Mittwoch, 22. Mai 2019

Ein Achterl in Ehren

Ausgabe 2016.10

Ein Glas Wein pro Tag erhält die Gesundheit – diese Volksweisheit hält sich hartnäckig seit Jahrzehnten. Jüngste Erkenntnisse zeigen, dass diese „Weisheit“ allerdings nur für ältere Menschen gilt.


Foto: © Can Stock Photo - michaeljung

Die Annahme, dass Wein positive Auswirkungen auf unser Wohlbefinden habe, basiert auf dem „französischen Paradox“: Ende der Siebzigerjahre entdeckten Forscher, dass Südfranzosen weniger Herzinfarkte erlitten als die Bewohner Nordeuropas – und das, obwohl sie sich an kalorienreichem Essen labten und auch der Zigarette und dem täglichen Glas Rotwein nicht abgeneigt waren. In Letzterem vermutete man des Rätsels Lösung. Bei Weinliebhabern machte sich das beruhigende Gefühl breit, mit etwas Angenehmen auch etwas Positives für die Gesundheit zu verbinden und Wissenschafter starteten unzählige Studien, um diese Annahme in Stein meißeln zu können. In der Tat schienen viele Versuche und Experimente über eine lange Zeit positive Ergebnisse zu liefern. Je nach Studie schien Wein die Blutfettwerte zu verbessern, verkalkten Arterien vorzubeugen und das Herzinfarktrisiko zu senken. Hinter dem Phänomen vermutete man Antioxidantien wie Resveratrol. Dem Pflanzenschutzstoff schrieb man neben der gefäßschützenden Wirkung gar zu, vor Lungenkrebs zu schützen. So stieg in den vergangenen Jahrzehnten vor allem Rotwein wegen seines hohen Anteils an antioxidativen Substanzen zum gesunden Alleskönner auf: Im Gegensatz zu seinem weißen Vertreter werden bei Rotwein ganze Trauben vergoren und somit auch die gesunden Inhaltsstoffe der Schale.

Wein als Medizin? Nein, aber mit Ausnahmen. Wein als Medizin – klingt fast zu schön, um wahr zu sein? Ist es leider auch. So zeigen die jüngsten Ergebnisse aus der Pilotstudie „In Vino Veritas“ des tschechischen Professors Milos Taborsky, dass Wein nur vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützt, wenn man zusätzlich mindestens zwei Mal pro Woche Sport betreibt. Helmut K. Seitz, Alkoholforscher des Alkoholzentrums in Heidelberg geht noch einen Schritt weiter: „Wein kann positive Auswirkungen auf die Herzgesundheit haben – aber nur für eine einzige Gruppe von Menschen“, erläutert der Experte. Frei nach Wilhelm Buschs Weisheit „Rotwein ist für alte Knaben eine von den besten Gaben“ seien dies ältere Menschen ab 60 Jahren, die altersbedingt ein höheres Risiko haben, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu erleiden, jedoch ansonsten gesund sind. „Bei diesen Personen hat Wein einen günstigen Effekt auf die Gefäße, weil er blutverdünnend wirkt und das HDL-Cholesterin im Blut erhöht“, erklärt Seitz. HDL-Cholesterin ist jenes Cholesterin, das aus den Körperzellen und Blutgefäßen zurück zur Leber gebracht und dort abgebaut wird.  LDL-Cholesterin verbleibt in den Blutgefäßen, kann sich an den Arterienwänden ablagern und so den Blutfluss behindern. Je höher daher der HDL-Spiegel, desto größer der Schutz vor Arteriosklerose, der Gefäßverkalkung. Ob man Rot- oder Weißwein zu sich nehme, um vom gefäßschützenden Effekt zu profitieren, sei jedoch egal. „Rotwein wird oft für seine Antioxidantien gepriesen. Sie müssten jedoch schon rund 100 Glas Rotwein zu sich nehmen, damit diese Substanzen Wirkung zeigen könnten.“

Alles in Maßen. Von dieser Quantitätsmethode ist nicht nur deshalb abzuraten, weil Alkohol in erster Linie den oxidativen Stress erst hervorruft, den die antioxidativen Substanzen dann bekämpfen sollen. Das Molekül gilt auch als Verursacher von mehr als 200 anderen Krankheiten. Vielen davon begegnet Prof. Seitz als Chefarzt im Klinikum Salem bei Heidelberg in seinem Berufsalltag: Lebererkrankungen, Magen- und Bauchspeicheldrüsen-Erkrankungen, Mund-, Kehlkopf- und Speiseröhren-Schäden, Stoffwechselerkrankungen bis hin zu Krebserkrankungen. „Alkohol schädigt jedes Organ und jede Zelle des Körpers“, so Seitz. Wie sehr, hängt nicht nur von der Regelmäßigkeit und dem Ausmaß des Konsums, sondern auch von der Konstitution ab. So liegen die empfohlenen Grenzwerte für Männer bei maximal 25 Gramm Alkohol täglich – das entspricht etwa einem Viertel Liter Wein. Frauen hingegen sollten nur maximal die Hälfte dieser Menge zu sich nehmen. „Sie reagieren wesentlich empfindlicher auf Alkohol, bauen ihn schlechter ab als Männer und entwickeln schneller Leberschäden und andere Krebserkrankungen, zum Beispiel Brustkrebs“, so Seitz. Vor allem Menschen mit einer genetischen Prädisposition, an Krebs zu erkranken, sollen demnach Alkohol generell so gut wie möglich meiden. Auch Personen, die Medikamente nehmen, rät Prof. Seitz Abstinenz. „Die Kombination von Alkohol und Medikamenten ist eine denkbar schlechte.“ So kann es durch den verlangsamten Abbau im Blut, den Alkoholkonsum bei gleichzeitiger Medikamenteneinnahme zur Folge hat, zu verstärkten unerwünschten Nebenwirkungen des Medikaments oder zu schwerwiegenden Leberschäden kommen. Auch rezeptfreie Medikamente wie Aspirin können in Verbindung mit Alkohol zu Magenschleimhauterkrankungen und im schlimmsten Fall Magenblutungen führen. Fazit: Alkohol tut dem Menschen im Allgemeinen nicht gut.

Weintrinker: gesundheitsbewusste Genießer? Eines ist aber fix: Wein in Maßen getrunken, schadet unserer Gesundheit wenig oder gar nicht. Zumal Untersuchungen zeigen, dass Weintrinker durchaus Genussmenschen sind, die bewusst einkaufen. Seitz: „In England wurden beispielsweise für ein Experiment 5 Millionen Kassenbons untersucht. Es zeigte sich, dass jene Menschen, die Wein kauften, auch generell gesündere Lebensmittel wählten, als jene, die vorwiegend Bier oder Schnaps erwarben.“ Sprich: Wer Wein trinkt, genießt offensichtlich gerne und kauft tendenziell gesündere Lebensmittel ein. Bleibt der Rat des Experten, maßvoll zu trinken, denn: „Eine gänzlich alkoholfreie Gesellschaft will ich mir auch nicht vorstellen“, so Seitz. „Alkohol in Maßen lockert und entspannt. Er wirkt ein bisschen wie Schmieröl für unsere Gesellschaft und sorgt dafür, dass wir in manchen Situationen, ob privat oder auch beruflich, leichter miteinander umgehen.“ Wie hält es der Experte selbst mit dem Alkohol? „Ich bekomme von Alkohol recht schnell Kopfschmerzen. Auf diese Weise besitze ich zum Glück eine natürliche Barriere vor zu großem Alkoholkonsum!“

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