Samstag, 23. Februar 2019

„Die Zukunft ist schonend und effizient!“

Ausgabe 2017.03
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Von der Stirnlampe zur Kohärenztomografie, vom Starstich zur Genersatztherapie – und sogar die Erblindungsrate konnte erheblich gesenkt werden: Die Fortschritte der Augenheilkunde in den vergangenen 25 Jahren sind eindrucksvoll. GESÜNDER LEBEN warf mit Ophthalmologie-Expertin Prof. Dr. Ursula Schmidt-Erfurth einen Blick in die Vergangenheit – und natürlich in die Zukunft.


Foto: © Can Stock Photo - nastia1983

Die Augenheilkunde geht viele Tausende Jahre zurück: So verweisen Historiker auf Papyrus-Fragmente über die ägyptischen Medizin in der Zeit von 2500 bis 500 v. Chr., auf denen von augenheilkundlichen Therapieanweisungen die Rede ist. Auch in den Werken von Hippokrates sind Hinweise auf Behandlungen aus der Ophthalmologie (Augenheilkunde) zu finden. Und bereits um das Jahr 1000 v. Chr. kam ein arabischer Gelehrter auf den Gedanken, das Auge mittels optischer Linsen zu unterstützen – die Vorstufe der Brille also. Der Ursprung der modernen Augenheilkunde ist allerdings in Wien (!) zu finden: Hier schuf Georg Joseph Beer, Mitglied der Wiener Medizinischen Schule, 1812 im Allgemeinen Krankenhaus die erste Universitäts-Augenklinik der Welt. Ab diesem Zeitpunkt wurde die Ophthalmologie nicht mehr bloß als Teil der Chirurgie gesehen – womit die Augenheilkunde das älteste Spezialfach in der Medizin ist.

Die älteste belegte ophthalmologische Operation, der „Starstich“, ist 2500 Jahre alt. Man versuchte damit, den grauen Star zu behandeln. Bei dieser Operationsmethode, die bis in die Frühe Neuzeit angewandt wurde, stach der Arzt mit einer sogenannten „Starstichnadel“ in das Auge und klappte die getrübte Linse nach unten. So konnte wieder Licht unbehindert auf die Netzhaut fallen, aber mehr als den Unterschied von hell und dunkel konnte der Patient nicht (mehr) ausmachen. Doch seit dem riskanten „Starstich“ hat sich viel getan. Die größten medizinischen Fortschritte und aktuelle Trends in der Augenheilkunde erklärt Prof. Dr. Ursula Schmidt-Erfurth, Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie, im GESÜNDER LEBEN-Gespräch.

GESÜNDER LEBEN: Wo gab es in den vergangenen 25 Jahren die größten Fortschritte in der Augenheilkunde?
Ursula Schmidt-Erfurth: Der größte Fortschritt ist sicherlich, dass man überhaupt klar ins Augeninnere schauen kann – womit sich natürlich auch die Diagnostik erheblich verbessert hat. Die OCT-Untersuchung (Optische Kohärenz-Tomografie) hat sich erst 1996 in der Augenheilkunde durchgesetzt und ist mittlerweile unter Augenärzten die häufigste diagnostische Untersuchung. Mit dem Laserscanner kann man sich innerhalb weniger Sekunden und ohne direkten Kontakt mit dem Auge ein solch umfassendes Bild der Netzhaut machen, wie es ansonsten nur bei einer Gewebeentnahme unter dem Mikroskop möglich wäre. Mit der OCT ist es möglich, nicht nur die einzelnen Schichten des Auges genauestens zu erkennen, sondern auch jede einzelne Sinneszelle in der Netzhaut. So lassen sich viele der häufigsten Augenerkrankungen diagnostizieren, wie beispielsweise der graue und grüne Star, oder die altersabhängige Makula-Degeneration (AMD). In meinen Anfangszeiten als Augenärztin habe ich noch mit einer Stirnlampe gearbeitet, die sehr schnell sehr heiß wurde. Man hat damit nur äußerst wenig im Auge erkannt.

