Freitag, 22. Februar 2019

Ein Gläschen in Ehren?

Ausgabe 2015.07-08
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Alkohol gehört gerade in Österreich zum gesellschaftlichen Leben dazu. Allerdings sollte dieser verantwortungsvoll genossen werden – zur richtigen Zeit und mit Maß und Ziel.


Foto: © Can Stock Photo Inc. - DashaPetrenko

Kein Tag ohne Meldungen über Schlägereien nach Trinkgelagen, „komasaufende“ Jugendliche oder Unfälle, bei denen Alkohol im Spiel war. Der Deutschlandchef des weltgrößten Brauereikonzerns Anheuser-Busch InBev musste Anfang Juni wegen eines Autounfalls unter Alkoholeinfluss sogar seinen Posten räumen. Alkohol am Steuer sei mit der Firmenleitlinie nicht vereinbar, so ein Unternehmenssprecher. Promis geraten immer wieder in Blitzlicht, nachdem sie einen über den Durst getrunken haben. Genauso ist es eine Meldung wert, wenn sie sich selbst in Entzugskliniken einweisen bzw. dem Alkohol abschwören. Der deutsche Rockmusiker Udo Lindenberg meinte etwa anlässlich seines 69. Geburtstages Mitte Mai, er wolle künftig nicht mehr so viel trinken: „Ich war früher hauptberuflich Schluckspecht. Das habe ich geändert, jetzt gibt es gezielte Besäufnisse.“

„Alkohol-Republik“. Laut Informationen des Anton-Proksch- Instituts, Sonderkrankenhaus für Suchtkranke in Kalksburg bei Wien, sind über 330.000 erwachsene Österreicher alkohol-abhängig – viermal so viel Männer wie Frauen. Bis zu zehn Prozent aller hierzulande beschäftigten Personen sind alkoholkrank oder konsumieren so viel Alkohol, dass eine Suchtgefahr gegeben ist. In Zahlen: Bei rund 870.000 Österreichern ab 16 Jahren ist der Alkoholkonsum als medizinisch problematisch einzustufen. Das heißt, es besteht die ernste Gefahr, in die Abhängigkeit zu rutschen. Dabei muss man nicht einmal über Sucht und Abhängigkeit sprechen, denn schon was den durchschnittlichen Alkoholkonsum pro Kopf und Jahr angeht, liegen wir mit 12,2 Liter EU-weit nach Litauen und Estland an dritter Stelle. OECD-Zahlen zufolge trinkt der Österreicher 1,1 Liter mehr Alkohol als der EU-Durchschnitt. Die Ergebnisse einer im April veröffentlichten repräsentativen Umfrage des Marktforschungsinstituts GfK Austria (4.000 Teilnehmer über 15 Jahre) unterstreichen diese Zahlen: So gaben etwa 39 Prozent der Männer und 15 Prozent der Frauen an, zwei bis drei Mal pro Woche Alkohol zu trinken. 9 Prozent greifen sogar vier- mal oder öfter zum Glas. Außerdem ergab die Umfrage, dass rund 200.000 Menschen zu exzessivem Trinken („Binge-Drinking“) neigen. Wenngleich derartige Vergleichsdaten mit Vorsicht zu genießen seien, wie Marktforscher Rudolf Bretschneider betont, zeige die Studie deutlich, „dass der Alkoholkonsum hierzulande hoch und in der Mitte der Gesellschaft angesiedelt ist.“ Etwas pointierter bringt es Prim. Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek, FA für Psychiatrie und ärztlicher Direktor des Anton- Proksch-Instituts, auf den Punkt: „Wir sind immer im Spitzenfeld. Da schaffen wir jede Europameisterschaftsqualifikation locker.“

Nicht gesund. Doch: Wie viel „darf“ man trinken, bis von einer Alkoholabhängigkeit oder einem krankhaften Trinkverhalten die Rede ist? Eine Frage, die schwer zu beantworten ist, denn der Übergang vom Gelegenheitstrinken zum süchtigen Trinken, bei dem die getrunkene Menge stetig erhöht werden muss, ist fließend. Und der Betroffene bemerkt es meist nicht, dass er eine gefährliche Grenze überschritten hat. Zudem sagen Mengenangaben wenig darüber aus, wie hoch das Suchtrisiko ist. Nichtsdestotrotz gelten 16 g Alkohol bei Frauen und 24 g bei Männern als „medizinisch unbedenklich“. Das entspricht etwa einem Achterl Wein bei Frauen und einem halben Liter Bier bei Männern. Der tägliche Feierabenddrink macht uns also nicht gleich zum Alkoholiker – solange man ehrlich zu sich selbst ist (siehe Selbsttest). Übrigens: Obwohl man immer wieder liest, ein Glas Rotwein täglich wirke sich positiv auf die Gefäße aus, kamen schon 2005 neuseeländische Forscher zum Schluss, dass der positive Effekt derart gering sei, dass er nicht für den negativen Effekt, den Alkohol insgesamt hat, entschädigen kann. Und Anfang dieses Jahres erteilten britische Wissenschafter des University College London der vermeintlich heilenden Wirkung moderaten Alkoholkonsums erneut eine Absage: Eine Auswertung von Befragungen von mehr als 18.000 über 50-jährigen Engländern, die zehn Jahre lang ihr Trinkverhalten dokumentiert haben, zeigte keine positiven Auswirkungen auf die Gesundheit. Die Forscher glauben, dass lediglich methodische Ungenauigkeiten Alkohol bislang gut dastehen ließen.
Fakt ist: Alkohol ist ein potenziell toxisch wirkender Stoff. Ein Zellgift, das sowohl über die Schleimhaut des Dünndarms als auch über den Magen in den Blutkreislauf bzw. ins Gehirn gelangt. Eine „gscheite Grundlage“ (z. B. fetthaltige Speisen) verzögert die Alkoholaufnahme übrigens tatsächlich. Zudem kommt es auf das Körpergewicht sowie die körperliche und psychische Verfassung an, wie schnell Alkohol wirkt. Wer Medikamente einnimmt, sollte indes auf Alkohol verzichten, da dieser verstärkende oder verminderte Effekte auf Arzneimittel haben kann.

Mein Kind will keinen Alkohol. In der Schwangerschaft ist ohnedies jeder Schluck zu viel. Laut Prim. Dr. Klaus Vavrik, FA für Kinder- und Jugendheilkunde sowie Präsident der Liga für Kinder- und Jugendgesundheit, gelangt jeder Schluck Alkohol bis zum ungeborenen Kind, das in kurzer Zeit über die Nabelschnur den gleichen Alkoholpegel wie seine Mutter erreicht. In der Folge kann es zum Fetalen Alkohol Syndrom (FAS) kommen, einer vorgeburtlich entstandenen Schädigung des Kindes. Allein: Einer repräsentativen Studie im Auftrag der Initiative „Mein Kind will keinen Alkohol!“ zufolge, ist das Wissen um Alkohol in der Schwangerschaft hierzulande gering bzw. teilweise von falschen Vorstellungen geprägt. Und: Fast ein Fünftel der über 500 befragten Frauen gab an, während der Schwangerschaft Alkohol zu konsumieren. Vavrik spricht sich ganz klar für null Promille in der Schwangerschaft aus: „Die geistige Behinderung von Kindern ist mit die häufigste Folge von Alkoholkonsum in der Schwangerschaft. Die Menge des getrunkenen Alkohols entscheidet, in welchem Umfang eine Schädigung eintritt. Es gibt kein gesundes Maß an Alkohol in der Schwangerschaft! Auch ein Gläschen kann schädlich sein.“

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