Samstag, 04. Juli 2020

Die Zukunft der Allergien - Immuntherapie

Ausgabe 2020.04
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Immuntherapie im Fokus der Forschung

Auch wenn die genaue Antwort auf die Entstehung von Allergien noch nicht gefunden ist, arbeitet die Forschung fieberhaft an der Entwicklung verbesserter Behandlungsmethoden. Die derzeit beste Therapie ist die allergenspezifische Immuntherapie, die auch als Desensibilisierungsbehandlung bekannt ist. Während man mit der Einnahme von speziellen Medikamenten, sogenannten Antihistaminika, nur die Symptome einer Allergie zum Abklingen bringt, arbeitet die Immuntherapie an einer langfristigen Verbesserung, indem sie an der Ursache der Überreaktion ansetzt: „Patienten erhalten über einen langen Zeitraum kleine Dosen jenes Allergens, auf das sie allergisch reagieren, per Impfung subkutan verabreicht“, erklärt die Biotechnologin. „Das Ziel ist, die Toleranz des Immunsystems zu erhöhen und dadurch die Reaktion beim nächsten Kontakt mit dem Allergen zu schwächen.“ Aktuell befasst sich die Forschung damit, die Bedingungen der Immuntherapie zu verbessern. „Derzeit erhalten Patienten ungefähr alle sechs Wochen eine Impfung – und dies über einen Zeitraum von rund drei Jahren. Das ist sehr aufwendig und zeitintensiv, daher wird sehr viel Forschung in neue Verabreichungsarten investiert, wie zum Beispiel schnell auflösende Tabletten, die sich in Form einer sublingualen Therapie unter der Zunge auflösen.“

Ebenfalls im Zentrum der Forschung: der Impfstoff selbst. „Derzeit erhält man ein Gesamtproteinextrakt. Für Birkenpollenallergiker bedeutet das zum Beispiel, dass sie alle Eiweißkörperchen, die in Birkenpollen vorhanden sind, verabreicht bekommen – die allergieauslösenden Stoffe, aber auch alle anderen.“ Das Forschungsteam von Dr. Bohle arbeitet aktuell an der Entwicklung gentechnisch hergestellter Allergene: „Wir identifizieren dabei die eigentlichen Allergieauslöser und stellen diese Proteine dann in Reinform gentechnisch her.“ Der Patient erhält auf diesem Weg nur noch das spezifische Allergen anstelle eines Gesamtproteinextraktes. Ein weiterer Vorteil: „Gentechnisch hergestellte, sogenannte rekombinante Allergene können wir auch verändern und damit zum Beispiel die allergischen Nebenwirkungen verringern. So befasst sich der Forschungszweig der Hypoallergene damit, die Proteine so zu manipulieren, dass die IgE-Antikörper im Patienten diese nicht mehr erkennen und dann Symptome auslösen.“ Der Hintergrund: IgE, also Immunglobulin E, ist ein Bestandteil des Immunsystems und hat große Bedeutung bei allergischen Reaktionen und der Abwehr von Parasiten. Die neuen gentechnisch hergestellten Allergene können diese Immunglobuline nun austricksen: Sie werden nicht mehr als Fremdkörper erkannt, die Überreaktion bleibt daher aus. Der Vorteil für den Patienten: Das Immunsystem wird durch die Therapie dennoch auf Toleranz trainiert, doch das ohne Nebenwirkungen.

Allergische Doppelbelastung
Auch Kreuzallergien sind im Ansteigen. Darunter versteht man, dass Betroffene nicht nur auf ein Allergen einer bestimmten Allergenquelle, zum Beispiel auf spezifische Pollen, reagieren, sondern auch auf strukturell ähnliche Stoffe aus anderen Allergenquellen. Besonders häufig treten solche Kreuzreaktionen zwischen Pollen und Nahrungsmitteln auf. So kann etwa Sellerie bei Beifußpollen-Allergie Reaktionen auslösen oder Kern- und Steinobst bei Birkenpollen-Allergikern. Mit diesen pollenassoziierten Nahrungsmittel-Allergenen befasst sich auch das Forschungsteam rund um Dr. Bohle. „Wir beschäftigen uns aktuell mit dem Apfel – einem gesunden heimischen Obst, das gerade Birkenpollen-Allergikern zu schaffen macht“, so die Forscherin. Für Betroffene ist dies eine doppelte Belastung, die sich erheblich auf die Lebensqualität auswirkt, denn: Während die Pollen nur einige Monate im Jahr Beschwerden hervorrufen, sorgt die Apfelallergie das gesamte Jahr über für Probleme. Erforscht wird, warum Äpfel und Birkenpollen generell ähnliche Überreaktionen auslösen und ob neue Behandlungsmethoden Abhilfe leisten. „Wir haben das Allergen im Apfel gentechnisch hergestellt und dieses sogenannte ‚Mal d 1‘ in Reinform unter die Zunge von Betroffenen getropft. Unsere Pilotstudie hat gezeigt, dass dies eine vielversprechende Behandlungsform wäre, um die Apfelallergie zu verbessern.“