GL: Welche wichtigen Meilensteine in der Augenmedizin gab es in den vergangenen Jahrzehnten noch?
Ein weiterer großer Durchbruch war die Pharmakotherapie, also die systematische Behandlung von Patienten mit Medikamenten, die direkt ins Auge gegeben werden. Während es anfangs nur Augentropfen gab, erkannte man vor circa 25 Jahren, dass man Netzhauterkrankungen sehr gut behandeln kann, indem man Medikamente direkt ins Auge – in den Glaskörper – injiziert. Da das Auge ein geschlossenes und luftdichtes System ist, kommt das Medikament genau dorthin, wo es hinsoll, und bleibt vor allem auch dort. Seit gut zehn Jahren sind Biologika, also Antikörper, ein großes Thema in der Augenheilkunde. Es handelt sich hier vor allem um Medikamente, die auf schonende Weise die entgleisten biologischen Prozesse wieder regulieren können. Die Injektion von Biologika ist mittlerweile die am häufigsten angewandte Therapie in der Ophthalmologie. Unter anderem wird sie bei der Behandlung der feuchten AMD erfolgreich eingesetzt: Die Erblindungsrate konnte so von 80 auf 20 Prozent gesenkt werden. Ein anderer großer Fortschritt wurde im Bereich der nicht-invasiven Chirurgie gemacht: Bei der Operation des grauen Stars zum Beispiel wird durch Ultraschall die Linse zerkleinert und danach eine Kunstlinse eingesetzt. Das Auge muss nicht mehr aufgeschnitten werden.

GL: Welchen Stellenwert nimmt der Laser in der Augenheilkunde ein?
Einen sehr großen. Vor einigen Jahren wurde der Laser vor allem bei Netzhauterkrankungen eingesetzt – hier wurde er jedoch vollkommen von der Pharmakotherapie ersetzt. Durchgesetzt hat sich der Laser heute vor allem in der Kataraktchirurgie, also bei Operationen an der Linse: Ein Femtolaser arbeitet mit Infrarot-Lichtimpulsen im Bereich von Billiardstelsekunden. Das erlaubt hochpräzise Schnittführungen nach einem individuell angepassten Behandlungsplan: So können die Zugangsschnitte im Auge, die Eröffnung der Linsenkapsel und die Zerteilung des getrübten Linseninhaltes bei einer Grauer-Star-OP exakt und reproduzierbar ausgeführt werden. Das trägt auch dazu bei, dass die unkorrigierte Sehschärfe weiter verbessert und mögliche Nachtrübungen vermieden werden können. Im Rahmen der OP können mit dem Femtolaser auch gleichzeitig Hornhautverkrümmungen durch Hornhautentlastungsschnitte mit bisher unerreichbarer Präzision durchgeführt werden. Auch in der refraktiven, also kosmetischen, Chirurgie wird der Femtolaser an der Hornhaut sehr häufig angewandt. Dafür entscheiden sich all jene Patienten, die keine Brille oder Kontaktlinsen möchten. Eine Brille ist jedoch viel präziser als die Lasik-Operation.

GL: An welche Grenzen stoßen Augenärzte nach wie vor?
Es wird intensiv nach einer wirksamen Behandlungsmethode der trockenen Form der AMD geforscht – bisher sind hier alle der zahlreichen Studien gescheitert. Das ist sicherlich eine der größten Herausforderungen der Medizin, da an der AMD Millionen von Menschen erblinden. Auch die Ursache des grünen Stars, obwohl eine der Hauptgründe für Erblindung, ist noch nicht vollends geklärt, was sich natürlich auch auf die Therapie auswirkt.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 „Die Zukunft ist schonend und effizient!“
Seite 2 Genersatz- und Stammzellentherapie

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