Dienstag, 19. November 2019

Dumm & krank durchs Smartphone

Ausgabe 2019.10

Der durchschnittliche Intelligenzquotient und die Konzentrationsfähigkeit sinken seit Jahren. In orthopädischen Praxen wird der SMS-Daumen behandelt. Und in Suchteinrichtungen trifft man inzwischen Menschen, die ohne Handy nicht mehr leben können. GESÜNDER LEBEN über die Schattenseiten von iPhone & Co.


Foto: iStock-Mixmike

Drei Stunden und 25 Minuten. Das ist die Nettozeit, die der durchschnittliche Smartphonenutzer in Österreich mit seinem hosentaschengroßen Lieblingsgerät am Tag verbringt. Pro Jahr macht das 53 Tage und Nächte! Als Steve Jobs 2007 erstmals das iPhone vorstellte, konnte er sich gewiss nicht ausmalen, welchen Einfluss es auf unser Leben haben würde. 12 Jahre später, 2019, haben 6 Millionen Österreicher ein Smartphone, dessen Name übersetzt „schlaues Telefon“ bedeutet. Eine kontroverse Bezeichnung – macht es uns doch, Studien zufolge, dümmer statt klüger.

Wir werden immer dümmer
Für dieses IQ-Schrumpfen machen Wissenschafter ganz unterschiedliche Aspekte verantwortlich. Ein wesentlicher ist der ständige Wechsel zwischen verschiedenen, schnellen Tätigkeiten am Smartphone: In der einen Sekunde liest man einen News-feed, im nächsten Augenblick beantwortet man eine WhatsApp-Nachricht, gleich im Anschluss postet man ein Selfie auf Instagram und als Draufgabe schaut man sich ein YouTube-Video an. Dieses immens schnelle „hin- und her-Switchen“ verbraucht laut Studien rund 40 Prozent unseres Gehirnarbeitsspeichers. Weiters führen diese häufigen, aber nur kurz andauernden Smartphoneaktivitäten dazu, dass wir verlernen, uns auf eine Sache länger als zwei Minuten zu konzentrieren. Kontraproduktiv für den acht Stunden andauernden Büroalltag oder für 50-Minuten-Einheiten in Bildungsanstalten. „Ich kann mir gut vorstellen, dass uns das Smartphone insofern dümmer machen könnte, da es uns wichtige Erfahrungen nimmt. Ich habe da ein Bild vor Augen: ein Kind, das auf der Wiese eine Blume findet. Es riecht daran. Pflückt sie ab. Zerreißt sie in tausend Einzelteile. Fühlt. Spürt. Probiert. Testet aus. Das gleiche Kind hätte sich aber genauso gut ein YouTube-Video über dieselbe Blume ansehen können. Das ist aber nicht das Gleiche“, so Psychologe Dr. Dominik Batthyány. Er ist Leiter des Instituts für Verhaltenssüchte an der psychotherapeutischen Universitätsambulanz der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien. Dort beschäftigt man sich eingehend mit dem ungesunden Übermaß an Mediennutzung.

Smartphone hemmt Fantasie
„Man merkt schon deutlich, dass den Leuten etwas fehlt. Gerade dieses salopp bezeichnete Luftschlösserbauen, das fehlt jenen Menschen, die ihr Handy ständig in der Hand haben. Ob das nun in der U-Bahn ist oder während man in einem Wartezimmer sitzt. Man kann hier nie abschalten, man kann nicht in Gedanken schwelgen oder Pläne schmieden. Es kann nichts wirklich Neues entstehen. Man sieht sich bloß etwas am Smartphone an, das jemand anderes für einen vorgedacht hat“, erörtert Experte Batthyány. Wenngleich er zugeben muss, dass das Smartphone – oder generell das Internet – nicht ausschließlich Schlechtes gebracht hat. „Ich kann das Smartphone dazu nutzen, mir Wissen anzueignen, mich zu bilden, und zwar auf einem mehr oder weniger kostenlosen, einfachen Weg. Ich kann mich in Themen einlesen oder mir Dokumentationen ansehen, welche mir zuvor verwehrt geblieben sind. Ich kann das aber selbstverständlich übertreiben und mich ständig mit Infos zubombardieren, dann wird letztlich nichts von der Information hängen bleiben. Es ist alles eine Frage des ,Wie?’ und des ,Wie oft?’“, so Batthyány.

