätigkeiten. Weitere Beschwerden können unter anderem Konzentrationsschwäche, Kopfschmerz, Muskelschmerzen, Benommenheit, Schlafstörungen und Reizbarkeit sein. Die Betroffenen sind nicht in der Lage, sich innerhalb eines angemessenen Zeitraums mit Ruhe, Entspannung oder Ablenkung zu erholen.

Was die Ursachen des CFS betrifft, so gibt es verschiedene Theorien, doch keine eindeutige und beweisbare Ursache. Auch eine wirksame medikamentöse Behandlung ist nicht bekannt. Bei vielen Patienten ist jedoch Psychotherapie ein Weg, besser mit den Symptomen des CFS umgehen zu lernen. Da sich das CFS durch Schonung und Ruhe nicht bessert, raten Experten Betroffenen zudem, eher zu versuchen, sich weiterhin möglichst aktiv zu verhalten. Auch gezieltes körperliches Training mit allmählich gesteigerter körperlicher Aktivität kann helfen.

Ein bisschen müde darf sein. Was Ihnen auch immer einfällt, Ihre Aktivität zu steigern, Ihre Sinne zu reizen und Ihre Laune zu heben: Tun Sie es und schlagen Sie so der Frühjahrsmüdigkeit ein Schnippchen! Eines noch zum Schluss: Ein bisschen frühjahrsmüde zu sein ist nicht verboten. Ein gewisses Maß an den typischen Symptomen darf man sich selbst auch „erlauben“, denn eine kleine Ruhepause, ein kurzes Nickerchen oder „Innehalten“ ist ja alles andere denn ungesund ...

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