Samstag, 04. Juli 2020

Die Zukunft der Allergien

Ausgabe 2020.04
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Mehr als ein Drittel aller Österreicher ist von einer Allergie betroffen, Tendenz steigend. Während die Ursache für die Überreaktion des Immunsystems auf bestimmte Stoffe noch nicht eindeutig geklärt ist, macht die Allergieforschung große Fortschritte – mit führender österreichischer Beteiligung. Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. Barbara Bohle von der MedUniWien erläutert im Gespräch mit GESÜNDER LEBEN die wichtigsten aktuellen Erkenntnisse.


Foto: © iStock-bluecinema

Pia Ls. Augen sind gerötet und jucken. Ihre Nase läuft, dazu gesellen sich Niesattacken. Die Angestellte kennt diese Symptome nur zu gut. Seit vielen Jahren stellen sich diese üblicherweise pünktlich zu Frühlingsbeginn bei ihr ein. Dieses Jahr jedoch startete das große Kribbeln bei der Pollenallergikerin bereits im Jänner. „Durch die Klimaerwärmung beginnen die Symptome für Pollenallergiker immer früher“, erklärt Univ.- Prof. Dipl.-Ing. Dr. Barbara Bohle, die das Institut für Pathophysiologie und Allergieforschung der MedUniWien leitet. „Gerade Frühblüher wie die Birke, Hasel oder Erle treiben mittlerweile schon im Winter aus und verlängern dadurch die Saison für Betroffene von Pollenallergien und Heuschnupfen. Das wärmere Klima hat also auf jeden Fall Auswirkungen für Allergiker, allerdings in beide Richtungen.“ Während die pollenfreie Zeit immer kürzer wird, gedeihen andere Pflanzen wie der Beifuß durch steigende Trockenheit und Temperaturen immer schlechter. Entwarnung für Beifuß-Allergiker bedeutet das jedoch nicht, denn Flora mit ähnlichen allergieauslösenden Stoffen, wie etwa die Ambrosie, die bisher in unseren Gefilden nicht beheimatet war, breitet sich durch die wärmeren Temperaturen nun auch hierzulande aus.

Generell gilt: Die Zahl an Allergiebetroffenen nimmt jährlich zu. Laut einer Langzeitstudie zur Gesundheitssituation der Bevölkerung (LEAD-Studie), die vom Ludwig Boltzmann Institut für COPD und Pneumologische Epidemiologie durchgeführt wird, sind 37 Prozent aller Untersuchten betroffen – Tendenz steigend. So zeigen die jüngsten, 2017 veröffentlichten Ergebnisse der Studie, bei der 11.428 Personen im Alter von sechs bis 80 Jahren aus Wien und Niederösterreich regelmäßig untersucht werden, einen Anstieg der Häufigkeit von Allergien um 13 Prozent seit 2012 – und das vor allem bei Kindern und Jugendlichen.

Multifaktorielle Erkrankung
Bei einer Allergie handelt es sich um eine Überreaktion unseres Immunsystems. Nach wiederholtem Kontakt mit bestimmten Stoffen erkennt das körpereigene Abwehrsystem diese als fremd und bedrohlich. Obwohl diese sogenannten Allergene – wie etwa Pollen, Gräser, Tierhaare oder bestimmte Nüsse – für den Organismus nicht schädlich sind, aktiviert das Immunsystem als Antwort auf die vermeintlich bedrohlichen Eindringlinge einen Abwehrprozess, bildet spezifische Antikörper und speichert diese Sensibilisierung in der Erinnerung. Infolge kommt es bei jedem weiteren Kontakt mit dem spezifischen Allergen zur Einschaltung derselben Abwehrmechanismen. Doch warum sind manche Menschen davon betroffen und andere nicht? „Wir wissen, dass die genetische Komponente eine Rolle spielt“, erläutert Barbara Bohle. „Das Auftreten einer Allergie kann jedoch nicht allein auf die Gene zurückgeführt werden. Es handelt sich um eine multifaktorielle Erkrankung, das bedeutet, dass das Aufeinandertreffen von vielen verschiedenen Faktoren wie Umweltveränderungen oder die Ernährungsweise dafür sorgen kann, dass jemand zum Betroffenen wird.“ Im Fokus der Forschung stehe aktuell das Mikrobiom. „Dabei handelt es sich um die Gesamtzahl der Bakterien, die sich vor allem im Darm, aber auch in der Lunge und auf der Haut befinden und die ebenfalls Einfluss auf die Entstehung von Allergien haben.“ So zeigen Studien, dass Kinder, die durch einen Kaiserschnitt auf die Welt kommen, eher zu Allergien neigen. Der Grund: Während bei einer Spontangeburt das Baby die Keime der vaginalen Bakterienflora seiner Mutter aufnimmt, dominieren bei einem Kaiserschnitt die gängigen Hautbakterien ohne Bezug zum mütterlichen Mikrobiom. Das Mikrobiom des Neugeborenen baut sich daher anders auf. Laut der sogenannten Hygienehypothese wirken sich auch höhere Hygienestandards begünstigend auf die Entwicklung einer Allergie aus. Verschiedene Studien belegen, dass Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen und durch den Kontakt mit Tieren mit vielen – harmlosen – Bakterien in Kontakt kommen, seltener an Allergien erkranken als etwa Stadtkinder, die durch zu hohe Hygienestandards zu wenig harmlosen Erregern ausgesetzt sind, die das Immunsystem schon in frühen Jahren stärken. „Aktuell wird erforscht, um welche spezifischen Bakterien es sich handelt. Was wir wissen, ist jedoch, dass es nur ein sehr kleines sogenanntes ,Window of Opportunity‘ gibt. Das bedeutet, dass der Kontakt zu den Bakterien vor dem ersten Geburtstag erfolgen muss“, erläutert die Forscherin.

Übersicht zu diesem Artikel:
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