Österreichische Forschung im Spitzenfeld
Auch wenn die Ursache für das Entstehen von Allergien noch nicht geklärt ist, entstehen durch die intensive Forschung sehr viele innovative Ansätze und neue Behandlungsmethoden. „Und Österreich zählt seit Jahrzehnten zur internationalen Allergieforschungsspitze“, betont Bohle. Allein der Begriff Allergie geht auf den österreichischen Kinderarzt und Wissenschafter Clemens Freiherr von Pirquet zurück. Auch der Einsatz von rekombinanten – synthetisch hergestellten – Allergenen, der sich international in der Diagnostik durchgesetzt hat, nahm vor rund 30 Jahren seinen Ursprung in Österreich. „Das Hauptallergen der Birke, eines der ersten gentechnisch produzierten Allergene weltweit, wurde in Wien hergestellt“, so Bohle. Und auch ISAC, der Immuno-Solid-phase-Allergen-Chip, der mehr als 100 verschiedene Allergie-Verursacher bestimmen kann, entstand mit österreichischer Beteiligung. Bald soll auch der weltweit erste Impfstoff gegen Gräserpollen-Allergien, der von Forschern der MedUni in Kooperation mit der Wiener Firma Biomay AG entwickelt wurde, zur Verfügung stehen – mit der Zulassung wird für 2021 gerechnet.

ALTERNATIVMEDIZIN FÜR ALLERGIKER

Wer als Allergiker alternativmedizinische Hilfe sucht, hat zahlreiche Möglichkeiten.

Schüßler-Salze
Die Therapie mit Schüßler-Salzen geht auf den homöopathischen Arzt Dr. Wilhelm Heinrich Schüßler (1821–1898) zurück. Die Heilweise basiert auf der Annahme, dass Krankheiten durch Störungen des Mineralstoffhaushalts in den Zellen entstehen und durch die Gabe von entsprechend verdünnten Mineralsalzen geheilt werden können. „Die Behandlung bei Allergien kann sowohl prophylaktisch als auch zur Linderung akuter Symptome erfolgen“, erläutert Dr. Klaus Pöschl. Im ersten Fall rät der Pharmazeut zum Besuch eines Mineralstoffberaters, der durch eine Antlitzanalyse feststellen kann, welcher Bedarf an bestimmten Mineralsalzen zu erkennen ist. Man kann jedoch genauso ein entsprechendes Komplexmittel, welches Schüßler-Salze enthält, in der Apotheke kaufen. „Grundsätzlich kann man bereits im frühen Frühjahr, noch vor Auftreten der Allergie, also bereits vor der Pollen- oder Gräsersaison, vorbeugend damit starten, die empfohlenen Mineralsalze einzunehmen, um die Allergiebereitschaft herabzusetzen. Leidet man bereits an akuten Symptomen, empfiehlt sich besonders das Komplexmittel mit ausgewählten Schüßler-Salzen. „Die Mineralsalze sind in der Apotheke erhältlich. Lassen Sie sich von Fachleuten individuell beraten, welche Sie einnehmen sollten", so Dr. Pöschl. Ein großer Vorteil im Vergleich zu anderen antiallergischen Präparaten? „Schüßler-Salze machen nicht müde und sie sind für jede Altersstufe geeignet."

Akupunktur
Nach den Grundsätzen der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) hilft diese Methode durch die Stimulation von bestimmten Akupunkturpunkten mit Nadeln, die Lebensenergie des Körpers, das sogenannte Qi, auszugleichen und dadurch auch Krankheiten zu behandeln. Akupunktur eignet sich sowohl vor der Allergiesaison zur Stärkung und Unterstützung des Immunsystems als auch zur Linderung akuter Symptome. Laut Allergiezentrum Wien West erfahren rund 90 Prozent der Patienten eine Verbesserung ihrer Beschwerden.

Atemtherapie
Besonders Asthma-Patienten profitieren von der Atemtherapie. Studien belegen, dass Asthmatiker mit mittleren Beschwerden deutlich weniger inhalieren müssen, wenn sie regelmäßig Atemübungen durchführen. Bei einer Atemschulung werden Techniken und Entspannungsübungen erlernt, die Asthma-Betroffenen dabei helfen, besser mit akuten Attacken umzugehen, Notfallmedikamente richtig einzusetzen und die Ruhe zu bewahren. Zudem stärken solche Übungen auch das Zwerchfell und können das Lungenvolumen verbessern.
Klimatherapie
Ob im Gebirge, an der Nord- oder Ostsee, am Mittelmeer oder am Toten Meer: Laut Studienergebnissen profitieren Betroffene von Pollen- oder Hausstaubmilbenallergie sowie Asthmatiker von der reinen, allergenarmen Luft in den Bergen und am Meer. Auch Neurodermitis-Symptome können sich durch den hohen Salzgehalt in Wasser und Luft verbessern.

Heilbäder
Die unter dem Begriff Balneotherapie zusammengefassten Heilbäder blicken auf eine lange Geschichte zurück, sie wurden bereits in der Antike angewendet. Heute kommen heilende Bäder für viele Erkrankungen infrage, unter anderem auch für Betroffene von Heuschnupfen oder Neurodermitis. Patienten werden mit Wasser behandelt, das Inhaltsstoffe wie Jod, Salz, Heilerde, Sulfat, Moor oder Schwefel beinhaltet. Auch Kneipp’sche Verfahren, Wechselduschen und Saunagänge können Betroffenen helfen.

Die Kraft der Pflanzen
Für die Wirkung von Heilpflanzen bei Allergien gibt es wissenschaftliche Belege. So wies eine klinische Studie nach, dass Tabletten mit dem Extrakt der Pestwurzpflanze bei Pollenallergikern große positive Auswirkungen haben. Süßholzwurzel-, Efeu- oder Wollblumen-Präparate können bei Asthmatikern dazu beitragen, die Beschwerden zu lindern, weitere Arzneipflanzenpräparate wirken schleimlösend und hustenlindernd.

Übersicht zu diesem Artikel:
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