Manko: sich selbst spüren
Noch deutlicher leidet wohl der EQ unter dem Smartphonemissbrauch. Was ist damit gemeint? Mitte der 90er-Jahre ist in der Neurowissenschaft der emotionale Quotient beschrieben worden. Er definiert unsere ganz persönliche Fähigkeit, Gefühle zu verstehen, sie auszudrücken und dadurch logische Verhaltensmuster zu entwickeln. Etwa: Ich sehe einen Menschen weinen und habe das Bedürfnis, ihn trösten zu wollen. Oder: Ich erkenne die Angst in dem Gesicht eines anderen und fühle mich nun selbst bedroht und habe das Gefühl, flüchten zu wollen. „Das Smartphone schränkt uns ein, wir verpassen soziale und emotionale Erlebnisse. Wer sich immer nur in sein Gerät zurückzieht, der wird nicht lernen, sich selbst zu spüren, sich wahrzunehmen, seinen Körper und Geist kennenzulernen. Und erst recht nicht, den anderer“, sagt Psychologe Dr. Dominik Batthyány.

Internetrealität statt realer Kommunikation
Der erfahrene Psychologe hat in seinem Berufsalltag primär mit jenen Menschen zu tun, die sich bereits eingestehen, dass sie ein Mediensuchtproblem haben, oder mit Eltern, die ein ungesundes Verhalten ihrer Kinder beobachten. „Im Praxisalltag merkt man deutlich, dass Smartphones unfassbar viel Stress verursachen. Das fängt schon bei Schülern an, die dadurch gestresst sind, dass sie – sobald sie eine Nachricht erhalten – das Gefühl haben, sofort antworten zu müssen. Und das ist bei Erwachsenen kaum anders. Viele haben die Einstellung, dass, sobald man etwa eine E-Mail versendet, umgehend eine Nachricht zurückbekommen müsse, weil das Gegenüber diese ja sofort auf sein Smartphone transferiert bekommt“, macht Dominik Batthyány deutlich. Seiner Ansicht nach haben Smartphones daher nichts in Schulen zu suchen und Tablet-Klassen seien keine gute Idee unseres Bildungswesens. Ob das nun im Büro oder in einer Bildungsanstalt ist: Ist das private Smartphone dabei, dann ist man weniger fokussiert, man ist im Kopf bei diesen Geräten, und in den Pausen hängen viele über den Bildschirmen, anstatt miteinander zu kommunizieren. An dieser Stelle sei noch Folgendes kurz erwähnt: Es ist nichts Neues, das Stress (egal ob durch das Smartphone verursacht oder andere Kausalitäten betreffend) zu Übergewicht, psychischen Erkrankungen, Diabetes und Herz-Kreislauf-erkrankungen führen kann. Last, but not least: Cybermobbing. Wir wollen an dieser Stelle nicht zu sehr ins Detail gehen, sondern lassen die Statistiken sprechen. Etwa acht Prozent aller Smartphonenutzer wurden schon einmal „cybergemobbt“. Die Hälfte davon ist zwischen 18 und 19, die Jüngsten sind nur 7 Jahre alt. Von allen Cyberopfern hatten zumindest 20 Prozent schon einmal ernst zu nehmende Suizidgedanken. Wer davon tatsächlich schon einmal den Freitod gewählt hat, ist schwer auszumachen.

SMS-Daumen und WhatsAppitis in Orthopädiepraxen
Nun aber weg von den psychologisch-neurologischen Auswirkungen des Smartphones, hin zu den spürbaren physiologischen. Seit das Smartphone Einzug in unseren privaten und beruflichen Alltag gefunden hat, haben ganz neue laienmedizinische Begriffe die Orthopädie geprägt. So etwa der SMS-Daumen, der Handy-Nacken oder die WhatsAppitis. „ Dass wir uns zunehmend drinnen aufhalten, uns weniger bewegen und Bürotätigkeiten ausüben und aus diesen Gründen vermehrt unter Rücken- und Nackenschmerzen sowie Sehnenscheidenentzündungen leiden, ist streng genommen nichts Neues. Das private Nutzen des Smartphones verstärkt diese Problematiken bloß weiter: Wer oft und ständig seine Nase über das Handy streckt und gleichzeitig wenig Sport betreibt, der bekommt orthopädische Probleme“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Ronald Dorotka, Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie.

Sehnenscheidenentzündungen als Schmerzursache
Der SMS-Daumen etwa kommt durch übermäßig einseitiges Texten am Smartphone zustande. Dorotka: „Der Finger wird hier stark in Anspruch genommen und überlastet. Die Daumensehne produziert mehr Flüssigkeit, die Gelenkskapsel ist gereizt, die Sehnenscheide kann sich verdicken.“ In weiterer Folge kommt es zur Rötung, Schwellung und Bewegungseinschränkung und selbstverständlich zu Schmerzen. „Wobei die meisten Leute, die mit solchen Problemen zu mir kommen, oft meinen, sie würden wohl zu viel im Garten arbeiten, oder suchen noch ganz andere Ursachen. Sich einzugestehen, dass man aber zu viel am Handy tippt, das tun die meisten nur dann, wenn man als Arzt genau nachhakt“, so der Universitätsprofessor. Häufig regelt sich dieses Problem jedoch von selbst und findet gar nie den Weg zum Mediziner: Es tut weh, man tippt weniger, die Sehnenscheidenentzündung geht zurück. Ebenso kann es zu Entzündungen des Handgelenks, des Unterarms oder des Ellenbogens kommen. Die wirkungsvollste Therapie ist jedoch immer die gleiche: Schonen, schonen und nochmals schonen. Weiters ist der sogenannte Handynacken ein klassisches Symptom, der „Generation Smartphone“. Wer seinen Hosentaschencomputer in Händen hält, zieht die Schultern hoch, verspannt den Nacken und beugt seinen Kopf abwärts. „Muskeln und Sehnen verkürzen sich, es kommt zu Verspannungen und die Resultate sind wieder Bewegungseinschränkungen und Schmerzen“, erklärt Dorotka. Auch Kopfweh kann dadurch ausgelöst werden, besonders auf der Stirn-
seite, und die Verspannungsschmerzen können bis in Arme sowie Beine ausstrahlen und dort zu einer Gefühstaubheit, im Jargon als „Bamstigkeit“ bekannt, führen. Dorotkas Empfehlung ist daher genügend Ausgleichsbewegung: „Am besten eigenen sich Sportarten wie Klettern, Krafttraining und Rückenschwimmen. Weniger geeignet sind etwa nur Brustschwimmen oder stundenlanges Radfahren mit überstrecktem Kopf. Bei Kindern gilt jedoch: Egal welcher Sport, Hauptsache, viel Bewegung.“

Hilfe bei trockenen Augen
Ein zusätzliches, sehr häufiges physiologische Problem sind trockene Augen. Nicht nur wer ständig am Smartphone hängt, sondern viel fern- sieht oder vor dem PC sitzt, kennt das: Nach einiger Zeit brennen und kratzen die Augen und sind sichtbar gerötet. Der Grund dafür ist, dass man weniger blinzelt, wenn man gebannt vor sich hinstarrt. Entweder man gewöhnt es sich aktiv an, regelmäßiger den Lidschluss zu tätigen, bis man diesen vor dem Bildschirm automatisiert hat, oder greift zwischendurch zu Präparaten/Tropfen aus der Apotheke, die den Augapfel befeuchten. Und, nicht zu vergessen: Die wohl ungesündeste Art, das Smartphone zu benützen, ist im Straßenverkehr. Im ersten Halbjahr 2019 wurden bereits 195 Verkehrstote in Österreich verzeichnet. Neben dem Zuschnellfahren ist das Handy der Hauptgrund.

Smartphoneferien
Grund genug, um das Smartphone mal beiseitezulegen. Mittlerweile gibt es teure „Smartphone-Fastenkuren“ oder „Internet-Urlaube“, in denen einem nach Bezahlung jegliche Möglichkeit genommen wird, elektronische Information zu erhalten und elektronische Kommunikation zu üben. Es gibt sogar Diskotheken, Restaurants und Cafés, die ein explizites Handyverbot ausgesprochen haben. Außerdem gibt es eigene Apps, die man sich kostenfrei herunterladen kann, mit denen man einerseits seine eigene Smartphonenutzung überwachen und gleichzeitig gewisse Dienste einstellen kann: Zum Beispiel „WhatsApp-Nachrichten nur zwischen 17 und 18 Uhr empfangen“ oder „YouTube funktioniert nur an Wochenendnachmittagen“. Die Einstellungsmöglichkeiten sind grenzenlos. Ein erster Schritt zu mehr Gesundheit!

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